World Wide Weihnachten

Geschrieben am 22.12.2015 von

Die Quellen widersprechen sich beim genauen Datum, doch vermutlich vor 25 Jahren, wenige Tage vor dem Heiligen Abend des Jahres 1990, startete Tim Berners-Lee im Forschungszentrum CERN in Genf die erste Website der Welt. Sie verwendete einen Browser namens WorldWideWeb und lief nur auf zwei Computern, den NeXT-Rechnern von Berners-Lee und seinem Kollegen Robert Cailliau.

Als erste Konzeptskizze des World Wide Web, der neben E-Mail wichtigsten Anwendung des Internets, gilt allgemein das Arbeitspapier Information Management: A Proposal. Verfasser war der englische Informatiker Tim Berners-Lee, der es im März 1989 und erneut im Mai 1990 seinen Vorgesetzten im europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf schickte. Eine direkte Wirkung auf die Welt der Computernetze hatte das Papier noch nicht, doch einen wichtigen Nebeneffekt.

Das NeXTcube-System von Tim Berners-Lee (Foto CERN)

Das NeXTcube-System von Tim Berners-Lee (Foto CERN)

Im September 1990 stellte das CERN Berners-Lee einen 10.000 Dollar teuren NeXTcube ins Büro, eine Workstation in tiefem Schwarz und würfelförmigem Design. Sie kam von der Firma NeXT, die Steve Jobs 1985 nach der Trennung von Apple gegründet hatte. Der Rechner enthielt den 25-MHz-Prozessor 68040 von Motorola und das Unix-ähnliche Betriebssystem NeXTstep. Nun hatte Berners-Lee Zugang zur wohl besten grafischen Benutzeroberfläche, die der Markt hergab. In hektischen drei Monaten programmierte er die Grundlagen des späteren World Wide Web.

Er begann mit Software zum Erstellen, Betrachten und Bearbeiten von verlinkten Seiten, dann folgten der Aufruf einer solchen Seite, das Netzprotokoll HTTP und das Adressenschema URI alias Universal Resource Identifier, heute meistens URL oder Uniform Resource Locator genannt. Im November 1990 lagen ein kombinierter Browser und Editor namens WorldWideWeb – zusammengeschrieben – vor, im Dezember die Hypertext-Sprache HTML und der allererste Webserver info.cern.ch.

Tim Berners-Lee mit dem WorldWideWeb (Foto CERN)

Tim Berners-Lee mit dem WorldWideWeb (Foto CERN)

Der früheste Screenshot stammt aus dem Jahr 1991 – siehe Eingangsbild (Foto: CERN) – und zeigt die schlichten Grautöne, die Berners-Lee Ende 1990 auf dem Monitor erblickte. Die Fenster sind kein Merkmal des Programms, sondern gehören zum Menü des Betriebssystems, was auch Wikipedia belegt und welches die aus einem früheren Blogbeitrag bekannte Susan Kare entwarf. Ein Feeling für die historische Software vermittelt ein Video, das digitale Archäologen 2014 ins Netz stellten.

Das Ur-Web des CERN zählte nur zwei User, Tim Berners-Lee und seinen Kollegen und Unterstützer Robert Cailliau, der über den zweiten NeXT-Computer in Genf verfügte. Die beiden hatten aber schon im November 1990 einen längeren Projektantrag WorldWideWeb: Proposal for a HyperText Project eingereicht. Er wurde mit Abstrichen von der Verwaltung genehmigt und brachte eine neue Kollegin ins Team, eine Mathematikstudentin und CERN-Praktikantin aus England.

Nicola Pellow und Kollege (Foto CERN)

Nicola Pellow und Kollege (Foto CERN)

Nicola Pellow, so ihr Name, schrieb einen Zeilenmodus-Browser, den man ab April 1991 über das damals schon existierende Internet herunterladen konnte. Ihm fehlte die Schönheit des NeXT-Menüs, er lief aber nicht nur auf den schwarzen Würfeln, sondern allen Computersystemen und war leicht zu begreifen, wie die Simulation beweist. Der alte WorldWideWeb-Browser wurde in Nexus umgetauft und zu den Akten gelegt, er kann aber gleichfalls noch heruntergeladen und studiert werden.

In der folgenden Zeit verbreitete sich das World Wide Web – getrennt geschrieben – durch Anwachsen der dargebotenen Inhalte und durch Zunahme der Server-Standorte. 1992 erstellte Pei-Yuan Wei, ein Student der kalifornischen Berkeley-Universität, den Fenster-Browser Viola, 1993 schufen Marc Andreessen und Eric Bina im Supercomputer-Forschungszentrum NSCA den Mosaic. Der kommerzielle Abkömmling Netscape Navigator machte ab 1994 das World Wide Web weltweit populär, wurde dann aber im „Browser-Krieg“ vom Internet Explorer der Firma Microsoft hinweggefegt.

Robert Cailliau mit einem Mosaic-Browser (Foto CERN)

Robert Cailliau mit einem Mosaic-Browser (Foto CERN)

Zum Schluss bleibt noch eine Frage zu klären: Wann genau wurde im Dezember 1990 info.cern.ch freigeschaltet? Die CERN-Chronologie nennt den 20. Dezember, Tim Berners-Lee schreibt dagegen in seinem Buch „Der Web-Report“ von 1999, dass WorldWideWeb am Weihnachtstag lief. Im Internet sagt er allerdings über die erste Version, sie wäre „whimsically dated 901225 although I was NOT working on Christmas Day“, wobei man das Adverb vielleicht mit „spaßeshalber“ übersetzt.

Es spricht also einiges dafür, dass die erste Webadresse im vorweihnachtlichen Genf erschien und dass die Atome, Computer und Wissenschaftler des CERN am 25. Dezember pausierten. Unseren Lesern wünschen wir aber alles Gute für die Festtage und melden uns nach Weihnachten zurück.

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