Computerszene 1949

Geschrieben am 13.09.2019 von

Vor siebzig Jahren begann in der Universität Harvard das „Zweite Symposium über große digitale Rechenanlagen“. Vom 13. bis 16. September 1949 hörten mehr als siebenhundert Interessierte Vorträge über die noch junge Computertechnik; auch 23 Frauen waren zugegen. Einige Teilnehmer hatten die lange Anfahrt aus Europa gewagt, darunter ein Ingenieur und ein Mathematiker aus der Schweiz. 

Im Frühjahr 1949 waren Computer Brains that Click, wie das Magazin „Popular Mechanics“ schrieb. Viele gab es nicht. Drei Elektronenhirne klickten in England und drei in den USA, dazu kamen ein paar Relaismaschinen wie Konrad Zuses Z4 im Allgäu. Das Interesse an den neuen Rechengeräten war aber groß. Als die Universität Harvard im Spätsommer zu einer Konferenz lud, machten sich mehr als siebenhundert Menschen auf den Weg.

Das Zweite Symposium über große digitale Rechenanlagen begann am 13. September 1949 und dauerte vier Tage. Es waren Semesterferien; viele Teilnehmer von außerhalb konnten in Studentenwohnheimen übernachten. Organisator der Tagung waren die Universität und die US-Marine, sprich das Waffenbüro des Marineministeriums. Der Ort war das Rechnerlabor der Uni. Dort hatte im Januar 1947 bereits das erste Digital-Symposium stattgefunden; damals kamen jedoch nur 336 Interessierte.

Die Grußworte zu Beginn des Symposiums sprach der Hausherr, der Computerpionier Howard Aiken. Das erste Referat trug sein Mitarbeiter Benjamin Moore vor. Es schilderte Aikens jüngste Schöpfung, den Harvard Mark III. Der neun Meter lange und neun Tonnen schwere Rechner enthielt 5.000 Röhren und 2.000 Relais. Als Arbeitsspeicher dienten Magnettrommeln; von ihnen rotierten im Mark III neun Stück. 1950 ging der Computer an ein Forschungszentrum der US-Marine; in unserem Video ist er gegen Ende zu sehen.

Der Harvard Mark III an seinem Arbeitsplatz in Dahlgren, Virginia.

Der zweite Vortrag befasste sich mit einem Relaisrechner der Bell-Laboratorien. Danach sprach John Presper Eckert, einer der Väter des ENIAC, über Speicher mit Kathodenröhren, und MIT-Ingenieur Jay Forrester skizzierte den im Bau befindlichen Computer Whirlwind. Anschließend wurden zwei Projekte der Firmen Raytheon und General Electric abgehandelt. Um 19 Uhr versammelten sich alle zum Bankett. Hier gab es nicht nur das Abendessen, sondern auch eine Übersicht über Entwicklungen in England. Referent war William Elliott von der gleichnamigen Firma in Borehamwood bei London.

Der zweite Tag des Symposiums startete mit einem Vortrag des Mathematikers Harry Huskey. Das Thema war der Rechner  Zephyr, der kurz vor der Vollendung stand. Als er 1950 in Los Angeles den Dienst antrat, trug er allerdings den trockenen Namen NBS Western Automatic Computer – NBS ist das amerikanische Eichamt – oder SWAC. Im Eingangsbild oben sitzt Huskey vor seiner Anlage. Er erlebte den Fortschritt der Informationstechnik noch lange mit; er starb 2017 im gesegneten Alter von 101 Jahren.

Nach Huskeys Referat widmete sich das Symposium Fragen zur Hardware und zum Einsatz von Computern. Am dritten Tag rutschte ein IBM-System herein, eine Lochkartenanlage mit dem elektronischen Multiplizierer IBM 603. Am vierten Tag wurde ein französischer Text verlesen. Er stammte vom Mathematiker Louis Couffignal; seine calculatrice hat er aber nie realisiert. Die Schlussworte sprach der Physiker Louis Ridenour. Er fasste die Tagung kurz zusammen und gab einen Ausblick auf die Zukunft. Er sah sie ganz richtig im Transistor.

Der Schweizer Elektronenrechner ERMETH orientierte sich bei den Schaltkreisen am Mark III. (Foto tomislav medak CC BY 2.0)

Die Veranstaltung liefert einen guten Überblick über den Stand der amerikanischen Computertechnik vor siebzig Jahren. Dennoch fällt auf, wer nicht dabei war. John von Neumann und seine Assistenten arbeiteten seit Ende 1945 an einem Elektronenrechner, der IAS-Maschine. Wir können nur spekulieren, warum Howard Aiken keinen Vortrag darüber in sein Programm aufnahm. Aus John von Neumanns Team in Princeton fuhren dann auch nur zwei Wissenschaftler zum Symposium.

Der langen Teilnehmerliste lässt sich so manches soziologische Detail entnehmen. Es dominierten männliche Amerikaner von der Ostküste und dem mittleren Westen; aus dem US-Bundesstaat Kalifornien reisten nur 24 Teilnehmer an. Sechzehn Hörer kamen aus Kanada, zwei aus England, zwei aus der Schweiz und je einer aus Brasilien und Indien. Im Publikum saßen 23 Frauen, aufs Podium stieg nur eine, die Mathematikerin Mina Rees. Sie arbeitete für die Marine und leitete die erste Sitzung des Symposiums nach der Eröffnung.

Die Eidgenossen in Harvard waren der Mathematiker Heinz Rutishauser und der Ingenieur Ambros Speiser. Sie waren Assistenten des Mathematikprofessors Eduard Stiefel von der ETH Zürich. Die drei reisten im Oktober 1948 in die USA, um mehr über programmgesteuerte Rechenanlagen zu erfahren. Stiefel kehrte nach einem halben Jahr zurück und schaffte unter anderem die Z4 an. Rutishauser und Speiser blieben noch bis Dezember in Amerika. Das dort erworbene Wissen floss später in den ersten Schweizer Computer ERMETH ein.

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