Computerszene 1952

Geschrieben am 21.07.2017 von

Im Juni des Jahres 1952 ging in Göttingen der erste deutsche Elektronenrechner in Betrieb, die G1. Im folgenden Juli fand in der RWTH Aachen die erste deutsche Tagung zur Informatik statt. Auf dem Kolloquium für programmgesteuerte Rechengeräte und Integrieranlagen sprachen fachkundige Experten, darunter Konrad Zuse. Unter den Zuhörern befand sich auch der junge Heinz Nixdorf.

„Sie sehen, ich konnte es kaum besser treffen. Am kommenden Dienstag fahre ich mit Herrn Lücking zur T. H. nach Aachen. Dort sprechen Zuse, Walther, Biermann aus Göttingen, Herren von Schoppe + Fäser und aus London. Herr Lücking ist davon überzeugt, dass auf Jahre hinaus Arbeit für uns beim RWE ist.“

Diese Zeilen stammen aus einem Brief, den der 27-jährige Heinz Nixdorf am 16. Juli 1952 an den Physiker Walter Sprick schrieb. Sprick arbeitete seit Jahresbeginn in Böblingen für die IBM Deutschland; zuvor war er bei Remington Rand in Frankfurt gewesen, wo er auch Kontakt zu Heinz Nixdorf hatte. Der saß inzwischen in einer Kellerwerkstatt des RWE in Essen und baute, aus der Ferne von Sprick unterstützt, einen Elektronenrechner. Josef Lücking war in der Energiefirma sein direkter Ansprechpartner.

Was Nixdorf und Lücking nach Aachen lockte, war das Kolloquium für programmgesteuerte Rechengeräte und Integrieranlagen. Dieses war eine Veranstaltung von vier Instituten der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule und die erste deutsche Konferenz über Computer. Organisiert wurde sie vom Mathematiker Hubert Cremer. Der Hinweis in Nixdorfs Brief legt nahe, dass sie am Dienstag, dem 22. Juli 1952, stattfand oder vielleicht am 23. Juli. Die Broschüre des Kolloquiums lässt sich herunterladen – doch Achtung, es sind 37 MB.

Das erste Referat des Tages hielt Hans Bückner von der Mindener Firma Schoppe & Faeser. Sie hatte gerade einen großen mechanischen Analogrechner fertiggestellt und nach England geliefert. Dort stand er in London im Nationalen Physiklabor, dem britischen Gegenstück zur deutschen Physikalisch-Technischen Bundesanstalt. Bückner schilderte einen mittelgroßen elektrischen Analogrechner, den Integromat. Er befand sich gerade in der Entwicklung; 1953 kam ein Exemplar in die Universität Hamburg.

Hauptgebäude der RWTH Aachen                                              Foto א (Aleph)    CC BY-SA 2.5

Der zweite Referent war der einzige aus dem Ausland. Joachim Weyl, Sohn des deutschen Mathematikers Hermann Weyl, leitete die mathematische Abteilung des Forschungsinstituts der US-Marine. Er gab einen informativen und auch amüsanten Überblick über fünfzehn amerikanische Elektronengehirne. Dabei wies er auf ihre oft mangelnde Betriebssicherheit hin. Weyl nannte in seinem Vortrag auch die kommerziellen UNIVAC-Computer von Remington Rand; die im Mai 1952 angekündigte IBM 701 erwähnte er nicht.

Danach sprach der Astrophysiker Ludwig Biermann. Er arbeitete im Max-Planck-Institut für Physik in Göttingen und hatte die Entwicklung von Elektronenrechnern initiiert. Seine rechte Hand war der Physiker Heinz Billing, den wir im Blog schon kennenlernten. Die von Billing entwickelte Maschine G1 lief bereits, der Nachfolger G2 befand sich im Bau. Aus Biermanns Vortrag erfahren wir die erste Aufgabe, die die G1 löste. Es war der Ursprung des Nordlichts, genauer gesagt, die Bewegung  elektrisch geladener Teilchen im Magnetfeld der Erde.

Das letzte Referat trug Konrad Zuse vor. Er war damals Chef der Zuse KG im hessischen Neukirchen; hier ging der Relaisrechner Z5 der Vollendung entgegen, den die Optikfirma Leitz bestellt hatte. Der Vortrag kombinierte Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Computers, wobei Zuse viele eigene Erlebnisse einfließen ließ. Nachzutragen ist, dass das Vorwort der Tagungsbroschüre einen Vortrag des Darmstädter Rechentechnikpioniers Alwin Walther erwähnt. Abgedruckt wurde er aber nicht.

Am Ende fand, wie es sich gehört, die Abschlussdiskussion stand. Sie widmete sich sowohl der analogen als auch der digitalen Rechentechnik. Cheforganisator Hubert Cremer war sicherlich zufrieden, und im Tagungsband erwähnt er den über Erwarten großen Besuch der Veranstaltung. Wir dürfen annehmen, dass Heinz Nixdorf und der RWE-Kollege Josef Lücking mit vielen neuen Informationen nach Essen zurückfuhren. Unser Eingangsbild oben zeigt Nixdorf – der junge Mann mit Brille – als Student in Frankfurt anno 1950.

Schließen möchten wir mit einem Cremer-Zitat aus dem Tagungsband: „Die Erstellung von Großrechenanlagen gehört meines Erachtens ebenso zum Aufbau der deutschen Technik wie der Ausbau von Berg- und Hüttenwerken. Ein Land, das in dieser Entwicklung zurückbleibt, wird seine Versäumnisse bald am Rückgang seines Exportes sehr schmerzlich spüren.“ Verfasst vor 65 Jahren – da kommt man schon ins Grübeln.

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