Die doppelte IBM

Geschrieben am 13.05.2015 von

Früher gab es Schmöker über mutige Fabrikanten, die sich gegen böse Konkurrenten und missgünstige Verwandte durchsetzen und ihr persönliches Glück finden. In den 1970ern war das Genre tot, 1985 erschien jedoch ein Buch, das die Formel wiederbelebte, „Marvels“, auf Deutsch „Der Gigant“, vom Amerikaner Robert Harrington. Es ist der wohl einzige Roman über die Mainframe-Computerindustrie.

Die Geschichte beginnt 1908 im US-Bundestaat Illinois, und ihr Held ist der Farmerjunge Jesse Dinsmore Marvel, der sich mit 18 Jahren einem fahrenden Heimorgel-Händler anschließt. „J.D.“ ist nicht nur kräftig und intelligent, sondern hat auch Marketing im Blut und klettert die Erfolgsleiter hoch, wobei er von Orgeln über Registrierkassen zu Lochkartenmaschinen wechselt.

1915 leitet er die Firma Marvel Scientific Machines in New York und kämpft mit der Computing Tabulating Recording Company, der späteren IBM, um die Führung im Markt der mechanischen Datenverarbeitung. Nach dem 2. Weltkrieg baut sein Unternehmen Röhren-, Transistor-, Mini- und endlich Mikrocomputer. Als es 1983 die sogenannte 5. Generation erobert, stirbt J. D. Marvel an einem Schlaganfall, womit das Buch schließt.

Der 1931 geborene Autor Robert E. Harrington arbeitete in jungen Jahren in der EDV und gibt die Genese des Computers halbwegs korrekt wieder. Der Leser trifft historische Gestalten wie Herman Hollerith, Vannevar Bush oder John von Neumann. Ansonsten erhebt sich „Der Gigant“ nicht über den belletristischen Durchschnitt, das gilt auch für die seltenen Liebesszenen. Positiv wirkt, dass der Autor im Marvel-Management relativ viele Frauen agieren lässt.

Die schlechte Nachricht ist, dass Harrington keine eigene Handlung schuf, sondern einfach die Firmengeschichte der IBM übernahm. Sein Held ist ein Abklatsch von IBM-Chef Thomas J. Watson, wobei J. D. Marvel 15 Jahre später zur Welt kommt, aber eine umso schnellere Karriere hinlegt. Drei Jahre nach der Geburt des echten Thomas J. Watson junior im Jahr 1914 wird auch Marvel Vater eines Sohnes, der Jesse Dinsmore Marvel junior heißt. Der junge Marvel wird im 2. Weltkrieg Pilot wie Tom Watson und tritt wie dieser die Nachfolge des Vaters an.

„Der Gigant“ ist ein Alternativwelt-Roman, der den Wettbewerb zweier gleich großer Computerbauer in einem kontrafaktischen Amerika schildert, denn selbst wer die IBM nicht im Detail kennt, erinnert sich an ihre Alleinherrschaft im Mainframe-Markt. Harrington erwähnt mehr als einmal Mother Blue und ihre Topleute, führt aber nie einen Watson mit einem Marvel zusammen, obwohl es gut in die Handlung gepasst hätte. „Der Gigant“ ist seit langem spottbillig auf Amazon erhältlich, von Robert E. Harrington hat man nie wieder etwas gehört.

 

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