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Es lebe der Pappcomputer

Geschrieben am 20.10.2026 von

1969 landeten die ersten Menschen auf dem Mond. In Kalifornien startete das ARPANET, das zu unserem Internet führte. Der Aulis Verlag in Köln brachte im selben Jahr das Buch „Wir bauen einen Computer“ heraus; es enthielt laut Untertitel eine Bauanleitung und Programme für eine einfache Denkmaschine. Verfasst hatte es der Lehrer und Schriftsteller Alexander Stüler.

Eigenbau-Computer sind nicht neu. 1936 beschrieb der englische Mathematiker Alan Turing die nach ihm benannte Maschine, die mit Schere und Papier zu realisieren war und jede beliebige Rechnung ausführte. 1968 erfanden die beiden  Amerikaner David Hagelbarger und Saul Fingerman den CARDIAC aus dünner Pappe. Im gleichen Jahr erschien in Stuttgart als Plastik-Bausatz der Spielcomputer LOGIKUS.

Das Grundbrett des Pappcomputers mit dem verschiebbaren Speicher

1969 veröffentlichte die Kölner Aulis Verlag Deubner & Co KG ein Büchlein mit 92 Seiten und im Postkarten-Format. Titel: „Wir bauen einen Computer“.  Es enthielt, so der Untertitel, eine Bauanleitung und Programme für eine einfache Denkmaschine. Sie bestand aus Pappe und Papier; wer sie zusammenklebte, erhielt ein Gebilde mit dreißig Zentimetern Breite und 17 Zentimetern Länge. Über das Grundbrett und der darüber liegenden Deckplatte erhob sich ein Pult mit zwei Fenstern und fünf Zentimetern Höhe. Die Denkmaschine war namenlos, wir möchten sie einmal Pappcomputer nennen.

Alexander Stüler, der Buchautor und Erfinder des Pappcomputers, wurde 1896 in München geboren. Seine Mutter Marie Stüler-Walde war Malerin und Illustratorin und Großnichte des Architekten Friedrich August Stüler. Sein Vater Ephraim Moses Lilien machte sich einen Namen als zionistischer Grafiker. Zur Hochzeit kam es nicht. Stüler arbeitete als Lehrer und dann  in einem Verlag für schulische Wandbilder in Stuttgart, daneben schrieb er Ratgeber für Fotografie und Amateurfilm. In den 1950er-Jahren verfasste er ein psychologisches Buch „Es geht um Deinen Kopf“. Er starb 1974 in Bayersoien (heute Bad Bayersoien).

Auf dem Speicher liegen die ebenfalls verschiebbaren Wähler.

Wie funktioniert unser Computer? Zwischen dem Grundbrett und dem aufgeklebten Pult und der darüber und davor sitzenden Deckplatte bleibt etwas freier Raum. Hier befinden sich drei aufeinander liegende Elemente aus Papier. Das sind der Speicher und zwei Wähler; der erste weist ein hohes und der zweite drei breite Fenster auf. Die Papiere besitzen Zungen, die durch Schlitze in der Platte herausragen. Mit den Zungen kann man sie unabhängig voneinander nach rechts oder links schieben.

Vor dem Start eines Rechenprogramms legt man den Eingabestreifen auf die Deckplatte. Er hat, wie im Eingangsbild zu sehen, ebenfalls Schlitze; so kann man die Zungen der Wähler festhalten und diese auf zwei Positionen setzen. Auf bis zu sechs Positionen lässt sich der Speicher einstellen; seine Zunge erkennt man vorne im Gerät. Auf dem Speicher und unter der Deckplatte sitzt der Ausgabestreifen. Er enthält das Ergebnis der Rechnung, das in einem der Fensterchen erscheint. Der Pappcomputer ist blitzschnell, nach dem Input lässt sich sofort der Output ablesen.

Die Deckplatte des Computers mit Schlitzen und Fenstern

Der Computer rechnet aber nicht, er bietet nur mehrere Resultate an, aus denen der User eins herauspickt. Ein Beispiel ist die Wettervorhersage. Der Benutzer schiebt den Speicher und mit ihm den Ausgabestreifen auf „Sommer“ oder „Winter“. Den Luftdruck-Wähler und den für die Temperatur platziert er entweder auf „steigt“ oder auf „sinkt“. Darauf wird im Fenster eine von drei Prognosen freigegeben, „Schön“, „Schlecht“ oder „Veränderlich“. Die Intelligenz des Pappcomputers steckt im System und folgt nicht aus einem Algorithmus.

Alexander Stüler tüftelte eine Vielzahl von Programmen aus, sie füllen im Büchlein mehr als fünfzig Seiten. Er erweiterte außerdem den Pappcomputer durch eine vierte Schablone, die eine Seite des Ausgabefensters abdeckte. Weitere Details bringt diese Internetseite, die auch einen Link zum HNF-Blog enthält. „Wir bauen einen Computer“ ist wohl nicht mehr im Handel, es liegen aber einige Exemplare in deutschen Bibliotheken. 1972 erstellte Stüler die Fortsetzung „Eine kluge Box“, doch ein Pappcomputer sollte für die Welt ausreichen.

Der komplette Pappcomputer; es fehlt nur noch der Eingabestreifen.

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