Das Patent des Dr. Emil Schilling

Geschrieben am 08.05.2015 von

Die Ahnenreihe des Computers beginnt mit dem Engländer Charles Babbage, dessen Analytical Engine in den 1830er Jahren einen mathematischen Algorithmus technisch umsetzen sollte. 70 Jahre später beschrieb der Ire Percy Ludgate eine programmgesteuerte Rechenmaschine, deren Inputs auf gelochten Papierrollen gespeichert werden. An dritter Stelle in der Ahnenreihe steht dann ein deutscher Erfinder, den kaum jemand kennt.

Am 26.September 1926 meldete Dr. Emil Schilling aus Berlin-Zehlendorf eine „Steuerungsvorrichtung für Rechenmaschinen o. dgl.“ zum Patent an, die vermutlich den ältesten deutschen Entwurf für eine programmierbare Rechenvorrichtung darstellt. Am 29. Juni 1933 wurde ihm das Patent unter der Nummer DRP 580 675 erteilt, aber ein Jahr später wegen Nichtzahlen der Patentgebühren gelöscht.

Wer war Emil Schilling? Geboren 1887 in Ichenhausen im bayrischen Schwaben, konnte er mit einem Stipendium das Gymnasium in München besuchen. Später studierte er Jura in München und Erlangen, wo er promovierte. Er nahm am 1. Weltkrieg teil und war ab 1920 im Reichsfinanzministerium in Berlin tätig. 1943 wechselte er zum Reichsfinanzhof in München, dem heutigen Bundesfinanzhof. 1952 ging er in Pension. 1963 starb Emil Schilling in Starnberg.

Seine Erfindung von 1926 ist – wir zitieren aus dem 19 Seiten langen Patent – eine „Steuervorrichtung für ein Rechenwerk o. dgl., welche mittels getrennter gelochter Schablonen, von denen die eine die veränderlichen Grundwerte der Rechenoperationen in symbolischer Darstellung durch Löcher enthält und die andere durch Lochungen die Art des auszuführenden Rechenvorganges bestimmt, auf die Rechenvorrichtung einwirkt…“

Die Vorrichtung enthält einen Lochstreifen für die Inputs oder „Grundwerte“ der Rechnung und einen zweiten für das Rechenprogramm, die „Zeitreglerschablone“. Sie sitzt auf einer handelsüblichen Rechenmaschine und betätigt direkt und mechanisch die Tastatur oder die Einstellhebel. Zentrales Element ist ein Kasten, in dem eine Vielzahl von Röhren verlaufen, in die Druckluft einströmt. Das Getriebe der Vorrichtung und die pneumatische Technik werden durch einen Elektromotor aktiviert.

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Die obige Patentzeichnung zeigt besagten Kasten und zwei Röhren. Links wird Schritt für Schritt der Lochstreifen mit den Zahleneingaben entlanggeführt, rechts der etwas breitere Streifen mit dem Programm. Falls sich an beiden Seiten einer Röhre eine Lochung befindet – was der Zeichner mit schwarzen Kreisen andeutete – strömt die Luft durch Lochstreifen und Röhre in einen Blasebalg, der eine Taste der Rechenmaschine (die man sich hinzudenken muss) niederdrückt. Der rechte Streifen weist noch eine dritte Reihe Lochungen auf, die weitere Operationen der Rechenmaschine steuern.

Im Patent erläuterte Schilling Berechnungen mit den Formeln a*b + c*d für eine Addiermaschine und 10*a + b für einen Brunsviga-ähnlichen Typ. Über die Ausgabe des Resultats machte er sich wenig Gedanken, doch besaßen viele Addiermaschinen ein Druckwerk. Er beschrieb außerdem eine frühe Textverarbeitung: „In Verbindung mit einer normalen Schreibmaschine kann die Steuerungsmaschine als Adressiermaschine oder zur Ausfertigung formularmäßiger Einzelbriefe dienen.“

Emil Schilling kannte sicher die Lochkartentechnik, die die Deutsche Hollerith-Maschinen Gesellschaft mbH und die Powers GmbH anboten; beide saßen in Berlin. Daneben erhielt er wohl Inspirationen aus dem Feld der automatischen Musikinstrumente. Seit den 1870er Jahren verbreiteten sich „elektrische Klaviere“, in die man gelochte Papierrollen einsetzte. Die Rollen wurden mit einem pneumatischen System gelesen: Wenn sich ein Loch an einer bestimmten Position befand, dann schlug die Mechanik die entsprechende Klaviertaste an.

Leider übte unser Patent keinen Einfluss auf die Computerentwicklung aus. Immerhin war der Berliner Ministerialbeamte zehn Jahre früher dran als Konrad Zuse, der seine Z1 erst 1936 zu bauen begann. Wer sich für DRP 580 675 interessiert, findet es auf der Internetseite des Deutschen Patentamts nach Eingabe von „Emil Schilling“ in das Anmelder/Inhaber/Erfinder-Feld.

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