Heinz Nixdorf und die Motoren

Geschrieben am 22.09.2017 von

Vor 50 Jahren galt der Kreiskolbenmotor als Spitzenleistung deutscher Autotechnik. Der revolutionäre Antrieb des Erfinders Felix Wankel steckte im Ro 80 der Firma NSU. Heinz Nixdorf erwarb zwei Limousinen des Typs. Er begeisterte sich auch für den Elsbett-Motor, eine Weiterentwicklung des Diesel. 1984 startete er die Entwicklung eines elektrischen Fahrrads, das aber ein Prototyp blieb.

In diesen Tagen geht in Frankfurt die Internationale Automobil-Ausstellung IAA über die Bühne, genauer gesagt, der Pkw-Teil. Die Nutzfahrzeuge feiern ihre Messe in Hannover. Auch vor 50 Jahren gab es eine IAA. Einer der Stars war der Ro 80 von NSU. Er war nicht nur ein sehr schönes, sondern auch ein höchst innovatives Auto. Über der Vorderachse saß ein neuartiger Motor mit zwei Kolben. Sie bewegten sich nicht in Zylindern auf und ab, sondern rotierten in ihren Gehäusen, deshalb das Kürzel Ro.

Der Kreiskolbenmotor war eine Erfindung des Ingenieurs Felix Wankel. 1902 im badische Lahr geboren, entwickelte er in den 1950er-Jahren sein Konzept zur Serienreife; er starb 1988 in Heidelberg. Der erste Wankelmotor lief 1957 auf einem Prüfstand der Autofirma NSU. 1964 trieb das Aggregat den NSU Wankel Spider an, ein kleines Cabrio. Drei Jahre später erschien der Ro 80, eine viertürige Limousine der oberen Mittelklasse. Das Auto eroberte die Herzen aller Technikfreunde im Sturm. Auch Heinz Nixdorf war absolut begeistert.

Heinz Nixdorf und sein Ro 80

Bald stand ein Ro 80 in seiner Garage, später folgte ein zweiter. Neben den Schauspielern Dieter Borsche und Erik Ode sowie dem Boxer Bubi Scholz war Nixdorf der prominenteste Wankelpilot. Bis heute zieht es Ro-80-Fans nach Paderborn und zum HNF. Die Freude am Fahren jenes Autos erklärt sich vor allem aus dem Gefühl, etwas völlig Neues zu erleben.

Die Kraftmaschine mit Kolben und Zylinder erfand schon 1690 der Franzose Denis Papin. Im 18. Jahrhundert entstand in England die ganz ähnlich arbeitende Dampfmaschine. Im 19. Jahrhundert schufen Nikolaus Otto und Rudolf Diesel die nach ihnen benannten Motoren. 1886 baute Carl Benz in Mannheim das erste Auto, 1888 wagte seine Frau Bertha die erste Autotour nach Pforzheim und zurück. Bis heute fahren Pkws wie Lkws mit Motoren, die schon Denis Papin verstanden hätte. Mehrere Kolben bewegen sich in zwei oder in vier Takten linear in Zylindern. Dabei trägt nur ein Takt zum eigentlichen Antrieb bei. Die an den Kolben hängenden Pleuelstangen übertragen das Auf und Ab auf die Kurbelwelle.

Felix Wankel und sein Motor  (© Felix Wankel Stiftung Heidelberg und TECHNOSEUM Landesmuseum für Technik und Arbeit Mannheim)

Seit dem 18. Jahrhundert dachten Erfinder über Motoren mit rotierenden Kolben nach. Eine befriedigende Lösung fand erst Felix Wankel. In seinem Motor dreht sich der dreiecksförmige Kolben in einem Gehäuse, dessen Querschnitt einem großen O gleicht. Seine drei Kanten halten dabei stets Kontakt mit der Gehäusewand. Am besten versteht man das Prinzip durch eine Animation. Sie zeigt, wie sich links und rechts das Volumen der Kammern ändert, die der exzentrisch gelagerte Kolben erzeugt.

Der Wankelmotor versprach eine neue Ära des Automobils. Wer den Ro 80 fuhr, hatte die Zukunft unter der Haube. Doch diese Zukunft endete 1977 nach knapp 38.000 produzierten Modellen. Der Wagen passte einfach nicht in die technikskeptischen und umweltbewussten Siebziger. Für viele galt der Ro 80 als Spritsäufer. Im Stadtverkehr schluckte er bis zu 20 Liter Normalbenzin auf 100 Kilometern. Typisch ist ein ZEIT-Artikel von 1978 über Heinz Nixdorf: „Sein Lebensstil ist bescheiden geblieben, er fährt einen alten NSU Ro 80,…“

Ludwig Elsbett um 1935

Nixdorf fuhr aber nicht nur ein Wankel-Auto, sondern interessierte sich ebenso für einen traditionellen Hubkolben-Antrieb – den Elsbett-Motor. Sein Erfinder Ludwig Elsbett wurde 1913 im unterfränkischen Salz geboren und starb dort 2003. Der Elsbett-Motor basiert auf dem Dieselmotor; das neue Element ist der auf der Oberseite ausgehöhlte Kolben. In der Höhlung vermischt sich die Luft mit dem eingespritzten Kraftstoff; die Zündung erfolgt dieseltypisch von selbst. Der Zylinder drumherum wird nur wenig erhitzt und benötigt kein Kühlsystem.

In den 1970er-Jahren fertigten Ludwig Elsbett und seine Söhne im fränkischen Hilpoltstein solche Motoren. In den Achtzigern wurde Heinz Nixdorf auf das Unternehmen aufmerksam. Es kam zur Gründung der Axial-Motor GmbH, an der sich die Elsbetts und Nixdorf zu je 50 Prozent beteiligten. Ziel war ein Dieselmotor für Flugzeuge. Er umfasste zwei Sätze von sieben Zylindern; die Kraftübertragung erfolgte durch eine Taumelscheibe. In Hilpoltstein entstand ein Prototyp, der heute im Firmenmuseum steht. Das Joint Venture endete 1986 durch den Tod des Computerindustriellen.

Das Nixdorf-E-Bike mit seinem Konstrukteur Günter Baitz

Heinz Nixdorfs zukunftsträchtigstes Gefährt hatte nur zwei Räder. 1984 beauftragte er Günter Baitz, Abteilungsleiter im Standort Berlin, mit der Entwicklung eines elektrisch betriebenen Drahtesels. Aus einem Hercules-Damenrad, einem 12-Volt-Motor und passenden Batterien wurde das Nixdorf-E-Bike, das der Chef 1985 persönlich testete. Zur Serienproduktion kam es nicht mehr, doch der Prototyp ist mittlerweile im HNF zu besichtigen.

Den Kreiskolben-Fans sei noch mitgeteilt, dass sich der Nachlass von Felix Wankel im Mannheimer Technoseum befindet. Informationen und Fotos dazu sind online. In der Dauerausstellung des Museums parkt Wankels privater Ro 80, den er Silberlöwe nannte. Unser Eingangsbild oben zeigt natürlich einen der Wankel-Wagen von Heinz Nixdorf.

Teilen:Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code