Daten für Menschen

Geschrieben am 19.05.2016 von

Florence Nightingale ging als die große Reformerin der Krankenpflege in die Geschichte ein. Berühmt wurde sie durch ihre Tätigkeit im Krimkrieg von 1854 bis 1856. Ebenso wichtig waren ihre späteren Schriften, die mit vielen Daten und Fakten die Mängel im englischen Sanitätswesen zeigten. Dabei erwies sich Florence Nightingale auch als eine Pionierin der statistischen Grafik.

Am Anfang war Ada, das wissen alle Besucher der Ada-Lovelace-Ausstellung, die am 2. September im HNF startete und bis zum 10. Juli zugänglich ist. Neben der ersten Programmiererin befassten sich im England des 19.Jahrhunderts weitere Damen mit Zahlen und Figuren. Zu nennen sind Mary Somerville, Mary Boole, Ehefrau von George Boole, und – womit wir beim Thema wären – Florence Nightingale.

Florence Nightingale 1850 in Berlin

Florence Nightingale 1850 in Berlin

Diesen Namen verbinden die meisten sicher mit einem ganz anderen Feld. Florence Nightingale, geboren 1820 in Florenz und 1910 in London verstorben, gilt als Wegbereiterin der modernen Krankenpflege und als eine der großen Frauen der viktorianischen Ära. Ihre Erfolge basierten dabei auf einem immensen Fleiß, aber ebenso auf dem sicherer Umgang mit Daten und einem Gespür für Grafik. Sie zählt zu den bedeutendsten Statistikerinnen in der Geschichte der Wissenschaft.

Florence Nightingale wuchs als Kind der englischen Oberklasse auf und wurde von ihrem Vater William unterrichtet. Von Privatlehrern erfuhr sie auch mehr zur Mathematik. Auf dem Landsitz der Familie im südenglischen Embley Park traf sie unter anderem die fünf Jahre ältere Ada Lovelace. Ihre Berufung fand Florence, wie man weiß, in der Krankenpflege, die sie in Spitälern in Kaiserswerth und Paris erlernte. Im August 1853 übernahm sie eine leitende Position in einer Londoner Privatklinik.

Gebäude der Kaiserwerther Diakonie 1929 - Florence Nightingale wohnte links im Turm

Gebäude der Kaiserswerther Diakonie 1929 Florence Nightingale wohnte links im Turm

Im Herbst des Jahres 1854 brach Florence Nightingale mit 38 Krankenschwestern nach Skutari auf, dem heutigen Stadtteil Üsküdar von Istanbul. Hier hatte die englische Armee in einer Kaserne ein Lazarett für kranke und verwundete Soldaten eingerichtet, die im Krimkrieg gegen Russland kämpften. Das Hospital befand sich in einem erbarmungswürdigen Zustand. Zur Jahreswende 1854/55 wurden mehr als 4.000 Männer in Skutari eingeliefert, im Februar stieg die Todesrate auf 42 Prozent.

Dank ihres Organisationstalents gelang es Florence Nightingale, die Lage in Skutari entscheidend zu verbessern. Ihre Erfolge verbreiteten sich über die Presse in ihrer Heimat und ließen sie zum Mythos werden. Am 30. März 1856 endete der Krimkrieg mit einem Friedensvertrag zwischen Russland und seinen Gegnern England, Frankreich und der Türkei. Im Juli kehrte Florence Nightingale nach London zurück. Ihre Gesundheit war jedoch ruiniert. Für den Rest ihres Lebens konnte sie nur noch am Schreibtisch arbeiten.

Im Krimkrieg wurde sie als "Lady with the Lamp" im Lazarett Skutari bekannt

Die „Lady with the Lamp“ im Lazarett von Skutari wurde zum Mythos des Krimkriegs.

Das machte sie allerdings mit unglaublicher Intensität. Bestes Beispiel ist die Aufbereitung der Tätigkeit in Skutari. Die „Notes on matters affecting the health, efficiency, and hospital administration of the British Army, founded chiefly on the experience of the late war” kamen 1858 heraus und füllen 900 Druckseiten. Seit 2012 liegen ihre gesammelten Schriften in 16 Bänden vor. Ihr Nachlass zählt zu den umfangreichsten der englischen Geschichte. Aus ihrer Feder sind 14.000 Briefe bekannt.

Die große Analyse von 1858 enthält eine Fülle von Dokumenten und Daten sowie einige Grafiken. Die Polardiagramme machten Florence Nightingale unter den Statistikern bekannt; im gleichen Jahr wurde sie in die Londoner Statistische Gesellschaft aufgenommen. Das Polar- ähnelt einem Tortendiagramm, funktioniert aber anders. Seine Abschnitte sind gleich breit doch unterschiedlich lang, die Flächen stehen für die statistischen Größen. Mathematisch verwandt ist das Rosendiagramm.

Instrumente eines Chirurgen im Krimkrieg

Instrumente eines Chirurgen im Krimkrieg

Bei ihrem sozialpolitischen Wirken arbeitete Florence Nightingale mit dem Medizinstatistiker William Farr zusammen. Wichtige Erkenntnisse gewann sie zudem aus den Schriften des belgischen Forschers Adolphe Quetelet. Ihr Biograph Edward Cook nannte sie 1913 eine „passionierte Statistikerin und Sammlerin von Informationen“. Wir können ihre Verdienste nur anreißen; vielleicht gibt es zu ihrem 200. Geburtstag in vier Jahren eine Gelegenheit, ihre Arbeit mit Big Data tiefer zu durchleuchten.

Es folgen einige ihrer Diagramme, weitere finden sich in ihrer Publikation von 1858 „Mortality of the British army, at home and abroad, and during the Russian war, as compared with the mortality of the civil population in England”. Alle Bilder sind aus der Wellcome Library, London; das Eingangsbild zeigt sie als ältere Dame. Wer sie live hören möchte, kann hier eine Tonaufnahme von 1890 abrufen.

 

 

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