Science-Fiction und der Computer

Geschrieben am 05.07.2016 von

Die Science-Fiction begann ihre Weltkarriere im 19. Jahrhundert mit den Romanen von Jules Verne. Ab den 1920er-Jahren erschienen immer mehr Erzählungen in Zeitschriften. 1926 kam das erste Magazin heraus. Science-Fiction-Autoren stehen in dem Ruf, technische Entwicklungen vorausgeahnt zu haben. Wir haben uns einmal Zukunftsgeschichten angeschaut und geprüft, wie weit das für den Computer gilt.

Schon 1877, das zeigte ein Blogbeitrag im November, verfasste der Lehrer und Schriftsteller Kurd Laßwitz eine utopischen Erzählung mit einem Analogrechner. Wie aber ging die Entwicklung weiter? Wann erschienen in den USA Geschichten über intelligente oder gar denkende Maschinen? Wurde der Computer vielleicht mehrmals in der Science-Fiction erfunden?

Dabei lassen wir die Roboter und Automatenmenschen draußen und ebenso die Vorläufer von Datennetzen. Jules Verne erwähnte 1863 in dem Roman Paris im 20. Jahrhundert ein solches; veröffentlicht wurde das Buch leider erst 1994. Ein Telefon- und Vortragsnetz skizzierte der Engländer E. M. Forster in der Erzählung Die Maschine stoppt von 1909. Die beiden Werke sind von Interesse für die Internet-Historie, es würde aber zu weit führen, sie als Vorwegnahme des Computers zu sehen.

Der wohl erste Autor, der über so etwas wie Computer nachdachte, war der Amerikaner Edmond Hamilton. Im Dezember 1926, als er erst 22 Jahre alt war, brachte die Zeitschrift „Weird Tales“ seine Story Die Metallgiganten. Diese sind 100 Meter hoch und trampeln alles nieder, was im Wege steht. Geschaffen wurden sie jedoch von einem kugelförmigen künstlichen Gehirn mit nur 30 Zentimetern Durchmesser. Es geht auf einen Professor Detmold zurück, der eine Vorliebe für irrwitzige Theorien hat. Als die Universität ihn entlässt, nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Unser nächster Visionär hieß Ammianus Marcellinus, sicher ein Pseudonym. Seine Geschichte über „Die Gedankenmaschine“ stand im Februar 1927 in „Amazing Stories“, dem 1926 gestarteten ersten Science-Fiction-Magazin der USA. Der junge Henry Smith ist enttäuscht von seiner Freundin und baut einen großen intelligenten Automaten, den Psychomach. Die Anlagen verbreiten sich und nehmen den Menschen alle Arbeit ab. Das hat schlimme Folgen, führt aber auch zu einem eindrucksvollen Porträt eines frühen Computers. Urheber war der Illustrator Frank Paul, ein gebürtiger Wiener.

Nach der Gedankenmaschine kam dann „Das unendliche Gehirn“. Die Story von John Scott Campbell erschien im Mai 1930 in der Zeitschrift „Science Wonder Stories“. Sie berichtet von einem künstlichen Denkorgan, das der Erfinder Anton Des Roubles nach dem Vorbild des eigenen Hirns schuf. Es bedeckt vier Tische, dazu gibt es ein Auge, einen Arm und eine Tastatur mit Drucker. Des Roubles stirbt, und der Ich-Erzähler nimmt sich seiner Schöpfung an. Die Katastrophen lassen nicht lange auf sich warten. Wer sie erfahren will, möge den Text in voller Länge online lesen.

Nach diesen drei Geschichten hatten die amerikanischen Science-Fiction-Fans erst einmal genug von Denkmaschinen. Wenn überhaupt, dann druckten die Magazine Abenteuer mit Robotern. Computer im weitesten Sinne finden wir erst wieder im Jahr 1943 und im Mai-Heft der Zeitschrift „Astounding“. Die Kurzgeschichte „Geist“ von Henry Kuttner – die gleichfalls online ist – führt in ein Rechenzentrum im Eis der Antarktis. Hier arbeiten 30 Integratoren. Sie stammen nicht mehr von einsamen Bastlern und Erfindern, sondern von der New Yorker Firma Integration.

Die Denkapparate der Integratoren sitzen in sechs Meter hohen Plastiksäulen mit einem Durchmesser von 1,80 Meter. Der Name Integrator lässt vermuten, dass Kuttner Analogrechner wie den Differentialanalysator von Vannevar Bush kannte. Mechanische Integriergeräte sind die Grundelemente solcher Rechner. Die Computer im arktischen Eis besitzen allerdings Radioatom-Gehirne. Was das ist, wissen wir nicht, vielleicht so etwas wie die positronischen Hirne, die die Roboter von Science-Fiction-Star Isaac Asimov beseelten.

Im August 1944 ging der erste programmgesteuerte Digitalrechner der USA in Betrieb, der relaisbestückte IBM ASCC oder Harvard Mark I. Das Presse berichtete, und die Wochenschau rückte an. Im Februar 1946 erfuhren die US-Bürger vom Elektronengehirn ENIAC und seinen 17.500 Röhren und 7.200 Dioden. Das Computerzeitalter hatte begonnen, und die Science-Fiction-Gemeinde nahm Notiz. Im Aprilheft 1947 von “Astounding“ schilderte Hal Clement in der Erzählung Antwort einen Rechner mit 30.000 Röhren, der im Inneren einer Raumstation um die Erde kreist.

Schon 1946 veröffentlichte das Magazin Eine Logik namens Joe. Die Kurzgeschichte von Will Jenkins, auch bekannt als Murray Leinster, erschien wenige Wochen nach der ENIAC-Präsentation, dürfte aber früher entstanden sein. Sie behandelt ein großflächiges Informationssystem, eine Mischung aus Bildtelefon, Kabel-TV, Video-on-Demand und diversen Auskunftsdiensten. Die Logiken sind die Terminals, alle werden durch eine zentrale Datenbank gespeist, den Tank. Als eines Tages eine Logik defekt ist und Fragen ehrlich und ausführlich beantwortet werden, bringt das die Menschen ziemlich durcheinander.

Unser letzter Autor ist der einzige aus Deutschland. Heinrich Hauser wurde 1901 in Berlin geboren und arbeitete als Schriftsteller, Journalist und Filmemacher; er starb 1955 in Dießen am Ammersee. In den 1940er-Jahren lebte er in den USA und schrieb für die oben erwähnte Science-Fiction-Zeitschrift „Amazing Stories“. 1948 erschien sein Kurzroman Das Gehirn; als Verfasser wurde ein Alexander Blade genannt. 1958 folgte die deutsche Ausgabe und 1962 das Taschenbuch – siehe das Cover.

Hauser hatte in den USA sicher vom ENIAC gehört oder gelesen, sein künstliches Gehirn enthält aber keine Elektronenröhren, sondern 90 Milliarden nachgebauter Gehirnzellen. Jede ist viel größer als ein menschliches Neuron, weshalb das Gehirn einen ganzen Berg füllt. Es kommt wie es kommen muss: Mit den Worten „Ich denke, also bin ich“ erwacht es zu selbstbewusster Existenz und macht Ärger. Zum Glück ist ein Gastforscher auf dem Gelände, der sich mit bissigen Ameisen auskennt. Das Ende der Geschichte kann man sich vorstellen.

Am Ende unserer Reise durch die SF-Geschichte bleibt die Frage, wer denn nun die beste Voraussage über den Computer ablieferte. (Kurd Laßwitz lassen wir aus dem Spiel.) Hier neigen wir zu John Scott Campbell, vor allem, weil er an einen funktionierenden Input und Output dachte. Ein Sonderpreis geht jedoch an Heinrich Hauser für das schönste neuronale Netz und ein zweiter an Will Jenkins für die lustigste Darstellung des zukünftigen deutschen Bildschirmtextes.

Unseren Lesern in Berlin und Umgebung sei noch mitgeteilt, dass das Filmmuseum am Potsdamer Platz seit Ende Juni eine Ausstellung über Science-Fiction-Filme zeigt. Der Titel „Things to Come“ geht auf den englischen Zukunftsautor H. G. Wells zurück.

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