Die erste IBM

Geschrieben am 22.05.2017 von

Vor 65 Jahren, am 21. Mai 1952, kündigte die Firma IBM zunächst intern einen Elektronenrechner an. Als er 1953 auf den Markt kam, trug er den Namen IBM 701. Insgesamt wurden 19 Exemplare gebaut. Mit der IBM 701 begann der Aufstieg des Unternehmens zur Großmacht der Computerbranche. Projektleiter Thomas J. Watson junior wurde später IBM-Chef.

Nein, IBM war nicht der erste Computerhersteller. Das waren in den 1940er-Jahren das Zuse-Ingenieurbüro in Berlin und die Eckert-Mauchly Computer Corporation EMCC in Philadelphia. IBM baute seit 1946 elektronische Rechengeräte, sie halfen aber vor allem elektromagnetischen Lochkartenmaschinen, dem Hauptprodukt der Firma. Ab 1948 lief in der IBM-Zentrale in New York der riesige Selective Sequence Electronic Calculator (SSEC), doch der war ein Einzelstück und nicht für zahlende Kunden gedacht.

1950 zeichnete sich ab, dass Computer eine Zukunft hatten. Die US-Regierung verteilte Entwicklungsgelder an Hochschulen und junge Unternehmen. EMCC wurde von der Firma Remington Rand übernommen und bereitete das Modell Univac I vor. Dem Management von IBM entging das nicht, und im Städtchen Poughkeepsie – ausgesprochen „Pokipsi“ – im Bundesstaat New York machte sich ein Projektteam an die Arbeit. Da im IBM-Werk kein Platz mehr frei war, saß man in einer Krawattenfabrik und dann in einem leeren Supermarkt.

Chefentwickler waren Jarrier Haddad und Nathaniel Rochester. Zu den beteiligten Ingenieuren zählte auch der 1922 in Detmold geborene Werner Buchholz. Die Oberaufsicht hatte ein IBM-Vizepräsident, Thomas J. Watson junior, ein Sohn des gleichnamigen IBM-Direktors. Bei einer Rundreise erkundete der junge Watson das Interesse der Kundschaft für einen neuen Elektronenrechner. Er erwartete fünf Zusagen und bekam 18. Das führte zur Legende, dass Thomas J. Watson senior an einen Weltmarkt von fünf Computern geglaubt hätte.

1952 wurde Thomas J. Watson junior Präsident und Leiter der IBM; sein Vater hielt jedoch als Geschäftsführer die Macht in der Hand. Erst kurz vor seinem Tode 1956 übergab er 1956 den Spitzenposten an seinen Sohn. Der junge Watson konnte aber schon vorher die Firma in Richtung Elektronik steuern, nicht zuletzt durch das Modell 701. Am 29. April 1952 machte er auf einer Aktionärsversammlung der IBM erste Andeutungen zum Defense Calculator. Dabei stellte er den Nutzen für die Landesverteidigung heraus.

Am 21. Mai 1952 erfolgte die Bekanntgabe des Systems an die IBM-Zweigstellen. Neben der Zentraleinheit umfasste es einen Drucker, einen Trommelspeicher, einen Kartenleser und einen Stanzer, die Magnetbandlaufwerke und die Stromversorgung. Der Computer hatte eine Zykluszeit von 12 Mikrosekunden bzw. eine Taktrate von 83 Kilohertz. Eine Multiplikation oder Division schaffte die IBM 701 in einer halben Millisekunde. Der Arbeitsspeicher bestand aus 72 Williamsröhren und nahm 2.048 Worte der Länge 36 bit auf.

Die Speicherröhren waren eine englische Erfindung aus den späten 1940er-Jahren und nicht sehr zuverlässig; der Rechner soll im Durchschnitt jede Viertelstunde ausgefallen sein. Dafür fasste ein Bandspeicher zwei Millionen Zahlen; der Drucker brachte 180 Zeichen pro Sekunde zu Papier. Wie bei IBM üblich, wurde der Computer nicht verkauft, sondern an die Kunden vermietet. Die Zentraleinheit war für 8.100 Dollar im Monat zu haben, die Geräte der Peripherie wurden getrennt abgerechnet.

Das erste 701-System fand kurz vor Weihnachten 1952 seinen Platz im New Yorker Hauptquartier des Herstellers; bekanntgemacht wurde es im März 1953. Drei Computer übernahm die Universität von Kalifornien, zehn gingen an diverse Flugzeugfirmen und die US-Marine. Je einen Rechner erhielten General Electric, General Motors, die kalifornische Denkfabrik RAND und die National Security Agency (NSA). Das letzte Exemplar wurde 1955 aus überzähligen Komponenten für das Wetteramt zusammengeschraubt.

Die IBM 701 leitete die 700/7000-Serie ein, welche die Firma bis in die 1960er-Jahre hinein anbot. Vom Nachfolger IBM 702 entstanden vierzehn Systeme; das erste wurde 1955 installiert. Im selben Jahr kam die IBM 704 heraus, die Gleitpunkt-Rechnung beherrschte; sie fand den Weg zu 140 Kunden. Ihr Arbeitsspeicher enthielt die zuverlässigen Magnetkerne. 1958 stellte IBM den ersten Transistorcomputer vor, das Modell 7070. In den 1950er-Jahren verbreitete sich auch die röhrenbestückte IBM 650; gebaut wurden fast 2.000 Stück.

Am 7. Januar 1954 wirkte die New Yorker IBM 701 an einer Aufsehen erregenden Vorführung mit. Zwei Sprachforscher der Georgetown-Universität in Washington, Leon Dostert und Paul Garvin, und der IBM-Softwarespezialist Peter Sheridan hatten ein Programm erstellt, das russische Sätze ins Englische übersetzte. Der Rechner speicherte 250 russische Wörter samt Bedeutung und sechs linguistische Regeln. Bei der Vorführung übertrug er 61 auf Lochkarten gestanzte Aussagen aus der Chemie und dem allgemeinen Leben.

Das war vermutlich die erste Computeraktion mit Künstlicher Intelligenz in den USA. In unserem Blog schilderten wir bereits die Bedeutung der 700er-Serie für die Software-Geschichte. Der Computerpionier John Backus wirkte bei der Programmierung der IBM 701 mit und entwickelte für die IBM 704 die Sprache Fortran. Schließen wollen wir aber mit einer Wochenschau von 1953. Sie zeigt zuerst die Addiermaschine von Blaise Pascal aus dem 17. Jahrhundert und danach die IBM 701 in New York. Die konnte auch multiplizieren.

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Ein Kommentar auf “Die erste IBM”

  1. IBM bewies immer eine große Staatsloyalität…und wurde dafür mit profitablen Regierungsaufträgen ausgestattet.
    The impetus for the 701’s development was the outbreak of the Korean War in June 1950. At the onset of hostilities, IBM Chairman Thomas J. Watson, Sr., asked the U.S. Government what the company could do to help. Build a large scientific computer, he was told. One that could be used for aircraft design, nuclear development and munitions manufacture. (IBM Archives)
    During World War II IBM took the unusual action of voluntarily limiting profits on all government contracts to 1.5%. This money was placed in a fund for the benefit of the widows and orphans of IBM employees that lost their lives during the war. Watson Sr. also stated that IBM would strive to reduce its costs and, if achieved, pass those savings on to the federal government (MBI Concepts Corporation).

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