Mathematik im Fluge

Geschrieben am 10.03.2017 von

Seit dem 8. Dezember 2016 besitzt das Londoner Science Museum eine neue Abteilung zur Geschichte der Mathematik und Informatik. Das herausragende Exponat ist ein Doppeldecker aus dem Jahr 1929. Er symbolisiert die Rechenarbeit, die für technische Entwicklungen und wissenschaftliche Forschungen nötig ist. Computer und Datennetze erklärt der am 24. Oktober 2014 eröffnete Museumsbereich zum Informationszeitalter.

Hat sich da jemand verflogen? Wer die neue Mathematikabteilung des Londoner Science Museums betritt und hochschaut, erblickt ein Propellerflugzeug, einen Doppeldecker des englischen Herstellers Handley Page von 1929. Hinter seinen Flügeln ziehen sich gekrümmte Flächen durch den Raum, eine Kurvenschar schmückt den Fußboden der Ausstellung. Gemeinsam deuten sie den Luftstrom an, der ein Flugzeug oben am Himmel oder auf der Erde im Windkanal einhüllt.

Es ist dieser Luftstrom, der Aerodynamiker und Flugzeugbauer zu immer aufwendigeren Rechenarbeiten zwingt. Dem Rest der Welt führt er die Bedeutung der Mathematik und der mathematische Geräte vor Augen, der Rechenstäbe, Rechenmaschinen und Computer. Das war der Grundgedanke der 1950 geborenen englisch-irakischen Architektin Zaha Hadid. Sie entwarf das Ausstellungsdesign, seine Beleuchtung und Farben. Leider starb sie vor einem Jahr und konnte die fertige Abteilung nicht mehr erleben.

Die Winton-Galerie eröffnete am 8. Dezember 2016; der Name steht für die Investmentfirma der beiden Hauptsponsoren, des Ehepaars David und Claudia Harding. Die fünf Millionen Pfund, die sie 2014 übergaben, waren die größte Einzelspende in der Geschichte des Science Museums. Die Abteilung umfasst 900 Quadratmeter und zeigt 241 Exponate oder Exponatgruppen. Ihre Leitfrage lautet: Wie hat Mathematik die Welt verändert? Die Antworten stammen aus den letzten 400 Jahren und aus den unterschiedlichsten Gebieten.

Unten haben wir Fotos von aussagekräftigen Objekten der Museumsabteilung versammelt, vor allem von solchen, die es nicht in ähnlicher Form im HNF zu sehen gibt. Weitere Bilder zeigen Exponate der Ausstellung zum Informationszeitalter, auf Englisch Information Age. Sie wurde am 24. Oktober 2014 von der englischen Königin eröffnet. Damals setzte Her Majesty ihre erste Twitter-Botschaft ab. Ihre erste E-Mail hatte sie – wir berichteten im Blog darüber – schon im Jahr 1976 versandt.

Die Datenbank des Science Museum enthält Informationen zu einer Fülle von Objekten. Ein besonderer Schatz sind die Notizen und Pläne des Computervisionärs Charles Babbage im Archiv des Museums. Von den 1.437 Dokumenten und Dokumentenbänden liegen die meisten als Scans vor; sie lassen sich in bester Auflösung herunterladen. Bilder der Arbeiten von Zaha Hadid finden sich auf der Seite ihrer Firma. Eines ihrer Hauptwerke, das Science Center Phaeno, steht am Bahnhof von Wolfsburg. Doch nun zu den Fotos aus London!

1666 erfand Samuel Morland ein Addiergerät; der Feinmechaniker Humphrey Adamson fertigte mehrere Exemplare in London. Es war mehr Zahlenspeicher als Rechenmaschine, denn es hatte keinen Zehnerübertrag.

Der adelige Earl Stanhope erstellte 1805 eine Art logischer Rechenschieber. Er konnte Schlüsse ziehen und Wahrscheinlichkeiten abschätzen.

Der Mathematiker Charles Babbage entwarf einen mechanischen Computer, die analytische Maschine. Als er 1871 starb, hinterließ er ein fragmentarisches Versuchsmodell.

Diesen wunderschönen Analogrechner konstruierte 1876 der Physiker William Thomson, ab 1892 Lord Kelvin. Er ermittelte die Höhen von Ebbe und Flut.

Der gebürtige Engländer George Julius erfand 1913 in Australien den automatischen Totalisator. Obiges Exemplar berechnete die „Odds“ für Hunderennen in Wembley.

Eine Enigma gibt es nicht nur im HNF. Die Winton-Galerie des Science Museums zeigt eine Ausführung der Chiffriermaschine aus dem Jahr 1934.

Der Italiener Washington Sabatini fertigte analoge Rechengeräte für den Hochbau mit Beton. Das auf dem Foto wurde irgendwann nach 1937 verkauft.

Der Analogrechner MONIAC, 1949 von Alban Phillips erfunden, bildet die Geldwirtschaft mit fließendem Wasser nach. Rechts am Gerät steht der Technikhistoriker Doron Swade.

Die PDP-8 der amerikanischen Firma Digital Equipment schuf 1965 die Gattung des Minicomputers. Sie kostete nur 18.000 Dollar.

Von 1965 bis 1972 lief in der Universität London der Hochleistungsrechner Atlas. Das Bild zeigt die Konsole, an der einst der Operator saß.

In den 1950er-Jahren erfand der Japaner Shizuko Ishiguro einen Analogrechner (rechts) zur Berechnung von Stürmen. Er wurde bis 2007 in England eingesetzt, wobei er gelegentlich durch digitale Elektronik (links) erweitert wurde.

1981 entstand in der Londoner Brunel-Universität der Spezialrechner WISARD. Er arbeitete nach den Prinzipien neuronaler Netze und konnte Muster und auch Gesichter erkennen.

Und nun ins Informationszeitalter: Hier ist ein Stückchen Hardware des EDSAC. Er lief 1949 in Cambridge und war der erste Computer nach den Regeln John von Neumanns.

Ein kleiner akustischer Speicher des EDSAC. Er enthielt Quecksilber, durch das Schallimpulse hin und her liefen. Die Länge des Teils ist unbekannt.

Elektronik des Rechners Mark 1 der Firma Ferranti aus dem Jahr 1951. An seiner Entwicklung war auch der Computerpionier Alan Turing beteiligt.

Aus den späten 1960er-Jahren stammt die Steuereinheit des Honeywell DDP-516. Computer dieses Typs bildeten die Knoten des ersten Datennetzwerks ARPANET.

Der Engländer Bill Moggridge schuf das bahnbrechende Design des Laptops GRiD Compass. Der amerikanische Rechner kam 1982 auf den Markt.

Der NeXT-Würfel von Sir Tim Berners-Lee. An diesem Computer programmierte er 1990 das World Wide Web. Das Gerät ist eine Leihgabe des Schweizer Kernforschungszentrums CERN.

 

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Ein Kommentar auf “Mathematik im Fluge”

  1. Norbert Ryska sagt:

    Bereits seit einem halbes Jahrhundert (!) ist die von den legendären amerikanischen Designern und Architekten Charles und Ray Eames für IBM geschaffene „Mathematica“-Ausstellung zu sehen. Sie ist so einzigartig und zeitlos, dass sie mehrfach 1:1 kopiert wurde und nach Los Angeles, Chicago auch auf der Weltausstellung 1964/1965 in New York zu sehen war. Heute ist sie in Los Angeles, Boston und New York gleichzeitig zu bestaunen.

    Die beiden Eames schufen damals auch kurze Lehrfilme über Themen wie „Funktion“, „Symmetrie“, „Feedback“ u.a.

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