Daten aus dem Untergrund

Geschrieben am 22.04.2016 von

Am 22. April 1956 endete die wohl spektakulärste Aktion des US-Geheimdienstes CIA und des englischen MI6 in Berlin. Ostdeutsche Techniker und russische Militärs öffneten einen 450 Meter langen Spionagetunnel, der vom amerikanischen in den sowjetischen Sektor führte. Hier hatten CIA und MI6 einen Kabelstrang angezapft. Über elf Monate konnten sie Telefonate abhören und Fernschreiben aufzeichnen.

„Muss da noch Schrauben ziehen – kleiner – Schraubenzieher der nicht zu groß – nee nee nee – hallo nein der ist zu klein – It’s gone, John.

Diese Worte wurden vor sechzig Jahren, am 22. April 1956 kurz vor 16 Uhr mit einem Tonbandgerät in Berlin-Rudow aufgezeichnet, im amerikanischen Sektor der damals noch geteilten Stadt. Der Satz am Schluss kam von einem US-Soldaten, der am Gerät saß. Die anderen nahm ein Mikrofon in einem Tunnel auf, der von jenem Haus ausging und sich 450 Meter in östlich-südöstlicher Richtung erstreckte. Sie stammten von Fernmelde-Technikern, die am anderen Ende in den Tunnel eingedrungen waren, in Berlin-Altglienicke im russischen Sektor.

Tunnel-Karte von der CIA

Tunnel-Karte von der CIA

Der Mitschnitt bildet das Ende der wohl aufwendigsten Spionageaktion in Berlin. Wie man weiß, wurde die Stadt 1945 in vier Sektoren geteilt, in denen die Siegermächte Truppen stationierten und besondere Rechte hielten. Bis zum Bau der Berliner Mauer war der Verkehr zwischen den Sektoren möglich. Die Geheimdienste von England, Frankreich, den USA und der UdSSR erkannten bald die Chancen, die ihnen die Regelung bot. Berlin avancierte zur Spionagehauptstadt des Kalten Krieges, in der nur ein Schritt zwischen der freien Welt und dem bösen Ostblock lag.

Es war der englische Geheimnis MI6, auch SIS oder Secret Intelligence Service genannt, der die Idee mit dem Tunnel hatte. Schon 1949 gruben MI6-Männer einen 20 Meter langen Tunnel in Wien, das wie Berlin in Sektoren geteilt war. Er führte in Wien-Schwechat vom britisch kontrollierten Gebiet zu einem Kabelstrang, der das sowjetische Hauptquartier im Stadtzentrum mit dem Umland und letztlich Moskau verband. In der Operation Lord – die CIA sprach von Operation Silver – wurde er angezapft und lieferte wichtige Informationen während des Koreakriegs.

Ehemalige CIA-Station in Berlin-Dahlem

Ehemaliges Berliner CIA-Hauptquartier in Dahlem

Die CIA wollte gerne die Abhöraktion in Berlin wiederholen. Von 1951 bis 1953 einigten sich Briten und Amerikaner auf ein gemeinsames Vorgehen. In der geteilten Stadt bot sich die Gelegenheit, in die Kommunikation der Roten Armee und ihres Geheimdienstes GRU zwischen den Standorten Schönefeld und Wünsdorf, die südlich von Berlin liegen, und dem Ost-Berliner Bezirk Karlshorst einzubrechen, wo auch der allmächtige KGB saß. Praktischerweise verliefen die von den Russen genutzten Kabel nicht weit von der südöstlichen Ecke des US-Sektors in Rudow.

Die CIA zog den Tunnel, zeichnete die gewonnen Telefonate auf und entschlüsselte die Telexe. Die Briten übernahmen das Anzapfen der Kabel und die Vorverstärkung der Signale. Außerdem betrieben sie ein Auswertungszentrum in London, das die Aufnahmen der Telefongespräche transkribierte und übersetzte. Ein weiteres Zentrum befand sich in Washington. Die 1952 gegründete NSA hatte mit dem Tunnel nichts zu tun. Projektleiter William King Harvey saß im Berliner CIA-Hauptquartier in Dahlem.

Besucher am Tunnel; am Horizont sind die CIA-Gebäude zu erkennen (Foto Bundesarchiv, Bild 183-37695-0039 / CC-BY-SA 3.0)

Besucher warten am Tunnel; links am Horizont sind die CIA-Gebäude in Rudow zu erkennen (Foto Bundesarchiv, Bild 183-37695-0039 / CC-BY-SA 3.0)

In Rudow errichtete eine lokale Firma drei Gebäude, angeblich für eine Radarstation. Von einem der Häuser gruben Pioniere der US Army ab August 1954 den drei Meter unter der Erde verlaufenden und 450 Meter langen Stollen, der die Sektorengrenze unterquerte und unter der Schönefelder Chaussee in Altglienicke endete. Mitarbeiter des MI6 erweiterten den Tunnel durch einen Schacht nach oben. Hier konnten sie die knapp unter dem Boden laufenden Kabel erreichen.

Am 11. Mai, am 21. Mai und am 2. August 1955 wurden drei Kabelbündel erfolgreich angezapft: Die Operation Gold begann. Andere Decknamen lauteten Stopwatch, PBJOINTLY, Regal und Prince. Noch im Tunnel und geographisch auf Ost-Berliner Gebiet flossen die entnommenen Signale in eine meterlange Reihe von Verstärker-Regalen. Von dort ging es weiter zu Hunderten von Tonbandgeräten, die rund um die Uhr in der „Radarstation“ in Rudow liefen. Die Bandrollen wurden in regelmäßigen Abständen nach London ausgeflogen.

Sowjetischer Offizier im östlichen Bereich des Spionagetunnels (Foto Bundesarchiv, Bild 183-37695-0003 / Junge, Peter Heinz / CC-BY-SA 3.0)

Sowjetischer Offizier vor den Verstärker-Regalen im östlichen Bereich des Spionagetunnels (Foto Bundesarchiv, Bild 183-37695-0003 / Junge, Peter Heinz / CC-BY-SA 3.0)

Die Lauschaktion endete elf Monate und elf Tage nach dem Start. In den frühen Morgenstunden des 22. April 1956 verschafften sich ostdeutsche Techniker und sowjetische Offiziere Zugang zur Abhörstelle und zum Tunnel direkt dahinter. Das war keine zufällige Entdeckung, sondern eine sorgfältige Inszenierung des KGB, der durch den Doppelagenten George Blake seit 1953 von der Operation Gold wusste. Um Blake zu schützen, hatte der KGB aber weder die Rote Armee noch die GRU unterrichtet und den Informationsabfluss an CIA und MI6 in Kauf genommen.

Es stellt sich die Frage, ob der sowjetische Geheimdienst nicht auch Spielmaterial in den Telefon- und Fernschreibverkehr einspeiste. Nach allem, was man weiß, ist das nicht passiert. Die westlichen Dienste konnten sich also zu Recht über die Erträge des Spionagetunnels freuen: 50.000 Tonbänder, 40.000 Stunden Telefonate, die 368.000 russische und 75.000 deutsche Mitschriften lieferten, und sechs Millionen Stunden Fernschreibverkehr. Unterm Strich führte das zu 1.750 Geheimdienstberichten. Die Projektanalyse der CIA ist mit einigen weißen Stellen mittlerweile online.

Pressevertreter besichtigen die freigelegte Anzapf-Stelle an der Schönefelder Chaussee (Foto Bundesarchiv, Bild 183-37695-0020 / Junge, Peter Heinz / CC-BY-SA 3.0)

Pressevertreter aus Ost und West besichtigen die Anzapf-Stelle an der Schönefelder Chaussee (Foto Bundesarchiv, Bild 183-37695-0020 / Junge, Peter Heinz / CC-BY-SA 3.0)

Nach der Offenlegung des Tunnels gab es am Abend des 23. April 1956 eine erste Pressekonferenz mit dem Militärkommandanten des sowjetischen Sektors. Oberst Kozjuba prangerte die „amerikanische Abhörzentrale im demokratischen Sektor Berlins“ an. In den folgenden Tagen durften Journalisten aus Ost und West in die Röhre steigen. Auch die Wochenschau fuhr an – der Tunnel-Clip beginnt an Minute 4:30. Die Reaktion der westlichen Medien fiel aber anders aus, als UdSSR und DDR erhofften. Statt die bösen Amerikaner zu verdammen, feierten sie die Aktion.

1997 wurden Stücke des Tunnels in Rudow ausgegraben, eines davon ist im Alliiertenmuseum ausgestellt, siehe Foto. Das Museum gab außerdem ein Video in Auftrag, das die Details erklärt. Weitere Teile, die zu DDR-Zeiten auf Ost-Berliner Gebiet geborgen wurden, fanden sich später im Umland. Doppelagent George Blake lebt hochbetagt in Moskau und glaubt immer noch an den Kommunismus. Auf der Tunnelseite der BStU kann man ihn in einem Video aus dem Jahr 1980 sehen.

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