Eine Reise nach Nixdorf

Geschrieben am 09.04.2016 von

Schaut man auf die Landkarte, dann ragt östlich von Dresden der dreißig Kilometer breite Schluckenauer Zipfel von Böhmen nach Norden und ins benachbarte Sachsen hinein. In ihm liegt das Städtchen Nixdorf, das auf Tschechisch Mikulášovice heißt. Die Vorfahren von Heinz Nixdorf, der am 9. April Geburtstag gehabt hätte, kamen aber wohl aus einem anderen Ort.

„Wenn über Feld und Flur und Wald die neu erwachende Natur den Krönungsmantel wirft, lichtdurchsponnen, farbenbunt und prächtig, dann wirft der Mensch seine Winterschwere ab und greift zum Wanderstabe.“ So stimmungsvoll startet die Broschüre „Kennen Sie Nixdorf?“, die Oberlehrer Zabel in den späten 1930er-Jahren verfasste. Und weil die Jahreszeit genau passt, wollen wir uns gleichfalls auf Wanderschaft begeben und jenes Nixdorf näher anschauen.

Es liegt hinter der deutsch-tschechischen Grenze im Schluckenauer Zipfel, der sich von Böhmen aus in den Freistaat Sachsen hinein erstreckt. Von Sebnitz im Westen trennen Nixdorf sieben Kilometer und der 597 Meter hohe Tanzplan, einer der höchsten Berge der Sächsisch-Böhmischen Schweiz. Der Name des Ortes hat wohl nichts mit Nixen zu tun, sondern geht auf den heiligen Nikolaus zurück. Entsprechend heißt Nixdorf auf Tschechisch Mikulášovice.

Bis 1918 gehörte Nixdorf zur österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. 1910 hatte es über 7.000 Einwohner und eine ertragreiche Metall- und Textilindustrie. 1916 erhielt es die Stadtrechte und 1917 ein eigenes Wappen; 1918 begann die Zeit der tschechoslowakischen Republik. Von 1938, dem Jahr des Münchner Abkommens, bis 1948, als das Land kommunistisch wurde, machte Nixdorf das Auf und Ab der Weltgeschichte mit. Im Ort wird immer noch Metall verarbeitet, doch leben dort heute nur noch 2.200 Menschen.

Als Oberlehrer Zabel seine Broschüre schrieb, florierte die Nixdorfer Wirtschaft. Anzeigen am Ende des Heftes künden von Stahlwaren- und Messerfabriken und Firmen, die Strick- und Wirkwaren sowie Baumwoll- und Gummibänder produzierten. Neben vier Volksschulen und einer Bürgerschule für Knaben und Mädchen gab es im Ort eine staatliche Fachschule. Drei Bahnstationen schlossen Nixdorf ans deutsche und tschechische Verkehrsnetz an. Für die Weiterbildung sorgten ein Kino, eine Bücherei mit 6.300 Bänden und eine kleine Sternwarte.

NixdorfBroschüre (359x600)

Für sportliche Tätigkeit standen ein Freibad sowie Berge und Wälder bereit. „Der Nixdorfer selbst ist wanderlustig, ein Naturfreund, schönheitsdurstig und mitteilsam“, weiß die Broschüre, denkt aber auch – jetzt wird’s wieder poetisch – an die Touristen: „Des frühen Morgens freudiges Erröten auf den Wangen, mögen recht viele in der Wanderzeit hinausziehen und zu uns kommen, um all das Schöne zu schauen und in sich aufzunehmen, was ihnen unsere herrliche Grenzlandheimat bieten kann.“

Der vermutlich prominenteste Nixdorfer ist eine Nixdorferin: die 1900 geborene Anni Frind. In den 1920er- und frühen 1930-er Jahren feierte sie in Berlin und anderen Städten große Erfolge als Opern- und Operettensängerin. 1933 kehrte sie in ihren Geburtsort zurück und arbeitete in der Arztpraxis des Vaters. Nach dem 2. Weltkrieg heiratete Anni und emigrierte mit ihrem Mann in die USA. Sie starb 1987 in New Orleans, doch ihre Stimme lebt auf Platten, CDs und YouTube weiter.

Stammten auch die Vorfahren von Heinz Nixdorf aus dem Schluckenauer Zipfel? Wie HNF-Forscher Christian Berg in seiner jüngst erschienenen Biographie zeigte, kamen sie eher aus Niederschlesien und der Umgebung von Liegnitz. Im Übrigen teilt das digitale historische Ortsverzeichnis von Sachsen mit, dass das böhmische Nixdorf nicht das einzige auf der Welt war. Bei Zwickau stand vor Jahrhunderten ein Dorf dieses Namens, das außerdem Nixendorf oder Nichzenhain genannt wurde.

Das wahre Nixdorf ist also das heutige Mikulášovice in Tschechien, und wer es sehen will, erreicht es mit der Nationalparkbahn von Bad Schandau nach Rumburk und ebenso per Auto. Informationen für Touristen gibt es hier in deutscher Sprache. Wen die Wanderlust nicht packt, kann das reichhaltige Fotoalbum des Ortshistorikers Josef Horvatovič studieren, dem wir auch das Eingangsbild verdanken.

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