Es begann mit CHIP

Geschrieben am 20.10.2015 von

1978 sahen viele Menschen den Computer eher negativ und verbanden ihn mit staatlicher Kontrolle oder polizeilicher Überwachung. Im September 1978 kam das Magazin CHIP auf den Markt und berichtete über etwas ganz Neues: kleine Rechner für jedermann. Wir haben uns das erste Heft der Zeitschrift angeschaut und berichten, was die Nerds vor 37 Jahren bewegte.

Wir schreiben das Jahr 1978. Ein blauer Himmel und darunter ein weißes Ei, dem ein technisches Gerät entsteigt, der Computer HP 9845A der kalifornischen Firma Hewlett Packard. Er sieht völlig anders aus als man sich gewöhnlich einen Digitalrechner vorstellt, er ist weder eine meterlange Mainframe noch ein kühlschrankgroßer Mini, sondern klein und übersichtlich. Er passt auf einen Tisch und bringt dennoch alles Nötige mit, Tastatur, Monitor und einen integrierten Drucker.

Die geschilderte Szene zierte im September 1978 das Cover – von dem wir oben einen Ausschnitt zeigen – eines neuen Technikmagazins, das den Namen CHIP trug. Es sprach zugleich Amateure und Profis an. Sein Thema war „Der Computer, das unbekannte Wesen“ im Allgemeinen und die Gattung des Mikrocomputers im Besonderen. Die erste Nummer lässt sich kostenlos aus dem Internet herunterladen, aber bitte Geduld haben, die pdf-Datei ist 32,2 Megabyte lang.

In den 1970er-Jahren gab es schon deutsche Fachzeitschriften zur Informatik, etwa „Elektronische Rechenanlagen“ oder „rechentechnik/datenverarbeitung“ aus der DDR sowie die „Computerzeitung“ und die „Computerwoche“. Neu an CHIP waren die Konzentration auf Systeme mit Mikroprozessoren, die Normalbürger bezahlen konnten, und die gut lesbaren und bunt bebilderten  Artikel. Das kannte man bislang nur von populären Magazinen wie „hobby“, „bild der wissenschaft“ oder „Funkschau“.

Die Idee, eine solche Zeitschrift herauszubringen, kam von Henning Wriedt, dem Chefredakteur der „elektronik praxis“, die im Vogel-Verlag erschien. 1977 wurde er auf einer amerikanischen IT-Messe vom Mikrocomputer-Fieber infiziert und steckte dann die Verlagsleitung in Würzburg an, wie hier erzählt. Wriedt leitete zunächst auch das neue CHIP; im Januar 1979 wurde er durch Günther Knauft abgelöst. Kurz darauf zog die Redaktion nach München, hier sitzt sie noch heute.

Was enthielt die Erstausgabe des Magazins? Nach Wriedts Editorial „Jedem sein Computer“ und dem Inhaltverzeichnis folgten Grußworte von Presse- und Industrievertretern und zwei Seiten Nachrichten. Danach wurden fünf Computerclubs vorgestellt; dann schildert der erste richtige Artikel den Airbus-Simulator der Lufthansa in Frankfurt. Dieser war allerdings noch an einen Großrechner alter Schule angeschlossen, der in Echtzeit die Computergrafiken vor dem Cockpit erzeugte.

Nun betrat der Leser endlich die Mikrowelt. Der schon auf dem Cover erwähnte Text „Der Computer, das unbekannte Wesen, oder wie lerne ich den Umgang mit Mikrocomputer“ erklärte auf sieben Seiten vor allem das Dualsystem, die nächsten zehn analysierten unter dem Titel „Die Stunde der Wahrheit“ den Einplatinenrechner KIM-1. Der war der direkte Vorläufer des Commodore PET 2001 und besaß den 8-bit-Mikrochip 6502, aber sonst nur eine reduzierte Tastatur für In- und sechs LED-Felder für Outputs. Der Verkaufspreis betrug 595 DM ohne Mehrwertsteuer.

Weiter ging es mit dem Beitrag „Von Alpha bis Omega – Mikrocomputer von der Stange“ über den Berliner Kleinrechner Alpha-1, einen verbesserten KIM-1, der in der Selbstbau-Version knapp unter 1.000 DM kostete, und mit einem Vergleichstest von vier Mikroprozessoren („Sie alle stammen von bekannten Herstellern und bieten erstaunliche Leistungen“). Der letzte lange Artikel widmete sich dem Programmieren eines anspruchsvollen elektronischen Tischrechners, des SR-60A von Texas Instruments. Wobei CHIP aber nicht den Kaufpreis verriet, der bei nahezu 7.000 DM lag.

Auf Seite 64 des Hefts begann die Übersicht über IT-Produkte „Neu am Markt“, eine bunte Mischung vergessener wie berühmter Namen. Wer kennt heute noch das Microterminal II aus Wolfratshausen oder den Pecos One aus der Schweiz, „ein Mikrocomputer für Leute ohne Programmierkenntnisse“? Vertrauter ist da schon „Der komfortable ‚Apfel‘ aus Amerika“ – so nannte CHIP den Apple II, den man damals in Genf bestellen musste. Ein Jahr später, im September 1979, brachte die Zeitschrift aber einen langen und begeisterten Testbericht.

Nach zwei Seiten „Neu im Bücherboard“, einer Seite „Denk-Ware“ mit Rätsel und zwei weiteren zur Leseraktion „Computer gegen Schulstreß“ und zu diversen Fortbildungskursen schloss das Heft mit den Anzeigen des CHIP-Einkaufsführers, nach Städten geordnet. Mikrocomputermetropole Nummer 1 war München mit vier Geschäften, den zweiten Platz belegten Augsburg, Berlin, Hamburg und Basel mit je drei Adressen. Die letzte Seite brachte die Vorschau auf das nächste Heft und das Impressum.

Als Fazit bleibt, wie nahe an der elektronischen Technik die Mikros im September 1978 waren. Das änderte sich  mit den normalen Kleincomputern wie dem PET oder dem Atari 400 und in den frühen Achtzigern mit dem Sinclair ZX81. (Es gab ebenso den Apple, aber der war teuer.) Eine genaue Analyse der Mikrocomputerrevolution muss die Preisunterschiede der Modelle und die genauen Einführungsdaten in Europa beachten, aber das Lesen eines alten CHIP macht auch einfach so Spaß.

Eingangsbild: www.chip-kiosk.de

 

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Ein Kommentar auf “Es begann mit CHIP”

  1. In einer CHIP-Ausgabe war auch einmal ein Kartenspiel mit Computerpionieren eingeklinkt. Man musste die einzelnen Karten nur aus der Perforation rausbrechen. Dem leidenschaftlichen Skatspieler Heinz Nixdorf hätte allerdings nicht gefallen, dass er der Redaktion kein Blatt wert war.

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