Du lebst nur zweimal

Geschrieben am 12.06.2018 von

Vor zehn Jahren galt Second Life als die Zukunft des Internets. Damals wohnten vierzehn Millionen Nutzer als „Avatare“ in der virtuellen Welt des amerikanischen Linden Lab. Viele kamen aus Deutschland. Inzwischen ist es um das soziale Netz still geworden, doch ist es noch immer in Betrieb. Offiziell eröffnet wurde Second Life am 23. Juni 2003.

“Heute stellte das Linden Lab Second Life vor, eine schnell wachsende und sich ständig ändernde 3D-Onlinegemeinschaft, die allein von ihren Bürgern gestaltet wird. Sie verbindet fortschrittliches Echtzeit-Streaming mit modernster Datenkompression und erzeugt eine dauerhafte und vollständige Landschaft. Ihre Bewohner finden neue Welten des Erlebens, des Zusammenseins, der Kreativität, der Selbstverwirklichung und des Vergnügens.“

So begann vor fünfzehn Jahren, am 23. Juni 2003, die Existenz des sozialen Netzwerks Second Life. Urheber der Pressemitteilung war die Linden Research Inc.; sie saß seit 1999 in San Francisco und nannte sich im Geschäftsleben Linden Lab. Gründer und Chef der Firma und Erfinder der zweiten Welt war Philip Rosedale. 1968 in San Diego geboren, studierte er hier Physik und Informatik. 1995 entwickelte er ein Videokonferenzsystem und arbeitete kurze Zeit für das Technikunternehmen RealNetworks in Seattle.

Philip Rosedale (Foto Nieshka Rutherford CC BY-SA 3.0)

Second Life gehört zu den virtuellen Welten mit ebensolchen Bewohnern, den Avataren. Sie werden vom Computerbenutzer gestaltet und gesteuert. Der Nutzer kann außerdem andere Avatare ansprechen. Er muss natürlich eine Software besitzen, welche die Lebenswelt der Geschöpfe erschafft und via Netz Kontakt zu den menschlichen Mitspielern halten. Als erste virtuelle Welt gilt das Spiel Habitat, das 1986 in den USA herauskam. Gespielt wurde es mit dem Commodore C64 im damaligen Netz, also noch mit Telefon und Akustikkoppler.

Nach Einführung des World Wide Web kamen bald neue virtuelle Universen hinzu. 1995 erschienen die amerikanischen Active Worlds, 2001 öffneten die jugendorientierte Habbo Hotels in Europa. Im gleichen Jahr begannen Philip Rosedale und seine Kollegen mit der Arbeit an der virtuellen LindenWorld. Sie wurde dann in „Second Life“ umbenannt und ab Herbst 2002 mit einer beschränkten Teilnehmerzahl getestet. Im April 2003 machte das Linden Lab die Betaversion des Systems öffentlich; am 23. Juni erfolgte der offizielle Start.

Fünf Tage zum Testen waren gratis, danach kostete die Nutzung pro Monat 14,95 Dollar; ein lebenslanges Leben gab es für 225 Dollar. Erforderlich waren ein Windows-Betriebssystem, eine leistungsfähige Videokarte und eine DSL-Verbindung ins Netz. Wer nun zehn Megabyte Linden-Lab-Software herunterlud, konnte sich damit einen zwei- oder vierbeinigen Avatar zusammenstellen und einen Namen auswählen; Nachnamen standen auf einer Liste, Vornamen waren frei wählbar. Und anschließend konnte Life 2.0 beginnen.

Zwei deutsche Second-Life-Bücher aus dem Jahr 2007

Die erste Erwähnung in der deutschen Presse finden wir im Dezember 2003. Der SPIEGEL berichte vom Second Life und von der vier Monate später gestarteten Virtualwelt There. Während diese eher als Flirt-Paradies wirkte, bot das zweite Leben dank der trickreichen Architekturprogramme ein Spielgelände, „das sich nach Belieben füllen lässt mit selbst entworfenen Prachtbauten und Parkanlagen“. Zitat aus dem Artikel: „Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt. Wer will, darf auch gern Segelschiffe aus eigener Fabrikation auf den künstlichen Gewässern aussetzen.“

Als Eingangsbild haben wir das Alt-Berlin (CC BY-SA 3.0) von Second-Life-Bewohner Jo Yardley  gesetzt – das Hochhaus hinten bitte wegdenken. Und während die Partyzone von „There“ in die Krise geriet, ging es der Baumeisterwelt der Linden Labs stetig besser. Ende 2003 erhielt sie den auf Bäumen wachsenden Linden-Dollar; 2005 konnte man die Währung regulär tauschen und gutes Geld verdienen, vor allem durch Grundstücke. Ein Jahr später meldete sich die erste Second-Life-Millionärin Anshe Chung, im wahren Leben Ailin Gräf.

Am 18. Oktober 2006 betrat der millionste Bewohner die Flachwelt des Second Life und schickte eingetippte Botschaften an die anderen. Mittlerweile war das Anmelden gratis, doch brachten Dollars viele Vorteile. 2007 wurde zum Erfolgsjahr. Der SPIEGEL ehrte das Spiel mit einer Titelgeschichte und einem Tagebuch, Firmen und Hochschulen unterhielten Filialen, Bücher wurden veröffentlicht. Einen guten Eindruck von der goldenen Ära vermittelt die Dokumentation Mein wunderbares Ich; ein Kurzfilm läuft auf YouTube.

Auch der amerikanische Wetterdienst NOAA agierte im Second Life.

2008 zählte Second Life 200.000 Besuche pro Tag und 14 Millionen eingetragene Benutzer. 2013 verkündete das Linden Lab zum zehnten Geburtstag 36 Millionen, wobei es aber alle Ex-User mitzählte. Gründer Philip Rosedale hatte das Unternehmen schon 2010 verlassen; er betreibt heute die Virtual-Reality-Firma High Fidelity. 2017 sollen zwischen 600.000 und 900.000 Linden-Kunden ein zweites Mal gelebt haben. In jenem Jahr brachte das Magazin Atlantic einen nostalgischen Artikel; 2014 und 2015 schilderten deutsche Reporter ihre Erlebnisse in der untergehenden virtuellen Welt.

Die gibt es jedoch noch, und sie weiß 15 Gründe, um den 15. Geburtstag zu feiern. Wir wünschen auch schon Happy Birthday und verweisen zum Schluss auf das umfangreiche Bild- und Textmaterial im Internet. Dazu gehören Bilder auf Flickr und Wikimedia, mehr als 10.000 Wiki-Beiträge und ein YouTube-Video von 2009. Es zeigt den Avatar von Philip Rosedale in der bunten Second-Life-Ästhetik. Ein Hinweis für Online-Archäologen:  Die Konkurrenzwelt There existiert ebenfalls noch und wartet auf Gäste.

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