Das Jahr des Zauberwürfels

Geschrieben am 12.03.2021 von

In Ungarn kam das Gerät 1977 in den Handel, ein Welterfolg wurde es 1981. Die Erfindung des Budapester Designprofessors Ernö Rubik zählt zu den schönsten mathematischen Spielen aller Zeiten. Sie besteht aus 26 beweglichen Steinen, die einen Würfel mit sechs farbigen Seiten bilden. Die Aufgabe des Spielers besteht darin, die Einzelteile in den Grundzustand zurückzudrehen.

„Bild der Wissenschaft“ entdeckte seine Rätsel im November 1980. Der SPIEGEL berichtete im Januar 1981 und brachte auch Lösungen. Im März 1981 belegte er die Umschlagseite des Scientific American; einige Seiten weiter folgte ein Artikel, der Einblicke in sein Inneres gestattete. Wie man sich denken kann, wurde der Beitrag in den USA und außerhalb viel gelesen. Und so begann der weltweite Siegeszug eines Spielgeräts, das die Experten immer noch erfreut und Ungeübte verzweifeln lässt.

Die Rede ist vom Rubik-Würfel, auch Zauberwürfel genannt. Sein Erfinder Ernö Rubik wurde am 13. Juli 1944 in Budapest geboren; der Vater war ein erfolgreicher Konstrukteur von Segelflugzeugen. Rubik studierte Bauingenieurwesen wie einst Konrad Zuse und danach Bildhauerei und Architektur. In den 1970er-Jahren lehrte er an der Budapester Hochschule für Kunst und Design, der heutigen Moholy-Nagy Universität. Schon früh beschäftigte er sich mit Puzzles wie Tangram, Soma oder den Farbwürfeln des Engländers Percy MacMahon.

Ernö Rubik, aufgenommen im Jahr 2014

Die Geburt des Zauberwürfels fand im Frühjahr 1974 statt. Ernö Rubik verband zunächst zwei mal zwei mal zwei Würfelchen mit Gummibändern, so dass er sie gegeneinander verdrehen konnte. Die Bänder rissen aber stets. Von den acht kam er zu 26 Teilen, die dank einer genialen Mechanik zusammenblieben. Der erste Rubik-Würfel war einfarbig, da sich der Erfinder auf die Drehungen konzentrierte. Mit etwas Verspätung erkannte er, dass man die sechs Seiten unterschiedlich bemalen und den Kubus zur Denkaufgabe machen konnte.

Am 30. Januar 1975 meldete Ernö Rubik seine Schöpfung als Räumliches Logikspiel zum Patent an; es wurde im Frühjahr 1977 erteilt. Er fand eine Fabrik für Kunststoff-Spritzguss, und die Serienfertigung begann. Der staatliche Großhandel bestellte zunächst aber nur 5.000 Stück. Im Dezember 1977 lag in ungarischen Spielwarenläden der Bűvös Kocka aus, auf Deutsch magischer Würfel. Dem Rubik-Blogger Roland Frisch verdanken wir Bilder von der blauen Schachtel. Später trat an ihre Stelle eine Packung aus durchsichtigem Kunststoff, wie im DDR-Fernsehen zu sehen.

1978 erhielt das Spielzeug den Preis der Messe Budapest; eine weitere Auszeichnung, verliehen vom Kultusministerium, gab es für Ernö Rubik. Ende 1979 drehten 300.000 Ungarn den Würfel; 50.000 Stück gingen in den Export. Die ersten Nutzer aus dem Westen waren Mathematiker, die im August 1978 an einem Kongress in Helsinki teilnahmen; dort wurden einige Exemplare verkauft. Der englische Mathematiker David Singmaster ergatterte eines und schrieb ein Jahr später eine wissenschaftliche Analyse. Das ist die Ausgabe von 1981.

Im Inneren des Rubik-Würfels sitzt ein Achsenkreuz; es ermöglicht die Drehungen der 20 Teile drumherum.

Der Welterfolg des Würfels nahm seinen Anfang in Deutschland. Der Wiener Geschäftsmann Tibor Laczi, ein gebürtiger Ungar, fuhr 1979 im Auftrag der ungarische Handelsgesellschaft Konsumex zur Spielwarenmesse nach Nürnberg; hier lief er von Stand zu Stand und bot den Würfel an. Eher zufällig ergab sich ein Kontakt zu einem englischen Besucher. Tom Kremer stammte aus Siebenbürgen, sprach Ungarisch und betrieb in London ein Unternehmen für Spieleentwicklung und -vermarktung. Die beiden verstanden sich sofort.

Kremer gelang es, die amerikanische Firma Ideal Toy für den Würfel zu interessieren; im September 1979 wurde ein Vertrag unterzeichnet. Ideal Toy präsentierte Rubik’s Cube im Februar 1980 auf der New Yorker Spielzeugmesse. Auch Ernö Rubik erhielt einen Pass für Westreisen und flog nach Amerika. Ein auf der Messe gedrehter Fernsehbericht zeigt gleich zu Anfang zwei Herren, die sich mit dem Würfel beschäftigen. Wer genau hinschaut, erkennt rechts für eine Zehntelsekunde den 35-jährigen Würfel-Erfinder.

Im März 1980 begann der Verkauf in den USA und Westeuropa; hier ist ein Werbefilm aus jener Zeit. Bis zum Januar 1981 setzte Ideal Toy vier Millionen ab, davon eine Million in der Bundesrepublik. Am Jahresende waren zwanzig Millionen Würfel in Umlauf, und jede siebte westdeutsche Familie hatte sich mit ihm abgemüht. Zum Spielzeug kamen Lösungsbücher in mehreren Sprachen, die die Bestsellerlisten erklommen. 1983 schlief allerdings die Würfel-Begeisterung wieder ein; wenige Jahre später endete die Fertigung.

Diese Konstruktionen erfand 1981 der Hamburger Udo Krell. Sein Fünfer-Würfel wurde als „Rubik’s Wahn“ verkauft.

Ernö Rubrik brachte er dennoch zum Millionär, und wir sollten nicht vergessen, dass sich seine Erfindung mitten im Kalten Krieg verbreitete. 1988 trat er bei Günther Jauch im ZDF auf, warb jedoch für andere Spiele. Im 21. Jahrhundert erfuhr der Rubik-Würfel eine Renaissance, vor allem durch das Speedcubing. Die Meister und Meisterinnen jener Kunst drehen in wenigen Sekunden den Kubus in den Startzustand zurück. 2005 verzeichnete die Statistik 100 Millionen verkaufte Würfel seit 1980. 2019 waren es insgesamt 350 Millionen.

Mathematisch ist der Rubik-Würfel kein Problem mehr. Es existieren mehrere Algorithmen für die Lösung. 2010 wurde bewiesen, dass sich jeder der 43 Trillionen Zustände mit maximal 20 Drehungen in die Grundstellung versetzen lässt. Neben der klassischen Version sind Hunderte von technisch ähnlichen Puzzlespielen bekannt – diese Seite bietet eine Übersicht. Natürlich können heute auch Maschinen den Zauberwürfel enträtseln wie ein System aus Ostwestfalen. Ein mit der Maus drehbarer Online-Würfel findet sich hier.

Altmeister Ernö Rubik erfindet mittlerweile nicht mehr so viel wie früher; im letzten Jahr schrieb er seine Memoiren. Seit 2014 ist er Träger des Ordens des heiligen Stephan, der höchsten Auszeichnung seines Landes. Die Rubik-Fans aller Länder versammeln sich in der World Cube Association WCA; hier geht es zur deutschen Sektion.

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