Memoiren und Visionen

Geschrieben am 21.06.2016 von

Der 22. Juni ist der Geburtstag von Konrad Zuse, der 1910 in Berlin zur Welt kam. Aus diesem Anlass möchten wir seine biographisch-philosophische Schrift „Die Uhr tickt“ vorstellen. Sie entstand 1968, umfasst 300 Seiten und kann im Internet gefunden werden. Der Text zeigt, wie Zuse die Gegenwart sah und was er für die Zukunft erwartete.

Im Archiv des Deutschen Museums in der Stadt München liegt der wissenschaftliche Nachlass des Computererfinders Konrad Zuse. Ein Dokument daraus trägt den Titel „Die Uhr tickt“; es umfasst 300 Schreibmaschinenseiten. Ein Ausschnitt aus der ersten Seite dient oben als unser Eingangsbild ( Konrad Zuse Internet Archive, CC BY-NC-SA 3.0).

Konrad Zuse tippte oder – was wahrscheinlicher ist – diktierte den Text im Sommer oder Herbst 1968. Das folgt aus politischen und kulturellen Ereignissen, die er erwähnte, und Randnotizen auf einem Blatt. Zu diesem Zeitpunkt war er 58 Jahre alt und arbeitslos, denn er war gerade aus der 1949 von ihm gegründeten Zuse KG ausgeschieden. Die Computerfirma im hessischen Bad Hersfeld befand sich im Besitz der Brown, Boveri & Cie und der Siemens AG, die 1969 sämtliche Anteile übernahm.

Zuse nutzte die Zeit, malte Ölbilder, schuf ein neues physikalisches Konzept, den rechnenden Raum, und schrieb, „Die Uhr tickt“. Der Text sträubt sich gegen die Einordnung in eine Gattung. Teil I, von Zuse Kapitel I genannt, reicht von Seite 1 bis 108 und blickt auf sein Leben zurück. Teil II bringt von Seite 109 bis 176 eine Zwischenbilanz. Behandelt werden die Grundzüge der modernen Welt, wichtige Begriffe der Computertechnik und relevante Theorien und Forschungsgebiete wie die Kybernetik.

Oswald Spengler (Bundesarchiv, Bild 183-R06610 / CC-BY-SA 3.0)

Oswald Spengler (Bundesarchiv, Bild 183-R06610 / CC BY-SA 3.0)

Es folgt von Seite 177 bis 300 der dritte Teil, ein Ausblick auf die Zukunft. Diesen Abschnitt kann man am besten als privates Brainstorming bezeichnen. Grundlage bildet das Buch „Der Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler, das die zyklische Wiederholung von Kulturen beschreibt. Spengler glaubte überdies an den faustischen Menschen, der im Forscherdrang immer weiter vorwärts strebt. Vermutlich reihte sich Konrad Zuse, der ein großer Spengler-Fan war, ebenfalls in jene Gruppe ein.

„Die Uhr tickt“ enthält auch Ansichten Zuses über die Weltpolitik, den Kalten Krieg, zur Kultur und Gesellschaft der 1960er-Jahre. Bestens informiert war er über die damalige Großtechnik und den Fortschritt der Datenverarbeitung. So schildert er integrierte Schaltungen, Time-Sharing-Systeme und „Taschencomputer“ – gemeint sind wohl Taschenrechner. Wir finden außerdem seine Ideen zu sich selbst fortpflanzenden Maschinen, zu dem bereits erwähnten Rechnenden Raum und zu einer futuristischen Gentechnik, in der „biologische Ingenieure“ werkeln.

Von dem an der TH Karlsruhe lehrenden Karl Steinbuch übernahm Zuse das Konzept der Informationsbank. Das war eine theoretische Weiterentwicklung der Datenbank zu einer digitalen Enzyklopädie, eine Vorahnung heutiger Suchmaschinen. In „Die Uhr tickt“ kommt Zuse öfter auf Steinbuch zurück, der 1968 der bekannteste deutsche Computerwissenschaftler war. Seine Bücher „Die informierte Gesellschaft“ und „Falsch programmiert“ wurden Bestseller und ihre Titel sprichwörtlich.

Greta Garbo im Jahr 1925

Greta Garbo im Jahr 1925

In einem früheren Blogtext stellten wir Konrad Zuse als Zeichner vor. Als junger Mann dachte er ernsthaft daran, Grafiker zu werden – was er zum Glück nicht tat. In der Schrift von 1968 befasste er sich ausführlich mit der Kunst. Sicherlich besuchte er die seit 1955 veranstaltete documenta in Kassel. Seine Gemälde zeigen, dass er mit der klassischen Moderne gut vertraut war, die Kunst der 1960er-Jahre mochte er aber überhaupt nicht. Die sich damals entwickelnde Computergrafik und das computergestützte Konstruieren, kurz CAD, sah er etwas freundlicher.

Ein rotes Tuch war für Konrad Zuse die emanzipierte Frau. Vermutlich spürte er das schon früh, denn auf Seite 272 seines Typoskript steht ganz oben: „Nicht die Atombombe, sondern Greta Garbo ist das Symbol des untergehenden Abendlandes. Die überzüchtete intellektuelle ‚kultivierte‘, nein, ‚zivilisierte‘ Frau ist das Endprodukt einer jeden Hochkultur.“ Weiter unten heißt es: „Die meisten Frauen wollen ja gar nicht emanzipiert sein. Sie sind froh, wenn die Männer dafür sorgen, dass sie in Ruhe ihren häuslichen Pflichten nachgehen können.“

Eine Seite weiter hält es Zuse jedoch für möglich, dass die Frau einmal die Oberhand gewinnt, „denn der Mann mit seinem albernen Verstand, auf den er so stolz ist, kann ja leichter durch Computer ersetzt werden.“ Die letzte Vision aus „Die Uhr tickt“ weist in eine ganz andere Richtung. Dort überlegte der Computerpionier, wie Menschen mit Raumschiffen die nächsten Fixsterne erreichen könnten. „Ist dieser Gedanke, über unser Planetensystem hinaus in andere Gebiete unserer Galaxie zu dringen, technisch absurd? Das glaube ich nicht.“

Konrad Zuse (Foto Computer History Museum)

Konrad Zuse (Foto Computer History Museum)

Es ist verständlich, dass Konrad Zuse keinen Verleger fand, der das Typoskript in voller Länge in Umlauf brachte. Aus den 108 Seiten des ersten Teils entstand aber seine Autobiographie Der Computer mein Lebenswerk. Diese erschien 1970 im Münchner Verlag moderne Industrie. 1984 kam bei Springer in Heidelberg eine reich bebilderte Neuauflage heraus. Die Urfassung der tickenden Uhr kann man im Internet herunterladen. Nur bitte etwas Zeit mitbringen – die Datei umfasst 51,9 Megabyte.

Wer den Download geschafft hat, wird sehen, dass viele Stellen im Text von Hand verbessert wurden. Oft findet man auch Zeichen der von Konrad Zuse verwendeten Kurzschrift. In Teil III stößt der Leser auf kritische Randbemerkungen, die vielleicht ein jüngeres Mitglied der Familie Zuse anbrachte. Neben den getippten Worten „Wir Faustischen Kulturmenschen“ auf Seite 221 steht „bitte nicht“, an anderen Stellen „Nein“, „Wieso“, „Unklar“ oder einfach ein Fragezeichen. Und unten auf Seite 186 folgt auf „Die Uhr tickt“ ein handschriftliches „schon wieder“.

Damit beenden wir unsere kleine Geburtstagserinnerung an Konrad Zuse. Wer aber noch beim Thema bleiben möchte, findet hier den Film „Mata Hari“ von 1931 mit der unvergleichlichen Greta Garbo.

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