Ein folgenreiches Telegramm

Geschrieben am 16.01.2017 von

Kriege werden nicht allein auf dem Schlachtfeld entschieden. Ebenso wichtig sind kluge Köpfe, die geheime Botschaften des Feindes lesbar machen. Vor 100 Jahren entschlüsselten englische Kryptologen die Zimmermann-Depesche. Sie wurde von Deutschland nach Mexiko geschickt und forderte das Land zu einem Angriff auf die Vereinigten Staaten auf. Ihre Enthüllung beschleunigte Amerikas Eintritt in den 1. Weltkrieg.

Seit 2001 besitzt das HNF eine Abteilung zur Kryptologie oder, wie es im Untertitel heißt, über die Welt der Codes und Chiffren. In der Umgangssprache werden die beiden Worte synonym gebraucht: Eine geheime Nachricht kann man codieren oder chiffrieren. Zum Lesen muss man sie decodieren oder dechiffrieren. Ganz analog redet man von Verschlüsseln und Entschlüsseln.

Die Experten drücken sich etwas genauer aus. In der kryptologischen Fachsprache ist eine Chiffre ein Verschlüsselungsverfahren, das von Buchstaben zu Buchstaben voranschreitet. Es gibt dazu einfache Methoden wie die Caesar-Verschlüsselung und komplizierte mit Chiffriermaschinen. Bei einem Code geht man von einem Wort zum nächsten vor. Zum Verschlüsseln dienen Codebücher mit Wortlisten. Sie nennen jeweils die Buchstaben- oder Zahlengruppe, in die ein Wort umgewandelt wird.

Arthur Zimmermann

Arthur Zimmermann

Der rechtmäßige Empfänger einer codierten Nachricht besitzt das gleiche Buch und schlägt die Bedeutungen der Zeichen nach. In Krieg und Frieden versuchen auch noch andere Personen, an Codebücher heranzukommen und codierte Texte zu entschlüsseln. Wir meinen die Kryptologen, die die geheime Kommunikation von Politikern und Militärs abfangen und lesbar machen. Vor hundert Jahren saß eines der besten Kryptologenteams in der britischen Admiralität in London. Ihre Abteilung Zimmer 40 befasste sich vor allem mit dem Nachrichtenverkehr von und nach Deutschland.

Seit 1914 kämpften England, Frankreich, Russland und ihre Alliierten in einem Weltkrieg gegen Deutschland, Österreich-Ungarn und ihre Verbündeten. Ein Ende war nicht abzusehen. Die Vereinigten Staaten hielten sich aus dem Kampf heraus. Im November 1916 war Präsident Woodrow Wilson mit einem neutralistischen Programm wiedergewählt worden. Er war kein Freund des Kaisers, kam aber dem Kaiserreich gelegentlich entgegen. So durften die Deutschen amerikanische Transatlantikkabel benutzen. Die deutschen Kabel hatten die Engländer kurz nach Kriegsbeginn zerstört.

Am 16. Januar 1917 um 19.50 Uhr verließen zwei codierte Telegramme Berlin. Absender war die Botschaft der USA, der Text kam aber vom Auswärtigen Amt. Die Depeschen liefen über Kopenhagen und London und durch den Atlantik nach Amerika. Am 19. Januar erreichten sie das amerikanische Außenministerium in Washington. Dieses gab sie an die deutsche Botschaft weiter, die sie decodierte. Danach sandte Botschafter Graf von Bernstorff eines der Telegramme über die Telegraphenfirma Western Union an die Gesandtschaft in Mexico City. Hierzu benutzte er einen anderen Code.

Venustiano Carranza, Präsident von Mexiko

Venustiano Carranza, Präsident von Mexiko

Diese Nachricht war das Zimmermann-Telegramm, so benannt nach seinem Unterzeichner. Arthur Zimmermann, 1864 in Ostpreußen geboren, bekleidete seit November 1916 den Posten des Staatssekretärs des Äußeren. Im Kaiserreich gab es ein Auswärtiges Amt, doch noch keinen Außenminister. Den Text des Telegramms verfasste Zimmermanns Mitarbeiter Hans Arthur von Kemnitz. Adressiert wurde es an Heinrich von Eckhardt, den deutschen Gesandten in der mexikanischen Hauptstadt.

Die Depesche kündigte zunächst die Aufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs an. Diesen hatte die deutsche Marine bereits 1915 und 1916 praktiziert. Der Kommandant eines U-Boots verzichtete dabei auf das Anhalten und Untersuchen eines neutralen oder feindlichen Handelsschiffs, so wie es die Seekriegsordnung vorschrieb. Stattdessen griff er ohne Vorwarnung an. Nach einem scharfen Protest der USA – ein U-Boot hatte einen Dampfer mit amerikanischen Passagieren torpediert – stoppten die deutschen Attacken im April 1916.

Bei der Wiederaufnahme befürchtete die deutsche Regierung, dass die USA auf Seiten von England und Frankreich in den Krieg zögen. In diesem Fall sollte Gesandter von Eckhardt dem mexikanischen Präsidenten Venustiano Carranza vorschlagen, Amerika anzugreifen und die Bundesstaaten Texas, New Mexico und Arizona zu erobern. Außerdem sollte Carranza Japan positiv stimmen und zwischen Deutschland und Japan vermitteln. Das fernöstliche Kaiserreich hatte Deutschland 1914 den Krieg erklärt und seine Kolonien in Asien besetzt.

US-Präsident Woodrow Wilson

US-Präsident Woodrow Wilson

Solche fantastischen Ideen liefen Anfang 1917 durch den Telegraphendraht. Da er London berührte, landeten sie in der Nacht vom 16. zum 17. Januar ebenso im Zimmer 40 der Admiralität. Hier nahmen sich die Kryptologen Nigel de Grey und Dillwyn Knox der codierten Texte an. Sie waren mit dem deutschen Code 7500 verschlüsselt, manchmal auch als 0075 bezeichnet. De Grey und Knox konnten nur einen Teil der Zahlengruppen entziffern, doch fanden sie das Bündnisangebot an Mexiko heraus.

Eine Enthüllung der Nachricht, das war sofort klar, würde die USA höchstwahrscheinlich veranlassen, Deutschland den Krieg zu erklären. Zimmer 40 und sein Direktor, Captain William Hall, mussten aber zunächst eine vollständige Fassung der Zimmermann-Depesche erstellen und zweitens die Quelle ihrer Erkenntnisse verschleiern. Denn das Abzweigen von Informationen aus dem amerikanischen Telegrammverkehr war illegal, und eine Bekanntgabe hätte ebenfalls einen Skandal verursacht.

Die Lösung lag im Telegraphenamt von Mexico City. Hier besorgte ein englischer Agent einfach eine Kopie der eingelaufenen Zimmermann-Depesche. Am 19. Februar befand sie sich bei den Londoner Kryptologen. Sie entschlüsselten den Text ohne Probleme und in voller Länge. Die deutsche Botschaft in Washington hatte mit Code 13040 verschlüsselt, da die Gesandtschaft in Mexiko kein 7500-Codebuch besaß. Nr. 13040 war länger in Gebrauch und schon von Zimmer 40 geknackt worden.

Die Zimmermann-Depesche, wie sie in Mexico-City eintraf

Die Zimmermann-Depesche, wie sie in Mexico City eintraf    (Foto NARA)

Captain Hall hatte jetzt das ganze Telegramm und spielte es mit Übersetzung der US-Regierung zu. Am 28. Februar gab es Präsident Wilson an die Presse. Am nächsten Tag stand es in allen amerikanischen Zeitungen. Immer noch hielten vereinzelte Stimmen eine Erfindung der Depesche durch den englischen Geheimdienst für möglich. Diese Zweifel wurden aber ausgeräumt, als die deutsche Regierung das Bündnisangebot an Mexiko bestätigte. Unten bringen wir dazu einen offiziösen Artikel aus dem Berliner Tageblatt vom 3. März 1917.

Einen Monat vorher hatte Deutschland den uneingeschränkten U-Boot-Krieg begonnen. Ihm fielen auch amerikanische Frachter zum Opfer. Präsident Wilson brach daraufhin die diplomatischen Beziehungen zum Kaiserreich ab, blieb aber noch immer neutral. Die Versenkung der Schiffe und die Publikation des Telegramms bewirkten einen Umschwung. Am 2. April 1917 forderte Wilson den US-Kongress auf, Deutschland den Krieg zu erklären. Vier Tage später erfolgte die Zustimmung. Am 14. April 1917 lehnte der mexikanische Präsident das deutsche Bündnisangebot ab.

In den Annalen der Kryptologie zählt die Decodierung der Zimmermann-Depesche zu den Glanzleistungen. Nigel de Grey und Dillwyn Knox aus dem Zimmer 40 arbeiteten einen Weltkrieg später im Entschlüsselungszentrum Bletchley Park. Hier befassten sie sich – bitte den Fachausdruck beachten – mit der Chiffriermaschine Enigma. Die Codebücher starben nach dem 2. Weltkrieg aus. Sie waren zuletzt nur noch im Gebrauch, um Telegrammkosten zu sparen.

Artikel

Teilen:Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code