Die Roboter sind unter uns

Geschrieben am 07.11.2017 von

Wohl im Herbst des Jahres 1952 erschienen die ersten deutschen Sachbücher, welche ausführlich Computer behandelten. Robert Jungk legte „Die Zukunft hat schon begonnen“ vor, von Rolf Strehl stammte „Die Roboter sind unter uns“. Beide Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt; Jungks Buch war ein Bestseller. Gemeinsam ist ihnen eine skeptische Grundeinstellung gegenüber der neuen Technik.

Der erste frei programmierbare Elektronenrechner, der saalfüllende ENIAC, lief ab 1946 in Philadelphia; in den darauffolgenden Jahren starteten ähnliche Maschinen in den USA, England und Australien. 1949 schrieb der Amerikaner Edmund Berkeley über sie das erste allgemeinverständliche Buch, „Giant Brains, or Machines That Think“. Die gigantischen Gehirne sind seit längerem online nachlesbar. Eine deutsche Übersetzung blieb aus.

Den hiesigen Buchmarkt eroberten die Denkmaschinen drei Jahre später. Im Stuttgarter Scherz & Goverts Verlag erschien „Die Zukunft hat schon begonnen“ von Robert Jungk; der Gerhard Stalling Verlag brachte in Oldenburg „Die Roboter sind unter uns“ heraus. Verfasser war Rolf Strehl. Die genauen Erscheinungsdaten wissen wir nicht, doch spätestens im Herbst 1952 konnten sich die Bundesbürger ausführlich über Computer informieren. Zuvor war das nur durch die Wochenschau und gelegentliche Presseartikel möglich gewesen.

Robert Jungk sind wir bereits 2016 im Blog begegnet. Er wurde 1913 in Berlin geboren und war Journalist, Buchautor und Zukunftsforscher; er starb 1994 in Salzburg. Anfang der 1950er-Jahre arbeitete er als Korrespondent verschiedener Zeitungen in Los Angeles. Hier konnte er einen – später nie realisierten – Drehbuchentwurf an ein Filmstudio verkaufen. Das Geld gab ihm die Möglichkeit, eine Recherche-Reise durchs ganze Land anzutreten. Jungk interessierte sich vor allem für neue Entwicklungen in Wissenschaft und Technik, die die Gesellschaft veränderten.

Das Resultat war „Die Zukunft hat schon begonnen“. Das Buch wurde ein Bestseller und der Titel sprichwörtlich. Seine Botschaft lautete in kurzen Worten: Der wissenschaftliche und technische Fortschritt, wie er in den USA zu sehen war, wirkt sich höchst negativ aus. Neue Technologien bringen zwar die Allmacht, die Herrschaft über Himmel und Erde, Mensch und Natur, Geist und Atom. Zugleich führen sie aber zur Ohnmacht, zum Verlust an persönlicher Freiheit und zur Unterordnung unter das Kollektiv oder diktatorische Befehlshaber.

Dazu brachte der Abschnitt „Griff nach dem Menschen“ ein Beispiel. Das Kapitel „Roboter im Büro“ spielte in Endicott im US-Bundesstaat New York, der wichtigsten Produktions- und Forschungsstätte von IBM. Die Roboter waren ihre Lochkartenmaschinen. Der Diktator von Endicott hieß Thomas J. Watson und leitete die IBM; sein Befehl THINK hing überall. Er war ein gefundenes Fressen für Jungk; das Kapitel endet mit der Vision von blassen, stummen Menschen, die still und ergeben vor Metallkästen stehen und „angespannt in das Irrlichtern von Röhrenaggregaten“ starren.

Einen echten Röhrenrechner sah Jungk in der Nähe von Washington. Der SEAC arbeitete für das amerikanische Gegenstück der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt. Er war der erste US-Computer mit der kanonischen Von-Neumann-Architektur. Der Abschnitt „Griff nach der Zukunft“ schilderte das Leben der Programmierer mit dem „Elektronenorakel“ und erzählte eine Anekdote aus der Politik: Nach SEAC-Analysen von militärischen Strategien soll US-Präsident Harry Truman den im Korea-Krieg kämpfenden General Douglas MacArthur entlassen haben.

Soweit die Zukunft, die 1952 schon begonnen hatte. Über unseren zweiten Autor Rolf Strehl wissen wir, dass er 1925 in Altona zur Welt kam und 1994 in Hamburg starb. Nach seinem Roboterbuch verfasste er 1953 einen Band über Fliegende Untertassen, in den man die Sammelbildchen einer Tabakfirma einkleben musste. Zu jener Zeit war er Chefredakteur der Zeitschrift „Jugend und Motor“. 1962 erschien seine dicke Luftfahrtgeschichte „Der Himmel hat keine Grenzen“. Überliefert sind außerdem Heftromane mit technischen Inhalten.

Während Jungks Buch nur zwei lange Passagen zur Datenverarbeitung enthielt, behandelte Strehl in elf Kapiteln Digitalrechner und Büromaschinen, Automaten und Automation, die Geschichte der Rechentechnik, die Kybernetik sowie benachbarte Gebiete. Er erwähnte unter anderem Charles Babbage, Howard Aiken, John Mauchly, John Presper Eckert, Alan Turing und Konrad Zuse. Das Kapitel „Die Invasion der Denkmaschinen“ enthüllte auf 43 Seiten die Computerwelt von 1952; es folgten 15 Seiten zum Dualsystem und zu Schachprogrammen.

Weniger schön waren eine Anzahl sachlicher Fehler und die fehlenden Quellenangaben. Am Ende sah Rolf Strehl wie Robert Jungk die neuen Technologien skeptisch. Schon sein Vorwort schloss mit der Frage „Was wird aus dem Menschen?“. Das Buch vergaß nicht die Todesfälle durch umfallende Roboter und die militärische Nutzung von automatischen Systemen. Die letzte Bildtafel zeigte einen alten Mann auf einer Straßenbahn-Weiche, laut Bildunterschrift „Der anonyme Mensch zwischen heute und morgen“.

Vor 65 Jahren hatten Computer also nicht den besten Ruf. Das mag auch daran gelegen haben, dass die frühen Elektronenrechner ziemlich groß waren und nur von Spezialisten bedient werden konnten. Die Sehweise änderte sich mit dem Wirtschaftswunder und durch die Verbesserungen der Technologie. Inzwischen wuchs die Angst vor der Zukunft wieder, wobei Geheimdienste und Großunternehmen an die Stelle der gefährlichen Gigantengehirne traten. Manchmal wiederholt sich Geschichte eben doch.

Das obige Foto zeigt Rolf Strehl um 1950; wir bedanken uns herzlich bei Eva Lindhorst für die Zusendung und die Erlaubnis, das Bild benutzen zu können. Robert Jungks „Die Zukunft hat schon begonnen“ ist auf Englisch online, zum Buch „Die Roboter sind unter uns“ fanden wir im Netz leider nur eine kurze Kritik.

 

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2 Kommentare auf “Die Roboter sind unter uns”

  1. Bevor die Roboter sich unter uns verbreiten, sollten die Leute von CFI gefragt werden: our vision at Leverhulme Center for the Future of Intelligence is to build a new interdisciplinary community of researchers, with strong links to technologists and the policy world, and a clear practical goal – to work together to ensure that we humans make the best of the opportunities of artificial intelligence, as it develops over coming decades.

    Die personelle Besetzung dieser neuen Forschungsinitative ist erstklassig. Die Zielsetzung entsprechend hoch gesteckt. Hoffentlich sind es auch die Ergebnisse.

  2. Danke für diesen schönen Artikel. Ich habe beide Bücher jetzt bei Amazon gefunden und bestellt.

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