Mensch gegen Maschine

Geschrieben am 02.05.2017 von

Seit der Frühzeit der Elektronenrechner werden Schachprogramme verfasst. In den 1960er-Jahren erreichten die Computer das Niveau guter Amateure. 1996 kämpfte der IBM-Spezialrechner Deep Blue gegen Garri Kasparow, den besten Spieler der Welt; Kasparow gewann. Am 3. Mai 1997 begann in New York ein neues Turnier. Nach sechs Partien musste sich Kasparow dem Computer geschlagen geben.

Seit Wolfgang von Kempelen 1769 seinen – nicht ganz ehrlichen – Schachtürken baute, gilt das Spiel als Messlatte für maschinelle Intelligenz. Schon Konrad Zuse und Alan Turing schrieben Schachprogramme. Claude Shannon gab 1950 das grundlegende Prinzip solcher Programme an. Demnach betrachtet der Computer alle Zugfolgen einer bestimmten Tiefe und bewertet die Stellungen der Figuren. Danach wählt er einen Zug, der zu einer möglichst guten Stellung führt. Dabei nimmt er an, dass auch der Gegner die bestmöglichen Züge tätigt.

In den späten 1960er-Jahren schlugen amerikanische Schachprogramme gute Amateure. 1977 erschienen die ersten und noch schwachen Schachcomputer im Handel. Im gleichen Jahr entstand in den Bell-Laboratorien, dem Forschungszentrum der Telefonkonzerns AT & T, der Spezialrechner Belle. Die Software erstellte Ken Thompson, einer der beiden Väter des Betriebssystems UNIX. 1983 besaß Belle eine Elo-Zahl von 2250. Damit hatte sie die Spielstärke eines nationalen Schachmeisters.

Feng-Hsiung Hsu im Jahr 1997   (Foto IBM)

Die Computerarchitektur von Belle ging in das System ChipTest ein, das der chinesisch-amerikanische Informatiker Feng-Hsiung Hsu 1985 in der Carnegie-Mellon-Universität entwickelte. ChipTest führte zum Computer Deep Thought. Er war der erste, der 1988 einen Schachgroßmeister besiegte, den Dänen Bent Larsen. 1989 wurde er aber zweimal vom sowjetischen Weltmeister Garri Kasparow geschlagen. Im gleichen Jahr stellte die Firma IBM Feng-Hsiung Hsu ein, um einen noch besseren Schachautomaten zu schaffen.

Hsu versammelte Elektronik- und Schachspezialisten um sich. Mitte der 1990er-Jahre lief im IBM-Forschungszentrum Yorktown Heights der Rechner Deep Blue. Der Name spielte auf die Hausfarbe von IBM an, die auch den Spitznamen des Unternehmens „Mother Blue“ inspirierte. Im Februar 1996 kämpfte Deep Blue im amerikanischen Philadelphia gegen Garri Kasparow. Es galten die turnierüblichen Bedenkzeiten. Der Computer gewann ein Spiel, verlor aber zwei; drei Partien endeten unentschieden.

Garri Kasparow 2007 (Foto S.M.S.I., Inc. – Owen Williams, The Kasparov Agency, CC BY-SA 3.0)

Der Mensch blieb also Sieger. Das IBM-Team hatte aber die Ehre, dass ihr System als Erstes überhaupt einen Schachweltmeister schlug. Der 1963 in Baku geborene Garri Kasparow war der stärkste Spieler weit und breit. Das Angebot von IBM für einen Rückkampf nahm er ohne Zögern an. Dieser fand vom 3. bis 11. Mai 1997 in einem New Yorker Wolkenkratzer statt. Schon vorab erregte er globales Medieninteresse. Der SPIEGEL prophezeite in einer Titelgeschichte: „Es wird eine mörderische Schlacht.“

Seit 1996 war Deep Blue noch intelligenter geworden. Er besaß in zwei Modulen dreißig Prozessoren des Typs Power2 Super Chip und 480 Spezial-Chips. Jeder Prozessor griff auf einen Arbeitsspeicher von einem Gigabyte und 4 Gigabyte Plattenspeicher zu. Pro Sekunde analysierte der Computer 200 Millionen Positionen. Er schaute sechs bis acht Züge voraus, bei weniger Figuren auf dem Brett auch zwanzig Züge oder mehr. Die Eröffnungsbibliothek enthielt 4.000 Positionen und 700.000 Großmeisterspiele.

Schachcomputer Deep Blue  (Foto IBM)

Dennoch verlor Deep Blue am 3. Mai 1997 das erste Spiel des Turniers. Im zweiten Spiel gab Kasparow, der die schwarzen Figuren führte, aber nach dem 45. Zug auf. Dabei übersah er sogar die Chance, über ein Dauerschach ein Remis herauszuholen. Es war eine einzige Aktion von Deep Blue, die ihn aus dem Konzept brachte. Im 37. Zug zog der Computer den weißen Läufer vom Feld c2 auf das Feld e4 und blockierte den Vormarsch der schwarzen Figuren. Man sieht das am besten, wenn man die Partie im Internet nachspielt.

Kasparow glaubte, dass der Computer auf den Zug nicht von alleine kam. Er sagte das schon beim Turnier und zog zum Vergleich die Hand Gottes heran, die bei der Fußball-WM 1986 dem Argentinier Diego Maradona half. Theoretisch wäre ein menschlicher Eingriff möglich gewesen. Deep Blue rechnete nicht im Saal, sondern hinter den Kulissen. Ein Beweis wurde niemals gefunden. Später rückte IBM auch die Rechenprotokolle heraus. Bekannt ist aber, dass zwischen den Partien die Software des Computers optimiert wurde.

Die Niederlage vom 4. Mai 1997 erschütterte Garri Kasparow. Er quälte sich durch drei Remis-Spiele und brach in der sechsten Partie vom 11. Mai völlig ein. Nach nur 19 Zügen gab er auf. IBM gewann das Turnier und 700.000 Dollar Preisgeld. Kasparow erhielt als Zweitplatzierter 400.000 Dollar. Richtig freuen konnte sich das IBM-Team aber nicht, Deep Blue wurde schnell stillgelegt. Eine Hälfte befindet sich in der Sammlung des Smithsonian Institution in Washington, die andere im Computer History Museum in Kalifornien.

2003 spielte Garri Kasparow in zwei Turnieren gegen das israelische Schachprogramm Deep Junior und gegen die deutsche Software X3D Fritz. Beide Male siegten je einmal Mensch und Maschine, die übrigen Partien endeten remis. 2003 entstand ein Dokumentarfilm über den Kampf von 1987. Hier tritt ein Schachtürke auf, den der Amerikaner John Gaughan nach dem Vorbild Wolfgang von Kempelens baute. Was uns zu dem Automaten bringt, der seit 13 Jahren – siehe unten – im HNF steht und garantiert ohne Computerhilfe operiert. Das Eingangsbild ist aus der Sammlung des Computer History Museum.

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