1994 – die Suchmaschinen kommen

Geschrieben am 13.08.2019 von

Vor 25 Jahren war Google noch unbekannt. Es gab aber das World Wide Web und viele Adressen; täglich wurden es mehr. Experten überlegten, wie man die gespeicherten Informationen erschließen könnte. Ab 1994 entstanden Programme, die Seiten mit bestimmten Begriffen suchten. Am 14. August 1994 kündigte der amerikanische Informatiker Michael Mauldin die Suchmaschine Lycos an.    

„Das Zentrum für maschinelle Übersetzung der Carnegie-Mellon-Universität gibt die Erreichbarkeit der WWW-Suchmaschine Lycos bekannt… Lycos ermöglicht Erschließungen von über 390.000 WWW-Dokumenten; weitere werden jede Woche hinzugefügt. Neben den Adressen liefert Lycos Rangfolgen, WWW-Links, Beschreibungen, Schlüsselworte und Zitate für jedes der 50 Dokumente, die an der Spitze der Suchergebnisse liegen.“

Das stand am 14. August 1994 in der Newsgroup comp.infosystems.announce. Absender war Michael Mauldin von dem oben genannten Zentrum; die dazugehörige Universität sitzt in Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania. Als Mauldin seine Meldung verschickte, war er 35 Jahre alt. Er stammte aus Texas und begann dort das Studium der Informatik. In den Achtzigern machte er in Pittsburgh den Master und den Doktor. 1994 arbeitete er in einem Projekt der Carnegie-Mellon-Universität  zu digitalen Bibliotheken.

Mit dem Posting verkündete Mauldin die Suchmaschine Lycos. Online war sie schon seit dem 20. Juli 1994. An diesem Tag griff das Programm auf 54.000 „Dokumente“ zu. Damit sind vermutlich Textblöcke gemeint, denn die Zahl der Webseiten lag erst bei etwa 3.000, natürlich mit steigender Tendenz. Der Name Lycos erinnerte an die Wolfsspinnen oder Lycosidae; sie bauen keine Netze, sondern gehen auf die Jagd. Unser Eingangsbild zeigt aber kein Kriechtier, sondern verweist auf ein späteres Lycos-Symbol, den Labrador.

Michael Mauldin 2011; den Arm ziert ein Spinnen-Tattoo. (Foto Anirudh Koul CC BY-NC 2.0 – das Bild wurde unten und an den Seiten beschnitten)

Das World Wide Web wurde schon früh von „crawlern“ und „spidern“ heimgesucht. Solche Programme rufen eine Seite auf, speichern Adressen, Worte oder Zitate in einem Katalog ab und springen von den eingebetteten Links zu anderen Seiten. Ein Interface macht Krabbler und Spinnen – wir finden auch die Bezeichnung Roboter – zu echten Suchmaschinen. Dort trägt der User Begriffe ein und schickt sie ab. Die Software schaut im Katalog nach und sendet die Adressen der Seiten zurück, in denen die Begriffe erscheinen.

Dabei werden die Websites nach bestimmten Prinzipien geordnet. Man könnte zum Beispiel aus der Häufigkeit des Suchworts auf einem Dokument eine Rangfolge ableiten: Je öfter es vorkommt, umso höher rückt die Seite in der Antwortliste. Die Suchmaschine Lycos zog auch schon die Zahl der Seiten in Betracht, die per Link auf eine bestimmte Adresse verweisen. Populäre Plätze werden besser bewertet. Die Technik wurde später von Google-Mitgründer Larry Page als PageRank perfektioniert.

Als erstes Internet-Suchprogramm gilt Archie von der kanadischen McGill-Universität. Es analysierte ab 1990 die Verzeichnisse von Servern, von denen man Dateien nach der FTP-Vorschrift herunterlud. Die erste Suchmaschine im heutigen Sinn war der WebCrawler der Universität von Washington. Brian Pinkerton schuf ihn als Dissertationsprojekt; den Dienst präsentierte er am 11. Juni 1994 ebenfalls in der Gruppe comp.infosystems.announce. Der WebCrawler sucht noch immer, inzwischen aber als Metasuchmaschine.

Einen Monat nach dem Netzkrabbler startete Lycos. Im Januar 1995 speicherte das System anderthalb Millionen Texte, im Frühjahr war es die doppelte Menge. Ein Film aus jener Zeit zeigt Michael Mauldin neben seinen Workstations; das Wissen der Welt umfasste damals erst 25 Gigabyte. Im Juni 1995 gründete der Informatiker die Lycos Inc., Leiter und zunächst einziger Angestellter wurde Robert Davis. Er war nur drei Jahre älter als Mauldin, besaß aber schon Erfahrung im Computergeschäft.

Robert Davis 2013. (Foto Alihoward CC BY-SA 3.0)

Nach und nach erweiterte sich das Feld der Suchmaschinen. Im Februar 1995 trat Infoseek Search an, im Dezember brachte der Computerbauer Digital Equipment AltaVista heraus. Im Mai 1996 erschien HotBot. Daneben florierten Web-Verzeichnisse wie das 1994 gegründete Yahoo! und alle möglichen Mischformen. Lycos war nicht allein im Markt, es erlebte aber einen kometenhaften Aufstieg. Am 2. April 1996 ging die Firma an die Börse. Am Abend war sie nahezu 300 Millionen Dollar wert.

Ende 1996 enthielt Lycos 60 Millionen Dokumente; damit war sie die größte Suchmaschine auf dem Planeten.  Michael Mauldin versilberte seinen Anteil an der Firma und gründete die nächste, Virtual Personalities. Sie erstellte computeranimierte Gesprächsprogramme, sogenannte Chatbots. Ihre bekannteste Software war Verbot – bitte englisch aussprechen: „Wörbot“ Danach widmete er sich der Konstruktion von Kampfrobotern. 2015 kehrte Mauldin als Mitglied des Aufsichtsrats zu Lycos zurück.

1997 entstand als Joint Venture von Lycos Inc. und Bertelsmann AG Lycos Europe. Im Jahr 2000, auf dem Höhepunkt des Dotcom-Booms, wurde die amerikanische Firma von den spanischen Terra Networks gekauft. Der Preis betrug 12,5 Milliarden Dollar in Aktien. Robert Davis zog sich 2001 zufrieden zurück; mit dem verdienten Geld stieg er in eine Venture-Capital-Firma ein. Hier sehen wir ihn 2000 noch an der Spitze von Lycos, und hier ist ein längerer Werbefilm von 1999. Durchs Internet führt uns der Schauspieler John Torturro.

Nach dem Platzen der Dotcom-Blase ging es für Lycos abwärts. Der europäische Ableger wurde 2008 und 2009 aufgelöst, einige Reste gelangten nach Dänemark. Das Mutterhaus existiert noch, ebenso der schwarze Lycos-Hund. Wir gratulieren schon jetzt zum morgigen 25. Geburtstag – was wäre der Mensch ohne seine Internet-Spürnasen. Unser Eingangsbild (CC BY 2.0) nahm der Kölner Fotograf Marco Verch auf; hier geht es zum Original.

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