Ein Bild in einer Minute

Geschrieben am 21.02.2017 von

Vor 70 Jahren begann die Ära der Sofortbildfotografie. Am 21. Februar 1947 führte der amerikanische Erfinder Edwin Land ein Verfahren vor, das sechzig Sekunden nach der Aufnahme das fertige Bild lieferte. Im November 1948 brachte seine Firma, die Polaroid Corporation, die passende Kamera auf den Markt. Die Polaroid-Technik war der analoge Urahn der elektronischen Fotografie.

Das Sofortbild ist ein alter Techniktraum, den die digitale Fotografie zu 100 Prozent erfüllt: Ein Druck aufs Knöpfchen und das Bild ist im Speicher und auf dem Display. Die analogen Vorläufer wurzeln im 19. Jahrhundert. Die Fotografie war gerade erfunden, als die Amerikaner Bolles und Smith 1857 eine Kamera herausbrachten, in die man Chemikalien gießen konnte. Diese sorgten für die Entwicklung der belichteten Fotoplatte. Ein ähnliches Gerät, die Dubroni, baute in den 1860er-Jahren der Franzose Jules Bourdin.

In späteren Jahrzehnten entstanden andere Minuten-Kameras mit viel Chemie und Namen wie Aptus, Mandelette, While-U-Wait oder Maton. Abnehmer waren Fotografen auf Straßen und Plätzen, die die Laufkundschaft bedienten. Seit dem späten 19. Jahrhundert verbreiteten sich außerdem die Fotoautomaten – wer kennt sie nicht? Man setzt sich hinein, wird geblitzt und nimmt einen Bilderstreifen mit nach Hause. Die Königin der Sofortbildkamera ist aber die „Polaroid“, deren Arbeitsweise vor siebzig Jahren enthüllt wurde.

Hinter jeder großen Erfindung steckt eine kleine Geschichte. 1943 fuhr der Erfinder und Firmenchef Edwin Land mit seiner Familie vom heimatlichen Neuengland in den Südwesten der USA. In Santa Fe machte er Fotos, wie es Touristen eben so tun, und knipste auch seine Tochter Jennifer. Worauf sie neugierig fragte: „Und wann kommt das Bild?“ Diese Frage setzte in Lands Gehirn eine kreative Kettenreaktion in Gang. Am Ende stand eine bahnbrechende Kamera mit neuartigem Film. Sie ermöglichte Sofortbilder für Amateurfotografen.

Edwin Herbert Land wurde am 7. Mai 1909 in Bridgeport im US-Bundesstaat Connecticut geboren. Der Vater betrieb einen Schrottplatz, doch konnte Land nach der High School die Harvard-Universität besuchen. Hier hörte er Physik und Chemie. Nach einem Jahr brach er das Studium ab und zog nach New York, wo er auf eigene Faust forschte. Er entwickelte ein preiswertes Material zur Polarisation. Die Folien, die er daraus gewann, beeinflussten die Ausbreitung von Licht und die Schwingungen der Lichtwellen.

1932 gründete Land zusammen mit seinem Physikdozenten eine kleine Firma in der Harvard-Stadt Cambridge. Die Produkte verkauften sich gut und lockten weitere Investoren an. 1937 war das Geburtsjahr der Polaroid Corporation. Edwin Land entdeckte immer neue Anwendungen der Polarisationstechnik von Sonnenbrillen und Filtern bis zur Projektion und Betrachtung von 3D-Filmen. Nach dem Kriegseintritt der USA kamen Aufträge vom Militär hinzu. Nach Kriegsende widmete er sich verstärkt dem Kamera-Projekt.

Die große Stunde kam am Freitag, dem 21. Februar 1947. Im New Yorker Hotel Pennsylvania tagte die Optische Gesellschaft von Amerika, ein guter Hintergrund für einen Pressetermin. Ein Fotograf rückte mit einer großen Balgenkamera an und nahm Land auf. Direkt danach zog der Erfinder aus der Kamera die Kassette, in der der belichtete Film steckte. Er drehte sie zwischen zwei Walzen hindurch; dabei verteilte sich eine Substanz, die den Film entwickelte. Nach eine Minute öffnete Land die Packung und zeigte allen sein Portrait.

Am nächsten Tag berichteten die wichtigsten Zeitungen. In der folgenden Woche war Edwin Land im ganzen Land bekannt. Er hatte allerdings erst das Verfahren für Sofortbilder vorgeführt. Bis zum passenden Fotoapparat dauerte es noch etwas. Am 26. November 1948, genau zum Start des Weihnachtsshoppings, lag die Polaroid-Land-Kamera in einem großen Kaufhaus in Boston aus. „Model 95“ – siehe unser Eingangsbild – kostete 89,75 Dollar. Die 57 Exemplare des Kaufhauses waren am selben Abend ausverkauft.

Die Polaroid-Fotos maßen 7,2 mal 9,5 cm und waren sepiafarben. Schwarzweißbilder gab es erst 1950. Die Sofortbildkamera verkaufte sich von Anfang an blendend. Der Umsatz im ersten Jahr betrug fünf Millionen Dollar. Bis zum Jahr 1956 gingen eine Million Kameras über den Ladentisch. Eine englische Wochenschau von 1948 zeigt „Doctor“ Edwin Land in Aktion. Man erkennt ganz gut die Bedienung seiner Erfindung. Im Frühjahr 1951 kam sie auch nach Deutschland. In unserem Film ist Polaroid ab Minute 4:50 zu sehen.

Edwin Land verbesserte die Polaroid-Produkte stetig weiter. 1963 erschien der Polaroid-Farbfilm Polacolor und 1965 die „Swinger“, die nur 20 Dollar kostete. Die revolutionäre SX-70 war 1972 die erste Polaroid-Spiegelreflexkamera. Ihr neuer Integralfilm kam ohne Negative aus und inspirierte viele Fotokünstler. Als Misserfolg erwies sich der Polavision-Schmalfilm von 1978. Lange Zeit florierte die Firma aber. Im Jahr 1983 hatte sie mehr als 13.000 Beschäftigte und einen Umsatz von über einer Milliarde Dollar.

Schon 1982 legte Land die Firmenleitung nieder. Er starb am 1. März 1991 in Cambridge. Seine Firma überlebte ihn um ein Jahrzehnt; 2001 meldete sie Insolvenz an. Ihr Nachlass liegt in der Harvard Business School; einiges kann im Internet studiert werden. Historische Polaroid-Objekte verwahrt auch das MIT-Museum. Den größten Bestand künstlerischer Polaroid-Fotos besitzt die Sammlung WestLicht in Wien. Seit 2008 bietet das Impossible Project Polaroid-Kamera und –Filme an. Ein anderes Sofortbild-System ist Instax.

Neben der Sofortbildfotografie beschäftigte sich Land mit vielen anderen Fragen. In den 1950er-Jahren leitete er das Team, das die Kamera des Spionageflugzeugs U-2 entwickelte. Über Jahrzehnte erforschte er die menschliche Farbwahrnehmung. Im Laufe seines Lebens meldete er 533 Patente an – mehr schaffte nur Thomas Edison. Einen Studienabschluss erhielt Edwin Land nie, dafür aber Ehrendoktorwürden von 15 Hochschulen. Last not least war er das große Vorbild von Apple-Chef Steve Jobs.

 

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