Addiermaschinen aus Amerika

Geschrieben am 19.11.2019 von

Mechanische Rechenmaschinen werden in zwei Gruppen unterteilt, die für Addition und Subtraktion und solche für alle vier Grundrechenarten. Bei den Addierern beherrschten Geräte aus den USA seit Ende des 19. Jahrhunderts den Markt. Pionierarbeit leisteten die Erfinder Dorr Eugene Felt und William Burroughs. Wegweisend waren auch die Maschinen der Firmen Standard, Dalton und Sundstrand.

Die erste Rechenmaschine baute, wie man weiß, Wilhelm Schickard 1623 in Tübingen. Ihre Mechanik konnte nur addieren und subtrahieren, doch drehbare Zahlenlisten ermöglichten die Multiplikation. Geräte für die vier Grundrechenarten liefen im 18. Jahrhundert, im 19. wurden sie in Serie gefertigt. Vier-Spezies-Maschinen aus Europa setzten die technischen Standards in der ganzen Welt.

Zum Mutterland der Addiermaschinen entwickelten sich aber die Vereinigten Staaten. Ein bemerkenswertes Dokument stammt aus dem Jahr 1859. Am 12. April erhielt Caroline Winter aus Piqua im US-Bundesstaat Ohio ein Patent für eine Improved Adding-Machine. Damit war sie die erste Frau in der Technikgeschichte, die einen Rechenapparat erfand. Von ihm gibt es sogar ein Modell, das für ihre Patentanmeldung entstand. Leider wissen wir sonst nur wenig über Frau Winter; sie soll einen Gemischtwarenladen besessen haben.

Addiermaschinenpioniere Dorr E. Felt (links) und William Burroughs

Von Dorr Eugene Felt ist mehr bekannt. Er wurde 1862 im Bundesstaat Wisconsin geboren und wuchs auf der väterlichen Farm auf. 1882 ging er nach Chicago und arbeitete dort als Maschinist; in der Freizeit skizzierte er Aufzüge und  Rechengeräte. Im November 1884 besorgte er sich beim Lebensmittelhändler eine Holzkiste; zuvor diente sie zum Verwahren von Nudeln. Felt begann zu basteln, und im Januar 1885 lag das Funktionsmodell einer Addiermaschine vor. Das erste praktikable Comptometer war im Herbst 1886 fertig.

Danach erhielt Felt vom Unternehmer Robert Tarrant eine Werkstatt. 1887 bildeten die beiden eine Personengesellschaft, 1889 gründeten sie die Firma Felt & Tarrant. Die ersten acht Addierer verkauften sie 1887 für je 400 Dollar. Ende 1891 hatte Felt & Tarrant 700 Comptometer gebaut, bis 1903 rund 6.500 Stück; damals wechselte man von der Holz- zur Metallverkleidung. Bis 1926 wurden 126.150 Maschinen produziert. Ab 1957 hieß die Firma Comptometer Corporation, 1961 fusionierte sie mit der Victor Adding Machine Company.

Das Comptometer Modell F wurde von 1915 bis 1920 gefertigt.

Victor gibt es noch; Dorr E. Felt starb 1930. Sein Comptometer war so schnell und leicht zu bedienen, dass er Multiplikationen durch wiederholtes Addieren ermöglichte. Auch die Subtraktionen erfolgten per Addition, und jede Zifferntaste trug das Neunerkomplement. Das Comptometer hatte kein Druckwerk, doch ab 1889 fertigte Felt & Tarant den Comptographen, der eines besaß. Aus der entsprechenden Abteilung entstand 1902 eine eigene Firma; sie schloss zu Beginn des Ersten Weltkriegs.

Unser nächster Erfinder ist William Burroughs. Er kam 1857 in Rochester im US-Staat New York zur Welt; sein Vater war Mechaniker. William besuchte eine Zeitlang die High School; schon als Junge träumte er vom Bau einer Rechenmaschine. Ab 1873 arbeitete er für die Post und einige Jahre in einer Bank. 1880 zog er mit dem Vater nach St. Louis am Mississippi. Er half ihm zunächst in seiner Firma, dann mietete er einen Werkstattplatz nur für sich und begann mit der Entwicklung eines Addierergeräts mit Volltastatur.

Eine verglaste Burroughs-Addiermaschine der ersten Generation.

Das erste Modell konnte Burroughs 1884 vorweisen. Er meldete es zum Patent an; 1886 gründete er mit drei Teilhabern die American Arithmometer Company. 1889 waren fünfzig Addiermaschinen fertig, die aber schlecht funktionierten. Der Legende nach soll Burroughs sie aus dem Fenster geworfen und danach die entscheidende Verbesserung gefunden haben. 1891 lieferte er zum Preis von 425 Dollar fehlerfreie Geräte aus. 1895 wurden 286 Stück abgesetzt, zur Jahrhundertwende stieg die Zahl der Verkäufe auf 4.300 Stück.

William Burroughs erlebte das nicht mehr; er war 1898 an Tuberkulose gestorben. 1904 zog seine Firma nach Detroit und änderte ihren Namen in Burroughs Adding Machine Company um. Die klassische Burroughs besaß einen Hebel zum Addieren, eine gläserne Verkleidung und einen nicht direkt einsehbares Drucker. Im Lauf der Zeit kamen weitere Typen hinzu, es erschien auch ein Rechner mit Subtrahierwerk. Anno 1911 gab es 78 Burroughs-Modelle zu Preisen zwischen 175 und 850 Dollar. Einen Ford T erhielt man damals für 680 Dollar.

Druckende Dalton-Addiermaschine mit Zehnertastatur.

1926 feierte die Burroughs Adding Machine Company die millionste Addiermaschine. Von 1953 an nannte sie sich nur Burroughs Corporation. Ab 1955 bot sie auch Computer an und schlug sich tapfer gegen die übermächtige IBM. 1986 verschmolz Burroughs mit der Sperry Corporation zur IT-Firma Unisys. In die Literaturgeschichte ging William Burroughs‘ Enkel gleichen Namens ein: William Burroughs lebte von 1914 bis 1997 und zählte zu den Repräsentanten der Beat Generation. Eine Sammlung seiner Essays trug den Titel The Adding Machine.

Eine Übersicht über amerikanische Addiermaschinen wäre unvollständig ohne solche mit Zehnertastatur. Sie sind mit einer Hand und schneller zu bedienen. 1901 brachte die Standard Adding Machine Company in St. Louis ihr erstes Modell heraus. Es wies nur eine Ziffernreihe auf, erfunden hatten es William Hopkins und sein Bruder Hubert. Eine Weiterentwicklung war 1907 die Dalton der gleichnamigen Firma im Ort Poplar Bluff; sie basierte auf einem Patent von Hubert Hopkins. Die zwei Ziffernreihen sind im Foto oben gut zu erkennen.

Werbung für eine Sundstrand-Addiermaschine aus den 1910er-Jahren.

Erfinderisch waren auch die Brüder Oscar und David Sundstrand aus Rockford im US-Staat Illinois. Ihre Addiermaschine enthielt 1914 einen 3×3-Tastenblock mit der Null davor. Ab den 1920er-Jahren wurde die Sundstrand vom Schreibmaschinenhersteller Underwood gefertigt und verkauft. Ihre Tastatur eroberte die Welt; über den Taschenrechner gelangte sie dann auf den Computer. Einen gespiegelten Block mit 1, 2, 3 oben und 7, 8, 9 unten finden wir bei Tastentelefonen und Handys.

Die Smithsonian Institution in Washington erhielt 1937 die Makkaroni-Kiste von Dorr E. Felt. Unser Eingangsbild zeigt die Übergabe: rechts stehen Felts älteste Tochter Virginia und ihr Gatte Raymond Koch. Der Herr links ist der Astrophysiker Charles Abbott, der Sekretär der Stiftung. Die Maschine liegt inzwischen im Depot des Nationalmuseums für amerikanische Geschichte. Es besitzt eine herausragende Sammlung amerikanischer und europäischer Addiergeräte.

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