Die Geburt der Denkmaschine

Geschrieben am 12.07.2016 von

Auf Computern in England und den USA liefen zwischen 1951 und 1956 die ersten Programme mit Anzeichen von Intelligenz, etwa für Spiele. Daneben studierten Kybernetiker analoge intelligente Systeme. Im Sommer 1956 trafen sich Forscher im Dartmouth College im US-Bundesstaat New Hampshire und legten in einer Folge von Gesprächsrunden das neue Gebiet der Künstlichen Intelligenz fest.

Kann ein technisches System intelligent sein? Die Antwort lautet „Ja“, wenn man zum Beispiel an den Fliehkraftregler einer Dampfmaschine denkt. Erfunden in den 1780er-Jahren, sorgt er ohne menschliches Zutun dafür, dass die Maschine bei wechselndem Dampfdruck eine konstante Drehzahl hält. Das ist durchaus schon eine einfache Form mechanischer Intelligenz.

Aus der Regelungstechnik entwickelte sich nach dem 2. Weltkrieg die Wissenschaft der Kybernetik. Sie beschäftigte sich auch mit Geräten, die so taten, als würden sie denken. Von 1948 an baute der Neurologe William Grey Walter im englischen Bristol kybernetische Schildkröten, die Lichtern folgten. Im gleichen Jahr entwickelte der Psychiater Ross Ashby in Gloucester seinen Homöostat. Er besaß vier elektrische Elemente, die nach Störungen von außen einen Gleichgewichtszustand suchten.

Hauptgebäude des Dartmouth College

Hauptgebäude des Dartmouth College (Foto http://communications.dartmouth.edu)

Die Kybernetik predigte so etwas wie eine analoge elektrische Intelligenz. In den 1950er-Jahren zog die Computertechnik nach. 1951 erstellte Dietrich Prinz in Manchester das erste einfache Schachprogramm. Der bei der Firma IBM in den USA arbeitende Arthur Samuel schrieb 1952 eine Software für das Dame-Spiel, die später sogar lernfähig wurde. Und populäre Bezeichnungen wie Elektronengehirne und Denkmaschinen verliehen Computern von vornherein eine digitale Intelligenz.

Am 31. August 1955 legten vier amerikanische Forscher einen Förderantrag für ein Projekt zur „Künstlichen Intelligenz“ vor. Dieses sollte im Sommer des nachfolgenden Jahres eine Anzahl von Experten über zwei Monate im Dartmouth College zusammenbringen. Die traditionsreiche Hochschule liegt in der Kleinstadt Hanover im US-Bundesstaat New Hampshire. Der Antrag ging an die Rockefeller-Stiftung und bat um 13.500 Dollar. Die Stiftung handelte den Betrag auf 7.500 Dollar herunter, von denen schließlich nur 5.800 Dollar benötigt wurden.

John McCarthy in den 1950er-Jahren (Foto Computer History Museum)

John McCarthy in den 1950ern (Foto Computer History Museum)

Der Initiator des Antrags war der 28-jährige John McCarthy, der in Dartmouth Mathematik lehrte. Unterstützung kam vom gleichaltrigen Marvin Minsky. Er arbeitete in der Harvard-Universität und hatte als Student schon ein neuronales Netz mit 300 Elektronenröhren gebaut. Die Senioren des Projekts waren der 1916 geborene Claude Shannon und Nathaniel Rochester, Jahrgang 1919. Rochester entwickelte den ersten Seriencomputer der IBM, das Modell 701, und widmete sich dann der Software.

McCarthy und seine Mitstreiter legten die Hypothese zugrunde, dass eine Maschine Lernvorgänge und andere intelligente Verhaltensweisen simulieren kann. Ihr Projekt zielte darauf ab, die technischen Voraussetzungen zu schaffen. Wie benutzen Maschinen Sprache? Wie nehmen sie Abstraktionen vor und formulieren Konzepte? Wie lösen sie menschliche Denkaufgaben und verbessern ihre Intelligenz? Betrachtet wurden primär Digitalrechner, aber auch analog arbeitende neuronale Netze und Systeme.

Wann das Dartmouther Sommer-Forschungsprojekt über Künstliche Intelligenz, so der offizielle Name, genau startete, ist unbekannt, denn es erschien nie eine Dokumentation. Es bestand jedenfalls aus einer Kette von Gesprächsrunden zu unterschiedlichen Themen, in denen jeweils eine Handvoll Leute zusammensaßen. Die erste fand wahrscheinlich am 18. oder 19. Juni 1956 statt. Zwei Runden im Juli überlieferte der junge Logiker Trenchard More in seinen Notizen:

(Foto Computer History Museum)

(Foto Computer History Museum)

Im Hauptgebäude des College herrschte im Juni und Juli 1956 ein reges Kommen und Gehen. Insgesamt dürften damals gut zwanzig Forscher in Dartmouth gewesen sein, darunter der oben erwähnte Arthur Samuel und Ross Ashby aus England. Ein anderer prominenter Besucher aus der Kybernetik war Warren McCulloch, der 1943 mit Walter Pitts das neuronale Netzwerk erfand. Aus Deutschland stammte der Logiker Abraham Robinson, der aber 1933 mit der Familie nach Palästina ausgewandert war.

Claude Shannon schaffte es nicht nach Hanover, dafür kamen Herbert Simon und Allen Newell von der Carnegie-Mellon-Universität Pittsburgh. Sie stellten ihren Logischen Theoretiker vor, das erste Programm, das allgemeingültige Sätze der Aussagenlogik beweisen konnte. Da es in Dartmouth keinen Computer gab, mussten sich die beiden allerdings auf Simulationen beschränken. 1957 entwickelten sie eine noch schlauere Software, den Allgemeinen Problemlöser.

Das wichtigste Resultat der Dartmouth-Seminare war zweifellos die Festlegung der Künstlichen Intelligenz. Der Name blieb haften, die Forscher blieben in Kontakt und arbeiteten weiter im Fachgebiet. Es dehnte sich aus und fächerte sich auf, John McCarthy und Marvin Minsky wurden richtig berühmt. Die erste wissenschaftliche Konferenz fand aber im November 1958 in London statt, wie es sich gehört, mit Vortragsbänden hier und hier.

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Ein Kommentar auf “Die Geburt der Denkmaschine”

  1. John McCarthy, who coined the term “Artificial Intelligence” in 1956, complained that “as soon as it works, no one calls it AI anymore.”

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