Gauner, Gelder und Computer

Geschrieben am 24.03.2020 von

Günter Wagner war vielleicht die schillerndste Figur der deutschen IT-Geschichte. 1963 gründete der promovierte Ingenieur in Berlin eine Firma für digitale Messtechnik; 1969 verkaufte er sie mit Gewinn. Danach begann er, Computer und Lehrmaschinen zu bauen. Die Finanzierung war abenteuerlich. Seine Unternehmen lösten sich schließlich in Luft auf. Ebenso verschwanden die Einlagen der Investoren.

Das einzige Foto, das wir von ihm kennen, erschien Anfang 1973 im SPIEGEL. In der PDF-Datei des Artikels sehen wir ihn an einem Computer oder Computer-Terminal, drei stehen hinter ihm. Damals war Günter Wagner 38 Jahre alt und wohnte in West-Berlin; dort besaß er eine Firma für Elektronenrechner. Er suchte Kapital und fand es auch; so begann eine der erstaunlichsten Episoden der jüngeren deutschen IT-Geschichte.

Günter Wagner, Jahrgang 1934 und Doktor der Ingenieurwissenschaften, startete seine erste Firma im Juni 1963. Dazu reichten ihm 6.000 DM Eigen- und 5.000 DM Fremdkapital. Die Wagner Digital Elektronik GmbH baute, wie der Name andeutete, digitale Messgeräte. Sie erlebte einen rasanten Aufstieg; 1969 hatte sie 250 Beschäftige und erzielte acht Millionen DM Umsatz. Wagner verkaufte dann das Unternehmen an die Frankfurt Hartmann & Braun AG; sie zahlte ihm dafür drei Millionen Mark.

Das Geld steckte Wagner sofort ins nächste Projekt, die Wagner Computer GmbH. Der zugehörige Computer kam von drei ehemaligen Ingenieuren der AEG. Sie hatten einen Prozessrechner entwickelt und gründeten zunächst eine Firma namens Microdata. Günter Wagner übernahm sie für 20.000 DM und brachte den Rechner unter dem Namen WAC 12 heraus. Der Preis betrug 26.000 Mark. Mindestens 25 Exemplare wurden abgesetzt; eins ist im Eingangsbild zu sehen (Foto Felix Winkelnkemper CC BY-SA 2.0 seitlich beschnitten).

Das zweite Wagner-Produkt war der Educator, eine Erfindung des Berliner Ingenieurs und Kybernetikers Uwe Lehnert. Es zählte zu den damals populären Lehrautomaten und bot ein interaktives Programm mit Dias und Informationen von einem Tonband. Bis zu sechzehn Automaten wurden von einem WAC-12-Rechner gesteuert. Nähere Informationen zum Educator und zu ähnlichen Geräten finden sich in einer Bakkalaureatsarbeit, die Christina Thomas 2006 in Dresden schrieb.

Anzeige für den Educator von 1972. (Foto Humboldt-Universität zu Berlin)

Günter Wagner wollte nun auch richtige Computer fertigen. 1972 erschien im SPIEGEL – bitte die zweite PDF-Seite aufschlagen – eine Anzeige, die für die Modelle WAC 40 und WAC 400 warb. Die Rechner gehörten zur mittleren Datentechnik, wie sie Heinz Nixdorf in Paderborn realisierte. Das große CC-Computerarchiv verzeichnet Wagner-Systeme in den Jahren 1972, 1973 und 1974 – der Download dauert etwas, die Datenleitung ist nicht die schnellste. Jene Maschinen sind weitgehend vergessen, doch es gab sie wirklich.

Wagner merkte allerdings, dass das Kapital für Start-ups nicht auf der Straße lag. Er leitete deshalb eine originelle Geldbeschaffung ein. An der Hanseatischen Wertpapierbörse in Hamburg wurden noch Aktien aus der Kaiserzeit notiert. Sie kamen von einer Gesellschaft, die einst in der deutschen Afrika-Kolonie Kamerun eine Eisenbahn baute und betrieb. Günter Wagner erwarb so viele Anteilscheine, wie er nur konnte; 1972 entstand auf diese Weise die Kamerun-Eisenbahn-Gesellschaft – Wagner Computer AG.

Der Kurs ihrer Aktie schoss in die Höhe, doch die Banken schöpften Verdacht. Der Handel stoppte, der Traum vom Geld platzte. 1973 fand Günter Wagner einen Freund in der Not: Ulf Cloppenburg, einen Spross der Düsseldorfer Textildynastie. Er erwarb für 36 Millionen DM Wagner-Aktien. Den Hauptteil der Finanzierung leisteten aber Tausende Kommanditisten. Um Steuern zu sparen, steckten sie bis 1975 rund 130 Millionen DM in das Firmengeflecht des Computerbauers. Unbekannt ist, wo ihre Gelder am Ende landeten.

Schon im März 1974 erschien die Polizei bei Günter Wagner, um Büros zu durchsuchen. Die ZEIT sprach damals von „Wagners Götterdämmerung“. Am 12. Februar 1975 nahm die Polizei ihn mit. Er wanderte in Untersuchungshaft, der Prozess wegen diverser Wirtschaftsdelikte begann im Juni 1976 vor der Fünften Großen Strafkammer des Landgerichtes Berlin. Im Januar 1978 wurde Günter Wagner zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Im August 1979 hob der Bundesgerichtshof das Urteil wieder auf.

Mit solchen Aktien wollte Günter Wagner seine Computerfirmen finanzieren.

Aus den 1980er-Jahren ist nichts zu Günter Wagner überliefert. In den Neunzigern wurde er erneut aktiv. Mit einer Hanseatischen Aktiengesellschaft HAG wollte er umweltfreundliche Kraftwerke errichten. 22.500 Anleger investierten über 400 Millionen DM. Es wurden zwölf Kraftwerke gebaut oder umgebaut. 1997 ging das Unternehmen aber in Konkurs und mit ihm die Muttergesellschaft Euro-Kapital. 1999 folgte die mit der HAG verknüpfte Firma C.S.T. Umwelttechnik. Den Gläubigern blieben in der Regel nur schöne Anteilscheine.

Wagners letzte Insolvenz dürfte 2002 die Berliner Internet Media AG gewesen sein. Die von ihr herausgegebene Zeitschrift Mein Geld existiert nach wie vor. Ob es Günter Wagner noch gibt, wissen wir nicht. Im Telefonbuch seines letzten Wohnorts Davos ist sein Name nicht verzeichnet. Wir danken Dr. Jan Claas van Treeck (HU Berlin) für das Bild des Educators und die Genehmigung, es im Blog verwenden zu können.

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Ein Kommentar auf “Gauner, Gelder und Computer”

  1. Ulrich Klotz sagt:

    Das ist eine schöne Geschichte. Sie weckt alte Erinnerungen. Zum Vordiplom
    an der TU (West-)Berlin war (ca 1972) das Thema meiner Studienarbeit der Bau eines Lehr-Automaten für CUU (Computer Unterstützter Unterricht). Das war auch so eine Kiste mit integriertem Diaprojektor für Multiple Choice Tests. Irgendwo habe ich auch noch Bücher der Nixdorf Computer AG zum Thema CUU. Ach ja, das waren Zeiten…

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