Die Geburt des synthetischen Menschen

Geschrieben am 15.04.2016 von

Die HNF-Ausstellung zu Ada Lovelace enthält auch Exponate von und über Nadia Magnenat-Thalmann. Die Schweizerin leistete Pionierarbeit zur Computeranimation von Menschen und leitet das Genfer Forschungslabor MIRALab. Seit 2009 befasst sie sich in Singapur mit Robotik. Am 21. April spricht sie im HNF über die Kunstfrau Nadine, die in der Ada-Ausstellung zu sehen ist.

Die letzte Station der großen Ada-Lovelace-Ausstellung des Heinz Nixdorf MuseumsForums bildet die virtuelle Ada, eine lebensgroße und lebensechte Multimedia-Kopie der ersten Programmiererin. Kurz vorher können die Besucher im letzten Kapitel der Ausstellung eine andere Art von Virtualität kennenlernen, die Roboterfrau Nadine.

Ada 2.0 und Nadine haben, salopp gesagt, die gleiche Mutter. Nadia Magnenat-Thalmann ist erstens Gründerin und Chefin des MIRALab der Universität Genf, einer einflussreichen Forschungsgruppe für Computergrafik, Computeranimation und virtuelle Welten. Zweitens leitet sie das Institut für Medieninnovation IMI der Nanyang Technological University, der technischen Universität von Singapur. Hier beschäftigt sie sich vor allem mit, wie der Fachausdruck lautet, sozialen Robotern.

Geboren wurde Nadia Magnenat 1946 im schweizerischen Lausanne. Nach Abschluss ihrer Schulzeit studierte sie in Genf Psychologie, Biologie und Biochemie, unter anderem beim weltberühmten Kinderpsychologen Jean Piaget. Später folgten die Fächer Mathematik und Informatik. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über Visualisierungen der Quantenphysik und Quantenchemie. Das Geld zum Studium verdiente sie sich als Teilzeit-Lehrerin am Genfer College Calvin, einer höheren Schule, die 1559 vom Reformator Johannes Calvin höchstpersönlich gegründet wurde.

1977 heiratete Nadia den Informatiker Daniel Thalmann. Begleitet von der Hündin MIRA zog das junge Ehepaar im gleichen Jahr nach Kanada um. Hier unterrichtete Nadia Magnenat-Thalmann in der Stadt Quebec, wechselte aber ein Jahr später an die Universität von Montreal, wo ihr Mann Dozent war. Gemeinsam stürzten sich die beiden ins brandneue Arbeitsfeld der Computeranimation. 1982 entstand Vol de Rêve, zu Deutsch Flugtraum. Der im Original 13 Minuten lange Film zeigt, was ein schlechtgelauntes außerirdisches Strichmännchen mit New York anstellt.

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Grafik: danielthalmann, CC BY-SA 4.0

Während ihr Erstling noch auf Kreisen und Linien basierte, wagten sich Nadia und Daniel im nächsten Projekt in die Königsdisziplin des Fachs, die 3D-Darstellung von Menschen. Rendez-vous à Montréal führte 1987 einen virtuellen Humphrey Bogart und eine künstliche Marilyn Monroe zusammen. Die Computeranimation war die erste mit historischen Persönlichkeiten. Für Nadia Magnenat-Thalmann wurde Marilyn fast ein Markenzeichen, die 1996 auch im deutschen Fernsehen erschien. Die beim Erstellen des Films benutzte Marilyn-Büste wird in der Ada-Ausstellung des HNF gezeigt.

In den späten Achtzigern kehrte die Familie mit drei Töchtern in die Schweiz zurück. Nadia Magnenat-Thalmann startete in Genf das oben erwähnte MIRALab und ihr Mann in Lausanne das Virtual Reality Lab. Letzteres wurde 2011 durch eine andere Arbeitsgruppe abgelöst, doch das MIRALab ist aktiv und ebenso der kommerzielle Ableger MIRALab SARL. In den Projekten geht es um virtuelle Kleider und Frisuren, historische und medizinische Animationen und künstliche Köpfe. Einen faszinierenden Einblick in die MIRALab-Vergangenheit bietet der YouTube-Kanal des Labors.

Schon 1999 sagte Nadia Magnenat-Thalmann in einem Interview: „Mein Traum wäre einen künstlichen Menschen zu schaffen, der aber nicht wie ein Roboter aussieht, sondern wie ein schönes, anmutiges menschliches Wesen. […] Ich verstehe mich in dieser Beziehung auch als Künstlerin. Ich möchte meinen Schöpfungen Leben einhauchen.“ Jenem Traum ist sie inzwischen näher gerückt. Seit nunmehr sieben Jahren leitet sie das Institut für Medieninnovation in Singapur, welches sich mit sprechenden, intelligenten und nahezu menschlichen Robotern befasst.

Solche Systeme werden soziale Roboter genannt; das IMI brachte ein Modell hervor, das seiner Schöpferin – siehe unten – wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Am 21. April wird Nadia Magnenat-Thalmann um 19 Uhr im HNF über ihr Geschöpf berichten, das man in der Ada-Ausstellung bewundern kann. Der Eintritt ist frei, und Nadia und Nadine freuen sich auf viele Zuhörer.

Über ihre Forschungen spricht die Schweizer Informatikerin ebenso im Internet. Dort finden wir auch ein nettes Making of zum Montreal-Video, dem unsere beiden Grafiken entstammen. Und wer keine Angst vor 94 pdf-Seiten hat, kann hier ihre kompletten Schriften und Taten einsehen.

Eingangsbild: danielthalmann, CC BY-SA 4.0

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