Galaksija – der Selbstbau-Computer aus Belgrad

Geschrieben am 27.11.2020 von

Computer gab es auch in Jugoslawien, nicht nur Großrechner, sondern ebenso die kleinen mit Acht-Bit-Prozessoren. Sie waren aber teuer und schwer erhältlich. Das änderte sich im Dezember 1983. Damals erschien ein Sonderheft des Wissenschaftsmagazins „Galaksija“ über Computer für private Nutzer. Es brachte die komplette Bauanleitung für einen Einplatinenrechner. Entwickelt hatte ihn der Journalist Vojislav Antonić.  

Es ist schon eine Weile her. In den 1980er-Jahren gab es im südöstlichen Europa die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien mit der Hauptstadt Belgrad. Sie zählte zu den blockfreien Staaten; im Vergleich zu anderen kommunistischen Ländern genossen ihre Bürger eine Menge Freiheiten. Sie hatten aber keine freie Marktwirtschaft, und das wirkte sich auf den Bezug von Computern aus.

In Jugoslawien lief Hardware aus dem Westen und solche eigener Produktion. In den Achtzigern wurden mehrere Mikrocomputertypen hergestellt; eine Übersicht bietet die englische Wikipedia. Sie kamen aber nicht in den offenen Handel. Ausländische Systeme waren teuer, ihre Einfuhr unterlag strengen Kontrollen. Computerfreunde legten ihr Geld zusammen und erwarben gemeinsam einen Rechner; andere bestellten ihn in Einzelteile zerlegt, um den Zoll zu überlisten. Chips und Bauelemente waren jedoch erhältlich.

Ein „Galaksija“-Heft vom Mai 1977 (Foto Once Upon a Time in Yugoslavia CC BY-SA 2.0)

Im Sommer 1983 machte der Journalist und Elektronikbastler Vojislav Antonić Urlaub in Montenegro. Dort las er das Handbuch für einen Mikroprozessor der US-Firma RCA. Das brachte ihn auf eine Idee: Könnte man nicht um einen Prozessor herum einen Computer bauen und die Bauanleitung allen Interessierten zur Verfügung stellen? Nach der Rückkehr in seinen Wohnsitz Belgrad machte sich Voja – so wurde er meist genannt – an die Arbeit. In konzentriertem Tüfteln entstand ein Einplatinenrechner mit dem Z80-Chip von Zilog.

Über einen Bekannten kam  Antonić in Kontakt mit Jova Regasek. Er leitete das Belgrader Magazins „Galaksija“, eine Kombination von Wissenschaftszeitschrift und Science-Fiction-Heft, das monatlich erschien; hier ist eine Auswahl von Titelbildern. Regasek plante eine Sondernummer über Computer und suchte dazu Beiträge; der Selbstbau-Rechner von Voja Antonić passte wunderbar zum Thema. Auf diesem Foto sieht man die beiden beim Zusammenlöten – Regasek ist der Herr mit Bart.

Voja Antonić heute (Foto Geologicharka CC BY-SA 3.0)

Im Dezember 1983 hing an allen Kiosken računari u vašoj kući aus, zu Deutsch „Computer in Ihrem Haus“; der Herausgeber war der zwanzigjährige Technikautor Dejan Ristanović. Das Cover der Zeitschrift zierte der Galaksija; zur Feier des Tages erhielt Voja Antonićs Rechner ein schmuckes Plastikgehäuse. Im Inneren des Heftes fanden sich detaillierte Schaltpläne des Computers, ausführliche Anleitungen für den Zusammenbau und eine Fülle von Bezugsadressen für die Einzelteile.

Die jugoslawischen Computerfreaks konnten ihr Glück kaum fassen. Die 30.000 Magazine im Handel waren im Nu ausverkauft; man druckte Neuauflagen, am Ende wurden 120.000 Exemplare abgesetzt. Mindestens 8.000 Galaksijas wurden gebaut. Neben dem Z80-Prozessor besaßen sie Read-Only-Speicherchips von sechs bis zehn Kilobyte und einen Arbeitsspeicher zwischen zwei und sechs Kilobyte. Letzterer ließ sich bis auf 54 Kilobyte erweitern. Daneben gab es noch eine Magnetbandkassette.

Ein unverkleiderter Galaksija (Foto Mitch Altman CC BY-SA 2.0)

Der Galaksija wurde mit einem BASIC-Dialekt programmiert. Er zeigte Texte und drei dicke Fehlermeldungen an, „What ?“, „How ?“ und „Sorry“. Die Grundversion bestand aus der Hauptplatine und der darin integrierten Tastatur; nach einiger Zeit erschien auch eine rundum verkleidete Version. 1985 folgte der leistungsgesteigerte Galaksija Plus. Die zwei Modelle bildeten dann die Basis der jugoslawischen Mikrocomputerszene. Als Ableger der Zeitschrift „Galaksija“ kam ein neues Computermagazin „računari“ auf den Markt.

Das Interesse der Öffentlichkeit an den neuen kleinen Rechnern führte zu einer Lockerung der Importkontrollen und zur Zufuhr von westlichen Geräten. Allmählich geriet der Galaksija in Vergessenheit, doch heute ist er wohl der Computer der Herzen in Serbien und anderen ehemaligen jugoslawischen Ländern. Hier geht es zu einem deutschen Artikel zum Gerät und einem Interview mit Voja Antonić (S. 14/15), und hier erklärt er seine Schöpfung im Video. Unser Eingangsbild zeigt einen Galaksija aus dem Wissenschafts- und Technikmuseum Belgrad.

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