Two_women_operating_ENIAC-

ENIAC auf Deutsch

Geschrieben am 13.02.2026 von

Am 15. Februar 1946 schenkte die US-Armee den „Electronic Numerical Integrator and Computer“ ENIAC der Universität von Pennsylvania in Philadelphia. So gelangte eine der größten Erfindungen des 20. Jahrhunderts an die Öffentlichkeit, der frei programmierbare digitale Elektronenrechner. Wir kennen ihn auch als Computer. Im Folgenden untersuchen wir, was zu ihn in der deutschsprachigen Presse stand.

Anfang 1946 versuchten die Deutschen in Ost und West vor allem durch den Winter zu kommen. Daneben lasen sie die Zeitung und schauten sich die Wochenschau im Kino an. Sie berichtete damals schon über ein teilweise elektronisches Rechengerät, den Rockefeller Differential Analyzer. Wie verhielt es sich aber mit dem digitalen ENIAC, der am 15. Februar 1946 enthüllt wurde ? War das Ereignis – wir haben es im Blog ausführlich geschildert – den Menschen in den vier deutschen Besatzungszonen bekannt?

Die Antwort lautet: vermutlich nicht. Die „Deutsche Digitale Bibliothek“ kennt nur einen Hinweis vom März 1946 aus der deutschsprachigen New Yorker Zeitung Aufbau; er steht links oben auf der Seite. Laut einem SPIEGEL-Beitrag von 1952 erzählte auch eine deutsche Tageszeitung 1946 vom ENIAC. Es wäre möglich, dass eine solche Meldung ursprünglich von der Nachrichtenagentur DANA kam, die vom hessischen Bad Nauheim aus die Presse in der US-Zone versorgte. Belege für einen Abdruck fanden wir jedoch keine.

Dagegen führt die Seite ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek einen ENIAC-Artikel vom 2. April 1946 an. Er erschien im Wiener Kurier unter amerikanischer Aufsicht. Eine Maschine mit „Gehirn“ startete mit dem Schnellrechner im Varieté, danach erklärte der Autor den Namen, die Eigenschaften und die Funktionsprinzipien des ENIAC. Er erwähnte außerdem den Relaiscomputer von Howard Aiken in der Universität Harvard. Als Quelle diente der Amerikanischen Nachrichtendienst AND; das war kein Geheimdienst, sondern eine Presseagentur.

Der erste ENIAC-Artikel in deutscher Sprache? Unten haben wir ein Stück abgeschnitten. Der andere Artikel behandelt das EEG. Bitte zum Vergrößern anklicken! (Foto ANNO)

Das nächste ENIAC-Portrait in deutscher Sprache stand am 24. Oktober 1946 in der Zeitung Der Bund aus Bern. Es füllte eineindrittel Seiten und trug den Titel „Die Entwicklung der elektronischen Rechenmaschine, deren Arbeitsweise und Anwendungsgebiete“. Im Text finden wir auch ein bekanntes ENIAC-Foto mit den Urhebern John Presper Eckert und John Mauchly. Der Verfasser, der Technikjournalist André Lion, wurde 1895 in Hamburg geboren, später zog er nach Berlin. 1936 emigrierte er in die USA; er starb 1971 in New York.

Sein Artikel von 1946 begann wie folgt: „Die erste vollkommen elektronische, für alle denkbaren Zwecke brauchbare Rechenmaschine ist in den letzten Jahren des Krieges in den Vereinigten Staaten gebaut worden. Die Maschine wird vermutlich die angewandte Mathematik der Ingenieurwissenschaften umwälzend beeinflussen und viele industrielle Entwurfs-Verfahren, die heute nur mangels besserer als ausreichend angesehen werden, grundlegend ändern. Und sie wird wahrscheinlich den Fortschritt auf vielen Gebieten der Wissenschaft beträchtlich beschleunigen.“

Das kann man wohl sagen! Eine Woche nach Erscheinen von André Lions Artikel trafen sich in einem Londoner Hotel 450 Mitglieder und Freunde der British Institution of Radio Engineers BIRE (heute IERE). Man feierte den 21. Gründungstag der Vereinigung und übertrug die Präsidentschaft an den Admiral und Kriegshelden Viscount Mountbatten of Burma, besser bekannt als Lord Mountbatten. Er interessierte sich für Funktechnik und Elektronik, was seine Dankesrede deutlich macht – bitte PDF-Seite 5 aufsuchen.

Lord Louis Mountbatten (1900-1979), aufgenommen im Zweiten Weltkrieg

Auf den PDF-Seiten 7 und 8 stehen seine Äußerungen zum „Electronic Brain“, zum ENIAC und zum Memex des amerikanischen Ingenieurs Vannevar Bush. Sie gelangten gleichfalls in die Schweiz, sprich in die Berner Tagwacht und die Freiburger Nachrichten. Weitere Artikel brachten französischsprachige Zeitungen. Die „Neue Zürcher Zeitung“ hielt sich zurück, sie schrieb erst am 21. Mai 1947 über ENIAC- und ACE-Rechenmaschinen. Das zweite Kürzel meinte das englische Computerprojekt, an dem unter anderem Alan Turing mitwirkte.

Mountbatten, ENIAC und ACE landeten schon am 22. November 1946 in der Weltpresse; diese Zeitung erschien unter britischer Kontrolle in Wien. Der betreffende Artikel hatte den Titel „Eniac“ – das automatische Gehirn. Der Redakteur oder seine Quelle verwechselte allerdings Turings Maschine mit einem System, das der Computerpionier Andrew Booth im Londoner Birkbeck College entwickelte. Das Foto im Text zeigt wahrscheinlich seine junge Assistentin Kathleen Britten, die er 1950 heiratete.

Eine frühe Erwähnung des ENIAC in Bayern erfolgte 1948 in dem Magazin „Das Elektron in Wissenschaft und Technik“. Die Elektrotechnische Zeitschrift schrieb im April 1949 über ihn. Konrad Zuse erfuhr 1946 oder 1947 von seiner Existenz, hielt ihn aber für einen digitalen Differentialanalysator. In seinem Nachlass liegt die Abschrift eines „Newsweek“-Artikels vom Februar 1946, die er wohl in den späten 1950er-Jahren erstellte. Am Schluss bleibt uns die Erkenntnis, dass die historische Überlieferung manchmal kuriose Wege geht.

Unser Eingangsbild zeigt den ENIAC vor achtzig Jahren mit den Programmiererinnen Betty Jennings (links) und Frances Bilas. Hier geht es zur Geburtstagsfeier, und das ist der Link zum WDR-Zeitzeichen, das am Sonntag um 9.45 Uhr auf WDR 5 an den Computer erinnert.

Die kurzlebige Münchner Zeitschrift „Das Elektron in Wissenschaft und Technik“ schilderte den ENIAC und andere Elektronenrechner im August-Heft 1948 auf den Seiten 171 und 172.

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Ein Kommentar auf “ENIAC auf Deutsch”

  1. Stu Savory sagt:

    Wann haben die DEutschen über Colossus erfahren ?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Wir stellen diese Frage, um Menschen von Robotern zu unterscheiden.