Von ENIAC zu UNIVAC

Geschrieben am 19.12.2017 von

Im Februar 1946 ging in den USA der erste programmierbare Elektronenrechner ENIAC in Dienst; seine Väter waren der Physiker John Mauchly und der Ingenieur John Presper Eckert. Kurz darauf starteten die beiden ein eigenes Unternehmen. Die formale Gründung erfolgte aber erst am 22. Dezember 1947. Der Eckert-Mauchly Computer Corporation war nur eine kurze Lebenszeit beschieden.

Zwei Tage vor Heiligabend gehen die meisten Menschen daran, die Wohnung zu putzen, die Geschenke einzupacken oder den Weihnachtsbraten zu besorgen. Die Helden unserer Geschichte hatten anderes vor. Sie gründeten vor 70 Jahren das erste Unternehmen zum Bau von digitalen elektronischen Rechenanlagen. Am 22. Dezember 1947 fand in Philadelphia die „Incorporation“ der Eckert-Mauchly Computer Corporation statt, kurz EMCC. Der Vorgang ähnelt entfernt dem Start einer deutschen GmbH.

Den Gründern sind wir im Blog schon begegnet. Der 1907 geborene Physiker John Mauchly und der zwölf Jahre jüngere Ingenieur John Presper Eckert entwickelten den ENIAC, den ersten Elektronenrechner mit Programmsteuerung. Er stand in einem Institut der Universität von Pennsylvania in Philadelphia; Bauauftrag und Finanzierung kamen von der US-Armee. Im Februar 1946 wurde ENIAC offiziell vorgestellt. Mit ihm begann das Computerzeitalter. Das HNF widmet ihm einen eigenen Ausstellungsbereich.

John Mauchly vor einem der beiden Module des BINAC  (Foto Computer History Museum)

Die Freude über den Erfolg währte 1946 nur kurz. Die Universität beanspruchte alle Rechte an den ENIAC-Patenten. Ende März verließen Eckert und Mauchly ihr altes Institut und bildeten eine Personengesellschaft unter dem Namen Electronic Control Company. Aus jener Zeit ist ein Business-Plan überliefert, der die Ziele des Unternehmens umreißt. Die zwei Gründer dachten an einen schnellen und vielseitig einsetzbaren Rechner zu einem Endpreis von 30.000 Dollar oder weniger. Das erste Modell sollte binnen drei Jahren vorliegen.

Die Electronic Control Company fand schnell einen Kunden. 1950 stand die nächste amerikanische Volkszählung an, und Eckert und Mauchly erhielten einen staatlichen Auftrag für einen dafür geeigneten Computer. Er belief sich über 300.000 Dollar; als Anschub gab es 75.000 Dollar für den Arbeitsspeicher und das Bandlaufwerk. Der Speicher basierte auf der Technik der Quecksilber-Verzögerungsleitung. Die Fertigung der Teile zog sich aber bis Oktober 1947 hin, und dem Unternehmen ging langsam das Geld aus.

Als Retter in der Not erschien die Flugzeugfirma Northrop aus Kalifornien. Neben einem Düsenjäger plante sie den düsengetriebenen Marschflugkörper Snark – das Wort stammt aus einem Gedicht des englischen Mathematikers und Schriftstellers Lewis Carroll. Die Snark sollte eine Atombombe tragen und zur Steuerung einen Elektronenrechner mitführen. Für Vorstudien zu diesem Rechner bestellte Northrop im Herbst 1947 den „Binary Automatic Computer“ BINAC. Der Flugzeugbauer zahlte zudem 70.000 Dollar Vorschuss.

John Presper Eckert an einem geöffneten Arbeitsspeicher des BINAC (Foto Computer History Museum)

John Mauchly und John Presper Eckert konnten mit frischem Mut an die Arbeit gehen. Ob die Gründung der Eckert-Mauchly Computer Corporation im Dezember 1947 mit dem Auftrag zusammenhing, wissen wir nicht. Sicher ist, dass die EMCC nun neue Teilhaber aufnehmen konnte, die Geld mitbrachten. BINAC sollte bei der Ablieferung 100.000 Dollar einbringen und galt als kleiner Computer. Er bestand aus zwei baugleichen Systemen, die dasselbe Programm ausführten und durch ständige Vergleiche Rechenfehler erkannten.

Insgesamt enthielt BINAC 1.500 Elektronenröhren; jeder der beiden Arbeitsspeicher fasste 512 Worte mit jeweils 32 bit. Eine Addition oder Subtraktion dauerte 300 Mikrosekunden, Multiplikation oder Division eine Millisekunde. Befehle und Daten wurden über acht Tasten eingegeben, die eine achtstellige Dualzahl repräsentierten; die Ausgabe geschah über einen Fernschreiber. Außerdem besaß BINAC einen Speicher mit Magnetband. Im Eingangsbild (Foto Computer History Museum) sind das der „Typewriter“ und der „Converter“.

Die zwei Rechenmodule des BINAC waren im September 1948 fertig, die ganze Anlage wurde ein Jahr später ausgeliefert. Der praktische Einsatz erfolgte erst 1950; bis heute ist unklar, was sie bei Northrop wirklich machte. Auf jeden Fall zählte BINAC zu den vier lupenreinen Elektronenrechnern, die 1950 in den USA arbeiteten. Die drei anderen waren der ENIAC sowie der SEAC und der SWAC, die das Amt für Maße und Gewichte baute. BINAC war auch der erste Röhrencomputer eines privaten Herstellers.

Eine Ingenieurin der EMCC testet die Rechenanlage.  (Foto Computer History Museum)

Im August 1948 hellte sich die Zukunft der Eckert-Mauchly Computer Corporation auf. Harry Straus, der elektrische Totalisatoren produzierte, beteiligte sich mit 500.000 Dollar. 1949 hatte EMCC 134 Angestellte, ein größeres Gebäude und sechs Bestellungen für den neuen Computer UNIVAC. Im Oktober 1949 kam Straus bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, worauf sich seine Firma zurückzog. Das war das Aus für Eckert und Mauchly. Im Februar 1950 wurde die EMCC vom Bürotechnik- und Waffenhersteller Remington Rand übernommen.

Der UNIVAC I wurde ab 1952 ausgeliefert und ein Erfolg. Die „Eckert-Mauchly Division“ von Remington Rand baute insgesamt 46 Stück; darunter befand sich auch der Computer, der einst für die Volkszählung von 1950 gedacht war. Ein anderes System – wir berichteten im Blog – gelangte 1956 nach Frankfurt/Main. Remington Rand wurde später zu Unisys. John Mauchly starb 1980, John Presper Eckert 1995. Das Eckert-Mauchly-Gebäude in Philadelphia steht aber noch und erscheint auf Google Maps unter der alten Adresse.

Nachtragen müssen wir noch eine Pioniertat der Firma. 1948 heiratete John Mauchly Kathleen McNulty, die zuvor den ENIAC programmierte. Es war die erste Informatiker-Ehe der Technikgeschichte. Zwei ihrer ENIAC-Kolleginnen, Jean Bartik und Betty Snyder, arbeiteten in der EMCC; 1949 stieß die Software-Spezialistin Grace Hopper hinzu. Sie stieg dann bis zum Admiral der US Navy auf. Elektronengehirne sind eben auch Frauensache.

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