Vom Amstrad zu Schneider

Geschrieben am 08.01.2018 von

Im Juni 1984 kam in England der Amstrad CPC 464 auf den Markt. Der 8-bit-Heimcomputer brachte einen Monitor mit, war von erstaunlicher Qualität und kostete nur 199 Pfund. Hierzulande wurden der 464 und seine Nachfolger von den Schneider Rundfunkwerken verkauft. 1988 bot die Firma den selbst entwickelten Euro PC mit 16 bit und Microsoft-Betriebssystem an.

Im letzten Jahr berichteten wir über den Erfolg und Niedergang der Firma Sinclair. Der Computerhersteller geriet im Frühjahr 1984 in die Krise, als sich sein „Quantum Leap“ monatelang verzögerte und dann die Erwartungen der Kunden enttäuschte. Parallel dazu begann der Aufstieg einer anderen englischen Computermarke – Amstrad. Sie wiederholte nicht nur den Erfolg von Sinclair, sondern initiierte auch eine deutsche Rechnerproduktion.

Amstrad ist die Abkürzung von AMS Trading Company; AMS sind die Initialen von Alan Michael Sugar. Er kam am 24. März 1947 in London zur Welt; sein Vater war Schneider. Alan verließ die Schule mit 16 Jahren und gründete mit 21 eine eigene Firma. Zuerst importierte er Waren aus Fernost; ab 1970 ließ er dort preisgünstige Unterhaltungselektronik fertigen und verkaufte sie mit Amstrad-Labeln. Jahr um Jahr stieg der Absatz von Radios, Fernsehern, Plattenspielern und Hifi-Türmen. 1980 ging Amstrad an die Börse.

Lord Alan Sugar   (Foto Taylor Herring Public Relations CC BY-NC-ND 2.0)

1982 endete die Wachstumsphase. Alan Sugar schaute sich nach neuen und zugkräftigen Produkten um und sah die Rechner von Clive Sinclair, vor allem den ZX Spectrum und seine bunten Grafiken. Anfang 1983 beauftragte er einen seiner Ingenieure mit einer Analyse des damaligen Computerangebots. Das Ergebnis war vielversprechend: Es gab eine Chance für Amstrad, ein gut ausgestattetes Modell auf den Markt zu bringen und Geld zu verdienen. Als Preis erschienen 199 Pfund realistisch. Zu jener Zeit war ein Pfund etwa 3,80 DM wert.

Alan Sugar erteilte daraufhin einen Entwicklungsauftrag. Im November 1983 lag der Prototyp des Amstrad CPC 464 vor. Verantwortlich dafür waren drei kleine Firmen, Ambit und MEJ für die Elektronik und Locomotive für die Software. Andere Unternehmen machten sich an die Computerspiele, die auf dem System laufen sollten. Gefertigt wurden die Geräte in Japan. Als Mikroprozessor diente der Zilog Z80 aus Amerika. Am 12. April 1984 stellte Sugar den Rechner in der ehrwürdigen Londoner Westminster-Schule vor.

Der Ur-Amstrad: CPC 464 (Foto Rain Rabbit CC BY-NC 2.0)

Die zahlreichen Journalisten staunten nicht schlecht. Der Amstrad war ein richtiger Computer mit griffiger Tastatur und integriertem Kassettenlaufwerk. Der zunächst angepeilte Preis von 199 Pfund ließ sich nicht halten; mit einfarbigem Monitor kostete das System 249 Pfund, in der Colorversion 359 Pfund. Der Arbeitsspeicher umfasste 64 Kilobyte. Die fest gespeicherte Programmiersprache BASIC wurde allseits gelobt und enthielt sinnvolle Befehle für Grafiken und Toneffekte. Erstverkaufstag des Computers war der 21. Juni 1984.

Er ging weg wie die berühmten warmen Semmeln; mit den internationalen Versionen wurden zwei Millionen Rechner abgesetzt. 1985 folgten die Modelle CPC 664 und CPC 6128 mit Diskettenlaufwerk und größeren Arbeitsspeichern. Außerdem erschienen Amstrads für die Textverarbeitung. Der PCW 8256 besaß einen Diskettenschlitz im Monitor, der PCW 8512 derer zwei; der Drucker war im Preis inbegriffen. Der „Personal Computer Wordprocessor“ war schon für 399 Pfund zu haben. 1986 stellte Alan Sugar zum Preis von 499 Pfund einen IBM-kompatiblen 16-bit-Rechner vor, den Amstrad PC 1512.

Schneider Joyce mit Diskettenlaufwerk rechts oben im Monitor

Von Anfang an wurden Alan Sugars Produkte in der Bundesrepublik verkauft. Hier trugen sie den Namen eines Partners. Die Schneider Rundfunkwerke saßen im bayerischen Türkheim und legten sich fürs IT-Geschäft eine „Schneider Computer Division“ zu. Aus dem Amstrad-Startmodell wurde der Schneider CPC464, der PWC 8256 hieß Schneider Joyce; der Name soll auf Alan Sugars Sekretärin zurückgehen. Der CPC464 kostete 899 DM und wurde zum Computer des Jahres gewählt. Das Textsystem war mit 2.490 DM etwas teurer, der IBM PC mit vergleichbarer Schreibkraft kostete das Dreifache.

Auch vom PC 1512 erschien eine bayerische Ausgabe. 1988 zerbrach jedoch die Beziehung, und beide Firmen machten alleine weiter. Amstrad gründete eine deutsche Niederlassung, der nur wenig Erfolg beschieden war. Schneider hatte mit dem in eigener Regie gefertigten Euro PC mehr Glück. Er entstand in Kooperation mit der Firma Commodore und enthielt die Siemens-Ausgabe des Mikroprozessors Intel 8088. Mit einem Preis von weniger als 2.000 DM verkaufte er sich hervorragend.

Schneider PC1512 mit zwei Diskettenlaufwerken

In den Neunzigern ging es mit beiden Firmen abwärts. Aus den späten Jahren von Amstrad bleibt vor allem das eigenwillige Design der tragbaren Rechner haften. Letztes Amstrad-Modell war 1993 der kleine Tablet-Computer PenPad; das Interesse der Käufer war minimal. 1997 wurde das Unternehmen aufgelöst. Alan Sugar erhielt gleich zwei Adelstitel, den Sir im Jahr 2000 und den Lord anno 2009. Seitdem gehört er auch dem Oberhaus an. Daneben erntete er ab 2005 TV-Ruhm mit The Apprentice. Bei uns hieß die Show „Big Boss“.

Die Schneider Rundfunkwerke hielten – nach Umbenennung in Schneider Technologies – etwas länger durch. Einiges Aufsehen erregte die Firma durch ein großformatiges Fernsehen mit Laser-Projektion. 2002 ließ sich die Insolvenz aber nicht mehr aufhalten. Alle Anlagen wurden nach China verkauft. Heute erinnert im Businesspark A96 nichts mehr an die alte Computerherrlichkeit. Wer noch Genaueres über die guten Jahre von Amstrad erfahren möchte: Hier gibt es ein englisches Buch von 1990 zur Online-Lektüre.

Amstrad ALT-386SX von 1988

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8 Kommentare auf “Vom Amstrad zu Schneider”

  1. Andre Eymann sagt:

    Vielen Dank für diesen schöne Erinnerung an die Schneider-Ära.

    Ich kann mich noch gut daran entsinnen, wie der CPC 464 zwischen den vielen anderen Heimcomputern bei unseren Händlern im Regal stand. Für mich gehörte er aufgrund seiner Tastatur und des professionellen Gesamteindrucks immer zu den „seriösen“ Computern. Er wirke weniger verspielt und wertiger. Bei mir hat’s aber nur zum kleinen Sinclair (ZX81) gereicht. Dann folgten C16 und der legendäre C64 von Commodore.

    Den Schneider Euro PC habe ich später sogar im beruflichen Umfeld angetroffen. Kurze Zeit danach gab es dann nur noch IBM-kompatible PCs und die schöne (und bunte) Zeit der Heimcomputer war vorbei.

  2. Iven sagt:

    Unterhaltsamer, gutrecherchierter Artikel über eine spannende Zeit in der Ursuppe der Heimcomputer. Damals waren die „Schneider-CPC“-Leute ja auch irgendwie skurril und verschroben… Die Killer-Apps von damals liefen halt auf dem Brotkasten. Trotzdem sicher ein stabiles Gerät gewesen.

  3. Christian sagt:

    Sollte es nicht eher Schneider CPC 6128 anstatt CPC 6148 heissen?

    1. HNF sagt:

      Stimmt. Vielen Dank für den Hinweis! Wir haben es korrigiert.

  4. Josef sagt:

    Der CPC 6128 war mein erster Computer mit dem ich nicht nur eine heute vorsintflutlich anmutende Textverarbeitung genutzt, sondern auch meine ersten „Gehversuche“ in BASIC gemacht habe. M.E. war er dem C64 weit überlegen. Aber wie das so oft ist, es setzen sich nicht immer die besten Systeme durch.

    Danke für diesen Bericht!

  5. Vox sagt:

    Vielen Dank für den schönen Beitrag – da werden Erinnerungen an meinen alten CPC 464 mit Grünmonitor wach 🙂

  6. Yorgos sagt:

    Super Beitrag! Ich gratuliere und danke dafür!
    Schöne Grüße aus Ungarn

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