Schicksale hinter Schreibmaschinen (II)

Geschrieben am 05.05.2017 von

Bereits 2015 brachten wir einen Beitrag zu Schreibmaschinen. Damals ging es um solche, die berühmten Autoren gehörten. Heute widmen wir uns denen im Kino. 1916 waren Schreibmaschinen in einem ungarischen Spielfilm zu sehen. Danach erschienen sie in Büro-Romanzen. Sie sind noch immer wichtige Requisiten, doch finden wir sie heute in historischen, literarischen und biographischen Filmen.

Vilma Förster will hoch hinaus. Mit 20 Reichsmark in der Tasche fährt sie nach Berlin. Hier findet sie einen Job und tippt im Schreibmaschinensaal einer Bank. Zugleich erduldet sie einen zudringlichen Vorgesetzten. Rettung kommt von einem Kollegen, der sich dann als Direktor entpuppt. Und nach schwungvollen Musiknummern und glücklich behobenen Missverständnisse endet alles happy.

Das ist in kurzen Worten die Handlung des Films Die Privatsekretärin. Er ließ 1931 die deutschen Kinokassen klingeln und machte Hauptdarstellerin Renate Müller zum Star. Ihr Lied „Ich bin ja heute so glücklich“ wurde zum Evergreen. Schnell entstanden Fassungen für den französischen und den italienischen Markt. Die englische Sunshine Susie liegt auf YouTube vor; dort trat auch wieder Renate Müller auf. Das Original ist im Filmarchiv des Bundesarchivs erhalten, kann aber nur zu Studienzwecken angesehen werden.

„Die Privatsekretärin“ dürfte der erste Film gewesen sein, in dem Schreibmaschinen eine tragende Rolle spielten. Ein Höhepunkt ist das Schreibmaschinenkonzert mit der Musik von Paul Abraham. Der ungarische Operettenkönig nahm damit den bekannten Walzer vorweg, den der Amerikaner Leroy Anderson anno 1950 komponierte. Weniger bekannt ist, dass „Die Privatsekretärin“ einen ungarischen Vorläufer hatte, den Film Mesék az írógépről von 1916. Das heißt so viel wie Schreibmaschinenmärchen.

Regisseur war Sándor Korda, der später zum englischen Filmmogul Alexander Korda wurde. Wie die deutsche Produktion geht „Mesék az írógépről“ auf den gleichnamigen Roman von István Szomaházy zurück, der 1905 erschien. Wir wissen nicht, ob von dem ungarischen Film eine Kopie existiert, erhalten sind aber Szenenfotos. Eines zeigt die Schauspielerin Lili Berky vor einer wunderschönen antiken Schreibmaschine, einer Yost 10 aus den USA. Ins Auge fällt die Volltastatur mit separaten Klein- und Großbuchstaben.

Mit der Volltastatur plagte sich ebenso der junge Harold Lloyd ab. Bumping into Broadway entstand 1919 und schildert ab Minute 2:30 den Kampf des Filmkomikers mit einer Smith Premier, vielleicht dem Modell 1. In den 1920er- und 1930er-Jahren brachte Hollywood eine Anzahl Bürodramen heraus, etwa Behind Office Doors. Ab Minute 28:30 klappern die Tasten. Am schönsten ist aber Ready, Willing and Able mit dem tollen Steptanz von Ruby Keeler und Lee Dixon. Ab Minute 4:00 am YouTube-Fenster High Definition einschalten!

Auch später waren Schreibmaschinen zu sehen, wenn ein Film in die Welt der Arbeit führte. 1953 kam es zum Remake der „Privatsekretärin“ mit dem Traumpaar der Wiederaufbauzeit, Sonja Ziemann und Rudolf Prack. Die Bürotechnik steuerten die Torpedo-Werke bei. 1956 kehrten Sonja und Rudolf ins Büro zurück, diesmal für Dany, bitte schreiben Sie. Erwähnen möchten wir den US-Klassiker Das Appartment von 1960, selbst wenn im Großraumbüro der Versicherung vor allem Friden-Rechenmaschinen rattern.

Der schönste Schreibmaschinenfilm der Siebziger ist sicherlich die Watergate-Erzählung Die Unbestechlichen. Das Studio baute detailliert den Redaktionssaal der „Washington Post“ nach, in dem Robert Redford und Dustin Hoffman vor einer Olympia SG3 sitzen. Der Lohn waren vier Oscars, darunter der für den besten Ton. 1974 lief die Journalistenkomödie Extrablatt von Billy Wilder an. Allerdings sieht man die Protagonisten Jack Lemmon und Walter Matthau eher beim Trinken und nur selten beim Tippen.

In den letzten vierzig Jahren gingen die unterschiedlichsten Maschinen in die Kinogeschichte ein. Wir erinnern uns an die Adler, an der Jack Nicholson in Shining immer den gleichen sinnlosen Satz erzeugte, oder an die Continental, mit der Ben Kingsley Schindlers Liste schrieb. Sam Shepard benutzte als Homo Faber eine Reiseschreibmaschine, leider nicht die Hermes Baby wie in der Romanvorlage von Max Frisch, sondern eine Olivetti Lettera 22. Die gute Nachricht ist, dass die Maschine im Frankfurter Filmmuseum aufbewahrt wird.

Wer weitere filmhistorische Tippgeräte sucht, findet sie auf dieser Internetseite. Der ultimative Schreibmaschinenfilm ist wohl Mademoiselle Populaire, 2012 in Frankreich gedreht. Er spielt 1959, und seine Heldin, dargestellt von Déborah François, gewinnt die Tipp-Weltmeisterschaft sowie das Herz ihres Chefs. Die reale Weltmeisterin war damals die 33-jährige Stuttgarterin Lore Alt mit sagenhaften 592 Anschlägen pro Minute.

Teilen:Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Ein Kommentar auf “Schicksale hinter Schreibmaschinen (II)”

  1. Filmreif sind auch die langsam aussterbenden Schreibmaschinen-Meister von Rangun. Früher sollen 250 von ihnen auf der Straße vor den Verwaltungsgebäuden der Hauptstadt von Myanmar für nicht des Schreibens mächtige Kunden getippt und formuliert haben. Vor allem deutsche Olympias standen hoch im Kurs.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*