Die ersten Elektronenrechner

Geschrieben am 19.01.2017 von

1946 wurde der ENIAC vorgestellt, der erste frei programmierbare elektronische Computer. Im gleichen Jahr brachte die Firma IBM den Multiplizierer IBM 603 heraus. Er besaß 300 Röhren und wurde an eine Lochkartenmaschine angeschlossen. Die IBM 603 und die Nachfolgerin IBM 604 waren die ersten serienmäßigen elektronischen Rechengeräte. Ähnliche Rechner baute auch der junge Heinz Nixdorf.

Vor einem Jahr berichteten wir über den ENIAC. Er wurde im Februar 1946 in den USA enthüllt und gilt als erster programmierbarer digitaler Elektronenrechner. Seine Regale füllten einen Saal. Sie enthielten 17.500 Röhren, 7.200 Dioden und 1.500 Relais, dazu Tausende Widerstände und Kondensatoren. Für den funktionsfähigen Nachbau eines ENIAC-Moduls erhielt das HNF den Tony-Sale-Preis.

Nur 300 Röhren besaß die IBM 603, die im September 1946 herauskam. Sie ist ziemlich vergessen, war aber der erste Elektronenrechner der amerikanischen Firma. IBM hatte 1944 zusammen mit dem Mathematiker Howard Aiken den Relaiscomputer Harvard Mark I gebaut. Den nächsten Großrechner stellte IBM Anfang 1948 fertig. Der Selective Sequence Electronic Calculator SSEC hatte 21.400 Relais und 12.500 Röhren. Das erlaubte den Namen „Electronic Calculator“. Die Worte „Selective Sequence“ – wählbare Befehlsfolge – deuten die Programmierung an.

IBM 603, dahinter die Lochkartenmaschine IBM 520 (Foto Computer History Museum)

IBM 603, dahinter die Lochkartenmaschine IBM 520 (Foto Computer History Museum)

Die kleine IBM 603 konnte man noch nicht programmieren. Sie führt uns in ein heute ausgestorbenes technisches Umfeld: die Datenverarbeitung mit Lochkarten. Diese geht auf den Deutschamerikaner Herman Hollerith zurück. Aus seiner 1896 in Washington gegründeten Firma entstand die IBM. Ein Konkurrent von Hollerith war der 1871 in Odessa geborene und 1889 in die USA ausgewanderte James Powers. Sein Lochkartensystem wurde später von der Büromaschinenfirma Remington Rand weiterentwickelt und kommerziell vertrieben.

Beide Systeme besaßen einen vergleichbaren Maschinenpark mit Loch-, Sortier-, Duplizier- und Tabelliergeräten. Lochkarten dienten dabei als Datenspeicher. Die Maschinen von Powers-Remington arbeiteten rein mechanisch, die von Hollerith-IBM elektromechanisch. Sie waren nicht kompatibel und verwendeten unterschiedliche Lochkartenformate. Die einzelnen Geräte ließen sich programmieren, allerdings nicht durch Befehlsfolgen, sondern durch Stecktafeln für Kabel. Damit wurde z. B. bei einer Tabelliermaschine die Auswertung der hindurchlaufenden Lochkarten festgelegt.

IBM 604 (Foto Computer History Museum)

IBM 604 (Foto Computer History Museum)

Die erwähnte IBM 603 wurde an eine Lese- und Stanzmaschine IBM 520 angeschlossen. Sie las einen Stapel mit Lochkarten, in die jeweils zwei Zahlen eingetragen waren. Für jede Karte gab sie die eingelochten Werte an die Elektronik-Einheit weiter. Die IBM 603 multiplizierte die Zahlen miteinander und schickte das Ergebnis zurück. Das geschah so schnell, dass die Lochkarten-Maschine das Produkt in die Karte stanzen konnte, ohne den normalen Kartendurchlauf unterbrechen zu müssen.

Von der IBM 603 wurden 100 Stück gefertigt. Der Multiplizierer war damit die erste elektronische Recheneinheit der Welt, die in Serie ging, und der erste Erfolg des zuständigen IBM-Managers. Der hieß Thomas J. Watson junior; sein Vater leitete seit 1914 die Firma. Der junge Watson trat 1956 seine Nachfolge an. Die Nachfolgerin der IBM 603 war das gleichfalls elektronische Modell IBM 604. Es besaß 1.250 Röhren und kam 1948 auf den Markt. Von ihm wurden insgesamt 5.600 Exemplare gebaut, unter anderem in der IBM-Fabrik in Amsterdam.

IBM CPC mit Lochkarten-Programmierung (Foto Computer History Museum)

IBM CPC mit Lochkarten-Programmierung (Foto Computer History Museum)

Die IBM 604 konnte nicht nur multiplizieren, sondern auch dividieren, addieren und subtrahieren. Sie ließ sich über eine Stecktafel programmieren. Ein Film des Amsterdamer Technikmuseums NEMO zeigt die Kooperation mit einer Hollerithmaschine. Wer noch eine Tabelliermaschine und einen Relais-Speicher anschloss, erhielt den CPC oder Card-Programmed Electronic Calculator. Hier erfolgte die Programmierung nicht über gesteckte Kabel, sondern über die Lochkarten im Tabellierer.

Vergleichbar mit der IBM 603 ist das elektronische Multipliziergerät, das der Physiker Walter Sprick 1951 in Kiel baute. Die Sprick-Maschine rechnete mit 200 Röhren und wurde mit der Lochkartenanlage der Brandkasse Schleswig-Holstein verknüpft, einer großen Versicherung. Die Maschine multiplizierte den auf einer Lochkarte eingestanzten Versicherungswert für ein Haus mit dem Index der Wertsteigerung. Das Produkt wurde ausgedruckt. Die Maschine war damit der erste deutsche Elektronenrechner für eine Spezialaufgabe. 1952 entstand ein zweites Modell, das später leider verschrottet wurde.

Sprick-Maschine im Deutschen Mueum

Sprick-Maschine im Deutschen Mueum

Die Kieler Brandkasse verwendete nicht das Lochkartensystem von IBM, sondern das von Powers bzw. Remington-Rand. Eine Folge war, dass Sprick 1951 in der deutschen Filiale des Herstellers arbeitete, die in Frankfurt a. M. saß. Dort beschäftigte er einen Physikstudenten aus Paderborn namens Heinz Nixdorf. Anfang 1952 wechselte Sprick zur IBM Deutschland GmbH nach Böblingen. Nixdorf, der Ende 1951 einen Anstellungsvertrag bei Remington Rand erhalten hatte, kündigte ebenfalls und wagte den Sprung in die Selbstständigkeit.

Der führte zur RWE nach Essen, wo Heinz Nixdorf ein elektronisches Rechengerät baute, siehe das Eingangsbild. Walter Sprick half ihm aus der Ferne mit Rat und Tat. Der Rechner unterstützte eine Lochkartenanlage, die gleichfalls das Powers-Remington-System nutzte. Die wichtigste Rechenaufgabe hatte die Form ( a x b ) + c. Das Gerät addierte außerdem achtstellige Zahlen und gab die Summe an eine automatische Schreibmaschine weiter, die es zu Papier brachte. Das Foto unten zeigt Heinz Nixdorf in seiner damaligen Kellerwerkstatt. Der Rest ist Geschichte.

LFI_RWE_Essen_1952

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