Der Mann im chinesischen Zimmer

Geschrieben am 31.07.2017 von

Am 31. Juli feiert der amerikanische Philosoph John Searle seinen 85. Geburtstag. Er lehrt seit 1959 an der Universität von Kalifornien in Berkeley; unter anderem widmete er sich der Sprachtheorie und dem Leib-Seele-Problem. Aufsehen erregte Searles Kritik an der Künstlichen Intelligenz. Dafür erfand er ein fiktives Experiment, das als „chinesisches Zimmer“ in die Philosophiegeschichte einging.

In unserem Blog haben wir schon einige Male über die Künstliche Intelligenz geschrieben, auch KI genannt. Dieser Zweig der Informatik erforscht seit gut 60 Jahren, wie ein Computer Leistungen ähnlich denen eines denkenden Menschen erbringen kann. Dafür interessierten sich auch Philosophen, die sich sozusagen hauptberuflich mit dem Denken befassen. Einer der bekanntesten war und ist der Amerikaner John Searle.

Searle wurde am 31. Juli 1932 in Denver im US-Bundesstaat Colorado geboren. Seine Mutter war Ärztin, der Vater arbeitete für eine Telefongesellschaft. Er wuchs in Denver, New York, und im Staat Wisconsin auf. Nach Beendigung der High School ging er an die Universität von Wisconsin. Von 1952 bis 1959 studierte er in Oxford, in jenen Jahren die Hauptstadt der englischsprachigen Philosophie. Hier hörte er etwa John Austin, einen wegweisenden Sprachphilosophen und Vater der Sprechakttheorie.

Seit 1959 lehrt John Searle das Fach an der Universität von Kalifornien in Berkeley. In den 1960er-Jahren geriet er in die amerikanische Studentenrevolte hinein. Dabei kämpfte er auf beiden Seiten der Barrikaden. 1964 wirkte er in der Bewegung für Meinungsfreiheit mit; ein Foto zeigt ihn in seinem besten Anzug während einer Demonstration (direkt hinter den Buchstaben „EE“). Einige Jahre später musste er sich als Mitglied des Lehrkörpers mit radikalen Studenten auseinandersetzen.

Searle zählt zu den bedeutendsten Philosophen Amerikas. Sein erstes Buch „Sprechakte“ erschien 1969 und arbeitete die gleichnamige Theorie aus. Sie besagt, dass wir beim Sprechen nicht nur einfach Behauptungen aufstellen, sondern durch das Sprechen auch Handlungen vollziehen. Ein anderes wichtiges Resultat war in den frühen 1980er-Jahren seine Lösung des Leib-Seele-Problems. Dieses fragt danach, wie unser geistiges Erleben mit der biologischen Basis, also Gehirn, Nerven und Körper, zusammenhängt.

Searle brachte das Problem zum Verschwinden, indem er die geistige Welt als Erzeugnis und als Eigenschaft des materiellen Gehirns betrachtete. Ein entfernt vergleichbares Phänomen ist der flüssige Charakter des Wassers. Er folgt aus der Physik der Wassermoleküle, bildet aber auch ein typisches Merkmal des Wassers. Das kann man so sehen oder nicht, zeigt auf jeden Fall das Interesse unseres Philosophen für den Ursprung des Denkens.

John Searle (Foto University of California)

1980 schrieb Searle den Aufsatz Minds, Brains, and Programs über Verstand, Gehirne und Computerprogramme. Zehn Jahre später erschienen seine Argumente auch auf Deutsch. In jenem Aufsatz unterschied er zunächst zwei Arten von Künstlicher Intelligenz. Die schwache KI befasst sich mit Software, die bestimmte Intelligenzleistungen des Menschen imitiert, etwa Schach spielt, ein Auto steuert oder an einem Dialog teilnimmt. Die starke KI will einen Computer hervorbringen, der wirklich denkt.

Nach Ansicht Searles ist eine solche Denkmaschine mit heutiger Technik nicht realisierbar. Zum Beweis erfand er ein Gedankenexperiment, das chinesische Zimmer. Das ist eine Kammer, in die durch eine Öffnung Texttafeln mit Fragen in chinesischer Sprache gesteckt werden; sie mögen den Inhalt einer gleichfalls chinesischen Kurzgeschichte betreffen. Durch eine zweite Öffnung werden Tafeln mit chinesischen Antworten ausgegeben. Sprachkundige Prüfer lesen Kurzgeschichte, Fragen und Antworten und bestätigen die Korrektheit.

Sitzt in der Kammer ein Chinese, der die Fragen durch Lesen und Nachdenken beantwortet? Nein, im Experiment ist dort John Searle, der kein Wort Chinesisch versteht. Er hat aber eine lange Liste, die ihm sagt, welche Texttafel er aus einem großen Vorrat herausgeben soll, wenn bestimmte andere Tafeln hereingesteckt werden. Er sucht und vergleicht chinesische Schriftzeichen, hat jedoch keine Ahnung von der Sprache selbst. Das Gleiche gilt nun auch für einen Computer, der die Rolle des Philosophen im chinesischen Zimmer übernimmt.

Für Searle mag ein Computer den Wortschatz und die Satzbildung einer Sprache kennen, er weiß aber nicht, was die Worte und Sätze bedeuten. Er beherrscht die Syntax, doch nicht die Semantik. Daraus folgt die Unmöglichkeit der starken Künstlichen Intelligenz, jedenfalls zur heutigen Zeit. Das Gedankenexperiment wurde nach der Veröffentlichung heiß diskutiert; einen Überblick bieten die deutsche und die englische Wikipedia-Seite. Mittlerweile ließen es die Fortschritte der KI gerade bei der Sprachübersetzung in den Hintergrund treten.

Von den philosophischen Kritikern der Künstlichen Intelligenz ist Searle wohl der letzte Überlebende; Joseph Weizenbaum starb 2008 und Hubert Dreyfus im April 2017. Dreyfus war ebenfalls Philosophieprofessor in Berkeley und verfasste 1972 ein Buch „Was Computer nicht können. Die Grenzen künstlicher Intelligenz“. John Searle wünschen wir aber alles Gute zum 85. Geburtstag und weiterhin froher Schaffen. Wer sich für seine Schriften interessiert: Hier geht es zu seinem deutschen Verlag.

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