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Fax vom Mond

Geschrieben am 02.02.2016 von

Der letzte Triumph der UdSSR im „Wettlauf zum Mond“ mit den USA war vor 50 Jahren der Flug von Luna-9. Die Raumsonde landete weich auf dem Erdtrabanten und setzte eine Kapsel ab, die Fotos des Mondbodens aufnahm und zur Erde funkte. Das englische Radioteleskop Jodrell Bank konnte sie empfangen und vor den sowjetischen Forschern veröffentlichen.

Am 31. Januar 1966 startete im sowjetischen Weltraumbahnhof Baikonur eine Rakete des Typs Molnija-M, eine Verwandte des noch heute benutzten Sojus-Trägers, und brachte eine gut anderthalb Tonnen schwere Nutzlast auf den Kurs zum Mond. Es handelte sich um die Forschungssonde Luna-9, die nach drei Tagen den Erdtrabanten erreichte und dank ihres Bremstriebwerks auf der Oberfläche niederging, genauer gesagt, im Meer der Stürme, ohne dabei Schaden zu nehmen.

Die Landung von Luna-9 am Abend des 3. Februar 1966 bedeutete einen erneuten Sieg der russischen Raumfahrt über die Konkurrenz in Amerika. 1957 hatte die UdSSR den ersten Satelliten gestartet und 1961 den ersten Mann und 1963 die erste Frau ins All gebracht. 1964 flog das erste Dreierteam um die Erde, 1965 gelang einem Kosmonauten der erste Ausstieg aus der Raumkapsel. Es half der NASA wenig, dass sie später ganz ähnliche und technisch aufwendigere Projekte durchführte, für die Medien und die Öffentlichkeit zählte vor allem, wer der Erste war.

1:1-Modell von Luna-9 im Raumfahrtmuseum Moskau

Luna-9-Modell im Raumfahrtmuseum Moskau

Luna-9 landete nicht nur weich, sondern brachte auch eine TV-Kamera zum Mond. Diese befand sich in einer Kugel von 58 cm Durchmesser, die am Ende des Landevorgangs von der Sonde abgestoßen wurde und – durch einen Airbag geschützt – auf den Mondboden fiel. Nach dem Aufprall und einigen Hopsern wurde der Airbag zum Platzen gebracht; vier Segmente auf der Oberseite der Kugel klappten aus und gaben die Kamera frei. In unserem Film wird der Vorgang ab Minute 12:00 erläutert, der sich wohl auch ohne Russischkenntnisse verstehen lässt.

In den frühen Morgenstunden des 4. Februar nahmen die Kamera und der mit ihr verbundene Sender ihre Tätigkeit auf. 107 Minuten lang übermittelte die Kapsel eine Folge von Fotos, die zusammen ein Rundumbild der Landestelle ergaben. Am Nachmittag erfolgte eine zweite Sendung, die sich über fast drei Stunden hinzog, und am Abend des 6. Februar die dritte. Danach waren die Batterien in der Kugel erschöpft, man hörte nichts mehr von ihr. Insgesamt hatte sie 27 Einzelfotos übertragen.

Kamera-Kapsel von Luna-9

Kamera-Kapsel von Luna-9

Empfangen wurden die Bildsignale von den dazu vorgesehenen Stationen der UdSSR, aber auch von Antennen der National Security Agency, des technischen Geheimdienstes der USA, und vom englischen Radioteleskop Jodrell Bank südlich von Manchester. Mit einem Parabolspiegel von 76 Metern war Jodrell Bank 1966 die größte Anlage ihrer Art in der Welt. Seit dem Start des Sputnik hatten ihre Forscher, mit dem Radioastronomen Sir Bernard Lovell an der Spitze, wertvolle Erfahrung beim Verfolgen russischer Satelliten und Raumsonden gesammelt.

Die Funkwellen, die das Teleskop nach der Landung von Luna-9 registrierte, blieben aber ein Rätsel, bis jemand erkannte, dass es sich um Signale handelte, wie sie zum Übermitteln von Pressefotos verwendet wurden. Nun besaß Jodrell Bank kein Gerät, um solche Signale darzustellen, doch gelang es Sir Bernard, bei der Redaktion des „Daily Express“ in Manchester einen Fax-Empfänger auszuleihen. Und als am 4. Februar die zweite Sendung von Luna-9 eintraf, druckte das Gerät vor den staunenden Astronomen und Journalisten die Fotos der Mondoberfläche aus – siehe unser Eingangsbild.

Luna-9-Foto des Teleskops Jodrell Bank

Luna-9-Foto des Teleskops Jodrell Bank

Die gleiche Szene, wie sie sie UdSSR zeigte.

Die gleiche Szene, wie sie die UdSSR zeigte

Die Faxe aus England füllten am Samstag, dem 5. Februar, die Titelseiten der westlichen Presse, weniger begeistert waren die Funktionäre in Moskau. Die „Prawda“ hatte am 4. Februar die Landung von Luna-9 gemeldet, doch am Tag danach nur eine Plakette und einen Winkel mit dem UdSSR-Wappen gezeigt, die mit Luna-9 zum Mond geflogen waren. Mondfotos von Luna-9 brachten die „Prawda“ und alle anderen russischen Zeitungen am 7. Februar. Und erst am 10. Februar 1966 fand in Moskau die große Luna-9-Pressekonferenz statt, wie am Ende dieses Films zu sehen.

Übertroffen wurde die russische Pressearbeit nur vom amerikanischen Geheimdienst CIA, der nach der Landung von Luna-9 eine Broschüre erstellte. Diese wurde später für die Öffentlichkeit freigeben, doch zuvor jedes Mondfoto geschwärzt. Die bereits erwähnte NSA hat die in ihrem Archiv liegenden Luna-9-Bilder dagegen deklassifiziert und an ihr Museum weitergeleitet. Einzelheiten zum Empfang der Bilder 1966 finden sich in einem Artikel, den die NSA in ihrem Cryptologic Almanac abdruckte.

Die wichtigsten DDR-Blätter machten übrigens schon am 5. Februar mit dem Mondboden aus Jodrell Bank auf. Denn die Luna-9-Fotos aus England lassen sich an einem Transmissions-Fehler erkennen: sie sind im Vergleich zu denen der „Prawda“ ein wenig in der Breite gestaucht. Wie die Freunde aus Moskau auf diesen ideologischen Fehltritt reagierten, wissen wir nicht. Es folgen zum Schluss vier Titelseiten von Zeitungen aus Manchester, Moskau und Berlin (Ost) zur Mondlandung 1966.

"Daily Express", 5. Februar 1966

„Daily Express“, 5. Februar 1966

"Prawda", 5. Februar 1966

„Prawda“, 5. Februar 1966

 "Prawda", 6. Februar 1966

„Prawda“, 6. Februar 1966

"Neues Deutschland", 5. Februar 1966

„Neues Deutschland“, 5. Februar 1966

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