Hundert Jahre Addiator

Geschrieben am 11.02.2020 von

Am 13. Februar 1920 gründete der Ingenieur und Fabrikant Carl Kübler in Berlin die Addiator GmbH. Sie fertigte kleine Rechner mit Zahnstangen für die Addition und die Subtraktion. Im gleichen Jahr erschien das erste Produkt, die Addiator Saldo-Maschine. Die Addiatoren und ihre Kopien eroberten die Welt. Sie wurden noch in der Zeit des Taschenrechners benutzt.

„Herr Kummer, in Petersburg als braver Musiker und seiner vielseitigen Kenntnisse wegen bekannt, hat eine kleine Rechenmaschine konstruirt, die augenscheinlich dazu bestimmt ist, nicht nur das mongolische Rechenbrett, dass in Russland allgemein gebraucht wird, sondern auch alle ähnliche arithmetische Kalkulatoren mit grossem Vortheile zu ersetzen, und die allgemeinste Verbreitung zu finden.“

Das meldete im Frühjahr 1847 die St. Petersburgische Zeitung. Der brave Herr Kummer war der 1809 in Dresden geborene Heinrich Kummer; er spielte damals in einem russischen Orchester Fagott. 1889 starb er in seiner Geburtsstadt. Sein „Selbstrechner“ war der erste Zahlenschieber der Welt. Dieser addiert und subtrahiert mit Zahnstangen, die der Benutzer mit einem Stift hinunter- und hinaufzieht. Wenn ein Übertrag anfällt, wechselt er mit dem Stift zur Nachbarstange und verschiebt sie um eine Position. Hier ist eine Simulation.

Der Ur-Zahlenschieber, wie ihn Heinrich Kummer 1847 in Russland erfand. Dieses Modell war für das Rechnen mit Rubeln und Kopeken gedacht.

Mehrere Rechengeräte erfand der französische Lehrer Louis Troncet. Sein Arithmograph von 1889 war ebenfalls ein Zahlenschieber; er wurde von einem Verlag herausgebracht und verkaufte sich bis nach Amerika. 1890 erhielt der Brite John Guthrie ein Patent für seinen GEM Calculator; er half beim Addieren im komplizierten englischen Währungssystem. Ein deutsches Zahlenschieber-Patent meldete die Mercedes Bureaumaschinengesellschaft aus Berlin an. Es wurde 1912 erteilt und unter dem Namen Trick vermarktet.

Vor hundert Jahren waren Zahnstangen-Rechner also schon bekannt. Das hielt den Ingenieur Carl Kübler nicht davon ab, am 13. Februar 1920 in Berlin eine Firma dafür zu gründen, die Addiator GmbH. Geboren wurde er 1875 in Stuttgart als Sohn des Oberhofstallmeisters. Kübler besuchte in Karlsruhe eine Textilfachschule, danach sammelte er Praxiserfahrung. Von 1905 bis 1910 leitete er eine Textilfabrik in Düsseldorf. Anschließend zog er mit seiner Familie nach Berlin. Hier beteiligte er sich an mehreren Unternehmen.

Addiator-Schnellkurs: Die Dezimalzahl 17 wird durch Herunterziehen der Zahnstangen eingestellt. Der Stift setzt jeweils an der Ziffer an. (Grafiken Mercury CC BY-SA 4.0)

Geschäftsgrundlage der Addiator GmbH war eine Erfindung, die Carl Kübler bei dem aus Schönefeld stammenden Otto Meuter erwarb. Meuters Zahlenschieber MEUM änderte Kübler ab, so dass man ihn auf beiden Seiten bedienen konnte: vorne wurde addiert, hinten subtrahiert. Dabei rechnete man mit derselben Zahl weiter. Die Addiator Saldo-Maschine System Kübler-Meuter kam noch im Jahr 1920 heraus, später hieß sie nur Standard. Sie maß siebzehn mal elf Zentimeter. Das Gehäuse bestand aus Weißblech oder aus Aluminium, doch wechselte die Firma bald zu Messing.

Als nächstes Modell erschien der Addiator Duplex, um 1930 die schmale Arithma. Bei ihr saß das Subtrahierfeld unter dem für die Additionen. In den 1930er-Jahren folgte der kleine Toto. In der Nachkriegszeit bot die Firma für beide Typen einen Schrank an, der eine Batterie von ihnen zusammenfasste, die Addothek. Die Rechner ließen sich separat einstellen und speicherten etwa Warenbestände ab. 1967 stellte die Firma ihre letzte Innovation vor, den Addiator Hexadat für das 16er-System. Er war für Computerprogrammierer gedacht.

Addiere 17 und 25! Die 5 liegt im roten Bereich. Der Stift zieht die Zahnstange hoch und drückt dann die nächste eine Position herunter. Die 2 wird ganz normal eingegeben.

Bereits in den 1920er-Jahren trennten sich Carl Kübler und Otto Meuter. Letzterer schuf dann eigene Zahlenschieber und in den Fünfzigern eine Rechenmaschine, die Produx Multator. Das Mutterhaus hieß ab 1934 Addiator Rechenmaschinenfabrik. Ab 1945 leitete Carl Küblers 32-jährige Tochter Margot die Firma. Sein Sohn Hans-Wolfgang übernahm 1949 die Addiator-Niederlassung in Bad Harzburg. Ein Jahr später machte er daraus ein neues Unternehmen namens Addimult. Man kann sich denken, was es fertigte.

In den 1950er-Jahren ging der Großteil des Addiator-Exports nach Amerika. Auf Druck der US-Kunden zog man ab 1958 nach Wolfach im Schwarzwald um; die Zentrale in Berlin schloss 1962. Das Ende kam 1975 durch die Taschenrechner. Nach der Schließung produzierte das Addiator-Team mit Hilfe einer befreundeten Firma noch Kleinserien für die USA, die letzte 1991. Der gesamte Output betrug fünfeinhalb Millionen Zahlenschieber. Von der Stückzahl her war Addiator der größte deutsche Hersteller digitaler Rechengeräte.

Nach Eingabe der 25 erscheint das Endresultat 42.

In Europa, Amerika und Asien entstanden eine unbekannte Zahl von Nachbauten und funktionsgleichen Rechnern. International wird „Addiator“ als Synonym für Zahlenschieber benutzt, ähnlich wie das Wort „Brunsviga“ für Rechenmaschinen mit Sprossenrädern. Addiator-Gründer Carl Kübler starb 1953, seine Tochter Margot Schaffhirt-Kübler im Jahr 2003. Aus den 1950er-Jahren ist ein Fotoalbum erhalten, das uns durch die Firmenzentrale und die Fertigung in Berlin führt. Männer sind nur wenige zu sehen.

An der Spree liegt außerdem ein schmaler Nachlass der Addiator Rechenmaschinenfabrik. Das Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsarchiv verwahrt einen Prospekt, einen echten Addiator-Duplex-Addierer und 36 Blatt Akten aus der Zeit von 1949 bis 1980. Sie enthalten Handelsregisterauszüge, Schrift- und Briefverkehr sowie Zeitungsausschnitte. Wir danken Björn Berghausen und Tania Estler-Ziegler für die Auskünfte. Zum Abschluss bringen wir noch eine Bildfolge zur Geschichte der Zahlenschieber.

Ein Troncet-Aritmograph aus den 1890er-Jahren. Er kostete in den USA zweieinhalb Dollar. (Foto National Museum of American History, Smithsonian Institution)

Etwa zur gleichen Zeit entstand der englische GEM-Rechner. Dieser gehörte einem Sohn von Charles Babbage. (Foto Science Museum Group CC BY-NC-SA 4.0 seitlich beschnitten)

Der amerikanische Tasco-Addierer war ein Nachfahre des deutschen „Trick“ von 1912. (Foto National Museum of American History, Smithsonian Institution)

Der erste Addiator aus den frühen 1920er-Jahren mit einem geschmackvollen Podest. (Foto Science Museum Group CC BY-NC-SA 4.0 seitlich beschnitten)

Ein etwas späteres Modell für den englischen Markt für Preisberechnungen.

„Pro Calculo!“ hieß der Zahlenschieber, den Otto Meuter um 1925 herausbrachte. Er konnte nur addieren. (Foto National Museum of American History, Smithsonian Institution)

Subtrahieren konnten die Produx-Rechner, die Oto Meuter ab 1928 schuf.

Für die schlanke Arithma übernahm Addiator die Idee von Produx, Addition und Subtraktion auf einer Seite zu vereinen.

Addiator-Abklatsch Addimult. Er war etwas kleiner als die klassischen Addiatoren.

Leibnizstraße 33 in Charlottenburg, die letzte Berliner Adresse von Addiator. Viel hat sich seit dem Wegzug im Jahr 1962 nicht verändert.

 

 

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2 Kommentare auf “Hundert Jahre Addiator”

  1. Sehr schön, dass das HNF dem Kleingerät Zahlenschieber einen ausführlichen Text mit tollen Bildern widmet und auf das 100-jährige Jubiläum des Addiators aufmerksam macht. Das war schließlich Jahrzehnte lang die preiswerte Rechenhilfe des „kleinen Mannes“ (und der Frau). Dank vieler Internetseiten kann man darüber viel in Erfahrung bringen.

  2. Nun ist die Firma Addiator aus Berlin 100 Jahre alt geworden! Der Besitzer Carl Kübler besaß ab 1919 ein Patent. Seine Tochter Margot heiratete 1950 „Carl“ Ernst Otto Schaffhirt, einen Nachfahren des Oberguriger Papiermachers Johann Traugott Schaffhirt. Carl lernte bei Siemens und wurde 1950 Direktor bei Addiator in Berlin und später in Wolfach. In der Familie des Schwiegervaters wurde er „Carlito“ genannt. Für die ausführliche Geschichte der Firma muss man Friedrich Diestelkamp von addiator.de sehr dankbar sein!

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