Als die Fernsehwelt bunt wurde

Geschrieben am 25.08.2017 von

Am 25. August 1967 startete Außenminister Willy Brandt auf der Funkausstellung in Berlin das deutsche Farbfernsehen. Es benutzte das System PAL, eine Entwicklung der Firma Telefunken und des Ingenieurs Walter Bruch. PAL basierte auf dem amerikanischen NTSC-Verfahren, vermied aber dessen technische Schwächen. Am 25. und 26. August sendeten ARD und ZDF die ersten bunten Fernsehshows.

Vor 50 Jahren war die IFA noch nicht international, sondern nur die Große Deutsche Funkausstellung, und die 25. eröffnete am Freitag, dem 25. August 1967, in Berlin. Um 9:30 Uhr begann in der Deutschlandhalle neben dem Messegelände die Eröffnungszeremonie. Es sprachen der Regierende Bürgermeister, der Bundespostminister, der ARD-Vorsitzende, der ZDF-Intendant, der Leiter des Zentralverbands der Elektrotechnischen Industrie und schließlich der Vizekanzler und Außenminister Willy Brandt.

Kurz vor 11 Uhr erreichte Brandt das Ende seiner Rede und gab „den Startschuss für das deutsche Farbfernsehen“. Da er beim Druck auf den Knopf eine Pause einlegte, schaltete der zuständige Techniker jenes Fernsehen schon eine Sekunde früher ein – siehe Minute 0:35. Das merkten aber nur die 6.000 Haushalte, die einen der neuen Empfänger besaßen. Auf jeden Fall war die Bundesrepublik nach den USA, Japan, Kanada und England das fünfte Land, wo man die Mattscheibe bunt sehen konnte.

Die Amerikaner taten das seit 1954. Ihr Farbfernsehsystem NTSC war jedoch nicht frei von Fehlern. Wer vor einem NTSC-Gerät saß, musste öfter aufstehen und die Farben justieren. Das lag daran, dass die dem Schwarz-weiß-Bild hinzugefügten Farbinformationen ungenau übertragen wurden. Die Verfälschung war den Ingenieuren in den USA bekannt, und sie grübelten über Methoden, um sie zu beheben. Außer Patentanmeldungen passierte aber nicht viel. Nach wie vor galt: „NTSC – Never The Same Color“

Farbe BRD: PAL-Empfänger von Philips – das Gerät wog einen Zentner   (Foto Philips GmbH)

Den europäischen Rundfunkanstalten war klar, dass sie NTSC nicht einfach übernehmen konnten. Der französische TV-Pionier Henri de France entwickelte schon in den 1950er-Jahren das System SECAM („Séquentiel couleur à mémoire“). Es übertrug die Farbe ohne Fehler, wobei es die Farbsignale für die Bildschirmzeilen kurzfristig speicherte. Im Labor der Firma Telefunken in Hannover entstand wenig später PAL („Phase Alternating Line“). Sein Erfinder Walter Bruch griff auf eine ältere Idee des US-Ingenieurs Bernard Loughlin zurück.

In Loughlins System erschienen fehlerhafte Zeilen so auf dem Schirm, dass sich für einen entfernt sitzenden Zuschauer die falschen Farben zu einem korrekten Bild vermischten. Es fand eine automatische Farbkorrektur statt. Walter Bruch entwarf für dieses Konzept eine elektronische Schaltung, die Korrektur fand also im Fernseher statt. Die Patentierung war nicht einfach, denn auch PAL speicherte eine Bildzeile mit einer Verzögerungsleitung. Erst 1969 erhielt Telefunken das Patent Nr. 1.252.731 für einen „Farbfernsehempfänger für ein farbgetreues NTSC-System“.

Anfang 1963 führte Walter Bruch seine Technik Experten der Europäischen Rundfunkunion vor. In der Folgezeit reiste er durch die ganze Welt und warb dafür. Die meisten europäischen Länder übernahmen PAL, Frankreich und der Ostblock entschieden sich für SECAM. Die Sender der ARD steckten 32 Millionen DM in die Vorbereitungen des Farbfernsehens. Das ZDF gab 20 Millionen aus, die Post 30 Millionen. Die Geräteindustrie investierte an die 100 Millionen. Die Konsumenten zahlten für einen Farbempfänger um die 2.000 DM.

Farbe DDR: SECAM-Fernseher RFT Color 20 von 1969 (Bundesarchiv, Bild 183-H0812-0031-001 / CC-BY-SA 3.0)

Lange vor dem offiziellen Start strahlten ARD und ZDF farbige Testprogramme aus. Nach Willy Brandts Knopfdruck am 25. August 1967 sendeten beide Kanäle um 14:30 Uhr den Farbfilm „Cartouche, der Bandit“ mit Jean-Paul Belmondo. Wollte man die Franzosen ärgern, die erst im Oktober ihr SECAM fertig hatten? Um 20 Uhr brachte das ZDF aus der Deutschlandhalle die erste bunte TV-Show der deutschen Fernsehgeschichte, „Der goldene Schuß“. Der Conferencier war Vico Torriani, alles andere ist zu Recht vergessen.

Einen Tag später, am 26. August 1967, trat die ARD ins Farbzeitalter ein. Um 16:30 Uhr führten der Amerikakorrespondent Gerd Ruge und eine junge Kanadierin durch die gerade laufende Weltausstellung in Montreal. Nach der schwarz-weißen Tagesschau hob sich der Vorhang für den „Gala-Abend der Schallplatte“. Vivi Bach und Dietmar Schönherr moderierten ein farbenfrohes Musikprogramm, das in weiten Teilen auf YouTube erhalten ist und immer noch Spaß macht. Hier kann man Esther und Abi Ofarim erleben und hier Bert Kaempfert und sein Orchester. Die Trompete spielte Manfred Moch.

Die Funkausstellung schloss am 3. September 1967; der farbige Normalbetrieb begann. In der ersten Zeit wurde jede PAL-Sendung noch durch einen Vorspann eingeleitet; die ARD benutzte eine Animation, das ZDF ein Prisma. (Ein Video oder Foto scheint nicht erhalten zu sein.) Am 3. Oktober 1969 wurden auch die Bildschirme der DDR bunt. Es galt der SECAM-Standard; nach der Wiedervereinigung wurde auf PAL umgestellt. Bis dahin sahen Ost- und Westdeutsche das Programm der anderen meist schwarz-weiß, es sei denn ihr Fernsehgerät verarbeitete mithilfe eines Decoders beide Systeme.

Im Jahr 2017 läuft Walter Bruchs System noch in einigen Kabelnetzen; 2018 werden aber auch sie auf Digital-TV umgestellt. Unser Eingangsbild zeigt die am 10. August erschienene Sonderbriefmarke des Bundesfinanzministeriums zum Farbfernsehgeburtstag. Der Entwurf stammt von Andreas Ahrens, Hannover.

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