Der optische Computer des Dr. Goldberg

Geschrieben am 03.08.2017 von

Im August  1931 fand in Dresden der VIII. Internationale Kongreß für Photographie statt. Dort führte Emanuel Goldberg, der Generaldirektor des Kamerakonzerns Zeiss Ikon, die von ihm erfundene Statistische Maschine vor. Sie speicherte Informationen auf einem Filmstreifen und besaß außerdem eine Fotozelle, um bestimmte Daten zu finden. Goldbergs Gerät war die erste Suchmaschine in der Technikgeschichte.

Schon in den 1920er-Jahren ergoss sich eine Informationsflut über die Menschen. Bücher, Zeitungen – die größten erschienen zweimal täglich – und Illustrierten verlangten nach Lektüre. Das Kino stand in voller Blüte, und wer sich einen leisten konnte, saß abends vor dem Radioempfänger. Die Angestellten in ihren Büros kämpften mit Zahlen und Statistiken; hellsichtige Erfinder dachten über Methoden nach, um die Datenmengen zu bewältigen.

Dazu gehörte die Lochkartentechnik, bei der die Firmen DEHOMAG und Powers konkurrierten; beide besaßen amerikanische Mutterfirmen. Ein anderer Weg war die Mikrofotografie. Schon 1906 schlug der belgische Dokumentationspionier Paul Otlet die Mikroverfilmung von Büchern vor. In den späten 1920er-Jahren erfand der französische Architekt Georges Sébilles ein passendes Lesegerät. Schon 1925 kam der Amerikaner George Lewis McCarthy auf den Checkograph, der verkleinerte Aufnahmen von Bankschecks erstellte.

Am 13. April 1927 meldeten die Dresdener Zeiss Ikon A.-G. und Dr. Emanuel Goldberg im Berliner Patentamt eine „Vorrichtung zum Aussuchen statistischer und buchhalterischer Angaben“ an. Die Anmeldung galt einem Laufwerk für Mikrofilme, mehr oder weniger ein Filmprojektor. Die Einzelbilder eines Films erfassen jeweils die Daten sowie Kürzel zur Identifikation. Im Gerät sitzt eine kleine Glasplatte, die ebenfalls Kürzel enthält. Beim Durchlauf eines Bilds, das die Zeichen der Platte enthält, wird eine Fotozelle verdunkelt. Das löst eine Kamera aus, welche die Daten fotografiert.

Grafiken aus der Patentschrift Nr. 670.190, beantragt 1927, erteilt 1938. Licht, das durch die Glasplatte rechts fällt, wird durch korrepondierende Buchstaben im Mikrofilm blockiert.

Das nur drei Seiten lange Dokument beschreibt die erste Suchmaschine. Sie arbeitet umständlich, denn die Suchmerkmale müssen notiert und fotografiert werden; das Negativ bildet die erwähnte Glasplatte. Am 2. August 1931 reichten Zeiss Ikon und Goldberg einen Patentantrag für eine „Vorrichtung zum Aussuchen statistischer Angaben“ ein. Hier wurden die Kürzel durch Punkte ersetzt; an die Stelle der Glasscheibe traten kleine Lampen. Stimmen die Positionen überein, erhält die Fotozelle kein Licht und aktiviert die Kamera.

Wenige Tage später, am 5. August 1931, führte der im Patent als Erfinder genannte Emanuel Goldberg ein Modell der „Vorrichtung“ vor. Schauplatz war der VIII. Internationale Kongreß für Photographie, der in den Hörsälen der Technischen Hochschule Dresden stattfand. Goldbergs Vortrag trug den Titel „Neue Wege der photographischen Registriertechnik“. Das Referat war für ihn ein Heimspiel, denn Goldberg wohnte und arbeitete in Dresden: Er war der Chef von Zeiss Ikon.

Geboren wurde Emanuel Goldberg am 31. August 1881 in Moskau; der Vater war ein hoher Sanitätsoffizier. Ab 1899 studierte er in seiner Heimat und an verschiedenen deutschen Universitäten Chemie. 1906 promovierte er in Leipzig und blieb in Deutschland. Nach kurzer Assistenzzeit an der Technischen Hochschule Berlin übernahm er 1907 eine Professur an der Königlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe Leipzig. Hier befasste er sich vor allem mit Fotochemie, Drucktechnik und Lichtmessverfahren.

Grafik aus Patent Nr. 697.265, angemeldet 1931 und erteilt 1940. Dicke Punkte auf den Mikrobildern (nicht abgebildet) unterbrechen das Licht einer Lämpchengruppe.

1917 wechselte Emanuel Goldberg in den Vorstand der Dresdner Kamerafirma Ica. 1921 brachte er die handliche Ikamo für 35-mm-Filme heraus. Ein Beispiel ist Die Brücke, den der niederländischen Dokumentarist Joris Ivens im Jahr 1928 drehte; zu Beginn sieht man kurz die Kamera. Goldberg produzierte mit ihr originelle Werbefilme, in denen auch seine Familie mitwirkte. 1925 erfand er das Mikropunkt- oder Mikrat-Verfahren für extrem verkleinerte Fotos. Dieses wurde später von diversen Spionagediensten benutzt.

1926 fusionierte Ica mit drei anderen Optik-Unternehmen. Treibende Kraft war die Firma Zeiss in Jena, die auch die Mehrheit der Aktien hielt. Der Zusammenschluss hieß Zeiss Ikon, deren Generaldirektor Goldberg wurde. Hier sieht man ihn 1928 beim Besuch des afghanischen Königs (Minute 0:11). 1929 beteiligte er sich an der Fernseh AG, die Hardware für das neue Medium entwickelte. 1931 präsentierte er auf dem Dresdner Kongress seine Statistische Maschine. Zeiss Ikon war damals der größte Kamerahersteller der Welt.

Zwei Jahre später zwangen die Nazis Goldberg zur Aufgabe seiner Stellung. Er verließ Deutschland und arbeitete einige Jahre für Zeiss Ikon in Paris. Im Oktober 1937 emigrierte er ins britisch verwaltete Israel. Ab dem 1. März 1938 leitete er in Tel Aviv eine Technikfirma, Professor Goldberg’s Laboratory for Precision Instruments. 1943 besuchte ihn ein Reporter der amerikanischen Illustrierten LIFE und schoss ein Foto. Goldberg arbeitete bis ins hohe Alter; 1968 erhielt er den Israel-Preis. Er starb am 13. September 1970 in Tel Aviv.

Modell der Statistischen Maschine der HAW Hamburg. Neben der Kamera für die Mikrofilm-Aufnahmen deutet es noch ein Sichtfenster an.

Danach geriet sein Werk schnell in Vergessenheit. Die beiden Prototypen seiner Mikrofilm-Vorrichtung wurden wahrscheinlich 1945 beim Luftangriff auf Dresden zerstört. Eine ganz ähnliche Maschine erfand in den 1930er-Jahren der amerikanische Analogrechnerpionier Vannevar Bush; er nannte sie Rapid Selector. Nach dem Krieg entstand eine funktionsfähige Version für Bibliotheken, sie bewährte sich aber nicht in der Praxis. Einige Elemente des Rapid Selectors nahm Bush in den Memex auf, sein Konzept für ein mikrofilmbasiertes Informationssystem mit Hypertext-Funktion.

Seit 1988 erforscht der Bibliothekswissenschaftler Michael Buckland das Leben und Werk von Emanuel Goldberg. Der gebürtige Engländer kam 1976 nach Kalifornien und verfasste eine Biographie, die seit 2010 auf Deutsch vorliegt. Im Wintersemester 2013/14 entstand in der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg ein Prinzipienmodell von Goldbergs Statistischer Maschine. Projektleiter war Professor Dirk Lewandowski, bei dem wie uns herzlich für das obige Foto bedanken.

Noch bis zum 24. September zeigen die Technischen Sammlungen Dresden eine große Sonderausstellung über Emanuel Goldberg. Sie belegen das frühere Hauptgebäude von Zeiss Ikon und erhielten im Rahmen einer Schenkung Goldbergs Nachlass. Daraus stammt unser Eingangsbild – ein Dankeschön an die Technischen Sammlungen. Es zeigt den jungen Professor um 1913 in der Leipziger Akademie. Das Bild unten entstand in der Dresdner Ausstellung (© Susanne Quehenberger und TU Berlin).

Teilen:Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code