Der Tag als das Hashtag kam

Geschrieben am 14.12.2018 von

Hash ist das englische Wort für Gehacktes, doch hat es auch andere Bedeutungen. In der Kryptologie bezeichnet es eine Verschlüsselungsart, in der Typographie das Doppelkreuz #. Dieses finden wir häufig in der Technik und in der Informatik. Im August 2007 twitterte der amerikanische Designer Chris Messina das Kreuz mit einem Stichwort: Das Hashtag war geboren.

Sein Ursprung verliert sich im Dunkel der Geschichte. Im späten 19. Jahrhundert taucht das # auf amerikanischen Schreibmaschinen auf. Es steht bei der 3, siehe oben, heißt Hash und macht eine Zahl zur Nummer. Steht es hinter der Zahl, wird sie als Gewicht in Pfund gelesen.

In Deutschland wurde aus dem Hash das Doppelkreuz. Es fehlt auf Schreibmaschinen, doch entdecken wir es auf denen zum Rechnen. In den 1920er-Jahren erhielten Addiermaschinen der Marken Astra und Continental eine Taste mit #. Wenn man sie niederdrückte, gelangten eingetippte Ziffern nicht ins Rechenwerk, sondern erschienen nur auf dem Papierstreifen, den die Maschine ausgab. Vor der Ziffernfolge stand das Kreuzchen. Auf diese Weise konnte man etwa Kontrollnummern abdrucken.

Addiermaschine aus den 1950er-Jahren mit # und Rautetaste für Zwischensummen

In den Siebzigern brachte die Bundespost ein Tastentelefon heraus. Der Wahlblock enthielt neben den Ziffern zwei Tasten mit einem Sternchen und dem Doppelkreuz. Unverzichtbar war das # in den Keyboards der Computer; es kam in Programmiersprachen und Betriebssystem-Kommando vor. Beim 1983 gestarteten Bildschirmtext schloss das Zeichen die mit dem Stern beginnende Btx-Adresse ab. Im Internet war es umgekehrt: Hier leitete das Doppelkreuz den Namen eines Chat-Kanals ein.

Wir springen in das 21. Jahrhundert und zum Chat-Netz Freenode. Einer seiner Kanäle behandelte BarCamps, eine seit 2005 existierende Form von Technologie-Tagungen. Der Name war – man kann es sich denken – #barcamp. Im August 2007 lief dort ein Chat, und ein Teilnehmer setzte einen kurzen Tweet ab: „planner chat in #barcamp“ (Originaltext) Den Nachrichtendienst Twitter gibt es erst seit März 2006, aber die jungen Computerexperten in Kalifornien kannten ihn, und auf die erste #barcamp-Botschaft folgten vier weitere.

Einer der Erfinder des BarCamps war der in San Francisco lebende Mediendesigner Chris Messina. Er las die erwähnten Tweets und verschickte am 23. August 2007 selbst einen: „Was haltet Ihr davon, Gruppen mit # (Pfund) zu markieren. Wie in #barcamp [msg] ?“ Die Abkürzung „msg“ steht vermutlich für „message board“. Der Vorschlag fand Anklang, und ein schlauer Kopf ersann die Bezeichnung Hashtag. Was man Häschtäg ausspricht – ein „tag“ ist ein Etikett. Der historische #barcamp-Dialog ist hier abgebildet.

Hashtag-Erfinder Chris Messina im Jahr 2016 (Foto Nirzar CC BY-SA 4.0)

Zwei Monate später wurde ein Hashtag in größerer Zahl eingesetzt. Am 23. Oktober 2007 twitterte der in San Diego ansässige Netzentwickler Nate Ritter zum #sandiegofire – das Stichwort verbreitete sich schnell. Das Feuer gehörte zu einer ganzen Serie von Wald- und Buschbränden, die damals den Süden von Kalifornien heimsuchten. Sie forderten vierzehn Todesopfer. Wie man leicht auf Twitter ermitteln kann, war das Feuer nicht das letzte in der Gegend, ganz zu schweigen von den Katastrophen weiter nördlich im Herbst 2018.

Wann und wo wurden Hashtags politisch? Das vielleicht erste Beispiel war im September 2011 #occupywallstreet. Das Wort markierte Tweets zur gleichnamigen Protestbewegung. Im Januar 2013 entstand in England #shoutingback. Das Tag gehörte zu einer Internetseite, die die sexuelle Belästigung von Frauen anprangerte; es sollte sie dazu bringen, solche Fälle auf Twitter öffentlich zu machen. Am 24. Januar 2013 erwähnte eine Berliner Bloggerin das Hashtag. Einen Tag später twitterte eine Leserin ein eigenes Erlebnis.

Daraufhin schlug die Medienberaterin Anne Wizorek – sie gehört zu den Betreibern jenes Blogs – die Einführung eines Hashtags #aufschrei vor. So geschah es, und in den nächsten fünf Tagen erschienen 42.000 Tweets mit dem Kennwort. Der Freiburger Student Kristian Gäckle programmierte einen Drucker, der sie auf 690 Meter Thermopapier brannte. Seit dem 9. September 2015 steht er im Deutschen Technikmuseum Berlin. Zuvor wurden, wie im Video zu sehen, die 42.000 #aufschrei-Tweets noch einmal reproduziert.

Der #aufschrei-Drucker von 2013 im Deutschen Technikmuseum Berlin

Heute gibt es Hashtags nicht nur auf Twitter, sondern ebenso auf Instagram, Pinterest und Google+. Sie zählen den normalen Werkzeugen des Internet-Marketings. Ab und zu tauchen aber herausragende Schlagworte auf, man denke an #metoo vor einem Jahr. Zum Schluss noch ein Hinweis: Das Doppelkreuz wird gelegentlich auch Raute genannt, doch möchten wir diesen Ausdruck dem symmetrischen Viereck vorbehalten.

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Ein Kommentar auf “Der Tag als das Hashtag kam”

  1. Gabriele Sowada sagt:

    Ich habe „Nummernzeichen“ als Bezeichnung für das „#“ gelernt. Nicht im Alltagsleben, sondern vermutlich während meiner Ausbildung zur Mathematisch-Technischen Assistentin (1969-1971). Von Menschen, die mit Mathematik zu tun hatten und sich weigerten, „Raute“ dazu zu sagen, weil sie wussten, wie eine Raute aussieht. Im Laufe meines Berufslebens habe ich viele mehr oder weniger ernst gemeinte Diskussionen zum Thema erlebt. Die Befürworte von „Raute“ führten immer an, dass die Bezeichnung „Raute“ doch so viel kürzer sei als „Nummernzeichen“, und dass schließlich eine Raute drin sei, im „#“, in der Mitte. 😉

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