Mathematik auf der Leinwand
Geschrieben am 13.03.2026 von HNF
Es ist wieder einmal so weit: Am Sonntag werden im Dolby Theatre in Hollywood die Oscars verteilt. Zur Feier des Tages gehen wir durch die Kinogeschichte und schauen uns Filme an, die die Taten von Mathematikern und Mathematikerinnen schildern. Der erste Streifen zum Thema entstand 1956 in der Sowjetunion, einige wenige wurden auch bei uns produziert.
Es ist der 30. Mai 1832. Der zwanzigjährige Évariste Galois schreibt bis zum Morgen Briefe an Freunde und Kollegen; in einem legt er revolutionäre Erkenntnisse zur Gruppentheorie nieder. Danach tritt er zu einem Pistolenduell an. Er erhält einen Bauchschuss und stirbt einen Tag später.
Das ist der Inhalt des Kurzfilms Evariste Galois, den der Franzose Alexandre Astruc 1965 drehte. Er war die erste fiktionale Produktion für Kino oder Fernsehen, die sich dem Leben und Wirken eines Mathematikers widmete. Eine Mathematikerin konnten die Kinogänger in der Sowjetunion bereits 1956 sehen. Der Film Sofia Kowalewskaja basierte auf einem Bühnenstück über die 1850 in Moskau geborene und 1891 in Stockholm verstorbene Forscherin. Die Hauptrolle spielte Elena Junger, sonst wissen wir nichts über den Streifen.
1970 lief in der DDR die ebenfalls kurze Dokumentation „Mathematiker“; den Begleittext verfasste der spätere SPD-Politiker Wolfgang Thierse, der als junger Mann ab und zu für die DEFA arbeitete. Sie zeigte eine Freundesgruppe, die sich ein paar Jahre nach Diplom oder Promotion in der alten Universität trifft.
Ab jetzt konzentrieren wir uns aber auf biografische Spielfilme. So porträtierte der Regisseur Roberto Rossellini 1972 fürs italienische Fernsehen Blaise Pascal, 1974 folgte „Cartesius“ über René Descartes; hier geht es zum ersten und hier zum zweiten Teil.
In Polen entstand 1979 der Film Sekret Enigmy über die mathematischen Logiker Marian Rejewski, Jerzy Różycki und Henryk Zygalski, sie leisteten 1939 und 1940 wertvolle Hilfe beim Knacken der deutschen Chiffriermaschine Enigma. 1983 kam die nächste Kowalewskaja-Vita. Die schwedische Produktion trug den Titel „Ein Berg auf der Rückseite des Mondes“, die Mathematikerin spielte Gunilla Nyroos. 1985 gab es noch eine dreiteilige sowjetische TV-Serie mit Elena Sofonowa. Sie lässt sich leicht auf YouTube finden.
1988 feierte Hollywood den Mathematiklehrer Jaime Escalante in Stand and Deliver. Den in Los Angeles wirkenden Pädagogen verkörperte Edward James Olmos, der danach für einen Oscar nominiert wurde. Zwei Oscars und diverse andere Preise erntete ein Jahrzehnt später Good Will Hunting mit Matt Damon und Robin Williams. Der Streifen erzählt eine erfundene Geschichte, die Plot-Idee mit dem Problem auf der Tafel, das der verkappte Mathe-Genius löst, geht auf einen Vorfall aus dem Leben des Mathematikers George Dantzig zurück.
Nicht vergessen sei der Film Morte di un matematico napoletano aus dem Jahr 1992. Er schilderte das traurige Ende des Forschers Renato Caccioppoli; Regisseur Mario Martone erhielt den Silbernen Löwen der Festspiele von Venedig. Mit Breaking the Code erschien 1996 die BBC-Version des Lebens von Alan Turing; die Hauptrolle übernahm Derek Jacobi. Seine Kollegin Tilda Swindon war 1997 die erste Programmiererin Ada Lovelace im Kinofilm Conceiving Ada, der Mechanik, Molekularbiologie und Mystizismus verknüpfte.
Das 21. Jahrhundert etablierte dann endgültig die mathematischen Filmbiografie. 2002 räumte A Beautiful Mind – Russell Crowe stellte den Spieltheoretiker John Nash dar – vier Oscars ab. Einen Drehbuch-Oscar gewann 2015 The Imitation Game; darin trat Benedict Cumberbatch als Alan Turing auf. Für die Hidden Figures über drei NASA-Rechnerinnen waren 2017 leider nur Nominierungen übrig; hier kann man sie in französischer Sprache anschauen. 2014 und 2015 wurden in Indien und in England Filme über den legendären Mathematiker Srinivasa Ramanujan produziert, der englische ist online.
Dem deutsch-polnischen Abenteuer eines Mathematikers von 2020 – der Mathematiker ist Stanislaw Ulam – möchten wir das Prädikat „gut gemeint“ verleihen; unser Eingangsbild zeigt daraus den Nachbau des Rechners MANIAC I, den das Dortmunder Binarium erwarb. Regieveteran Edgar Reitz drehte 2025 Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes; den Leibniz spielte Edgar Selge. Reitz interessierte sich weniger für Mathematik als vielmehr für Kunst, Liebe und Wahrheit, doch es gibt einen Auftritt der Leibnizschen Rechenmaschine. Das alles kann man seit Januar auf DVD kaufen.
Zum Schluss sei ein toller historischer Fund mitgeteilt. Die Library of Congress entdeckte jüngst eine Kopie von Gugusse und der Automat, den der Kinopionier Georges Méliès 1897 drehte. Der kurze Streifen wäre damit der erste Roboterfilm der Technikgeschichte. Unseren Lesern und Leserinnen wünschen wir noch eine unterhaltsame Oscar-Nacht.


