In memoriam Bernard Weiner (1891-1942)

Geschrieben am 20.11.2018 von

Der erste Computer, Konrad Zuses Z3, arbeitete 1941 mit Relais. Schon vorher wurden diese für Berechnungen in der Lochkartentechnik eingesetzt. 1923 meldete der Prager Ingenieur Bernard Weiner eine relaisbestückte Rechenmaschine zum Patent an. Seine deutsche Patentschrift umfasste 128 Seiten. Später versuchte er vergeblich, die Erfindung zu realisieren. 1942 starb er mit seiner Familie im Holocaust.

Als Bernard Weiner am 21. Januar 1891 zur Welt kam, sah diese anders aus als heute. Sein Geburtsort Mirovice lag 70 Kilometer südlich von Prag, er gehörte aber zur österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Weiner dürfte Deutsch wie Tschechisch gesprochen haben. Er studierte in Wien und Prag, vermutlich technische Fächer. Während des Ersten Weltkriegs war er Soldat und kämpfte wie viele böhmische Landsleute für Österreich.

Beim Militär beschäftige ihn ein Konzept, das später einen Platz in der Ahnengalerie des Computers erhielt: ein mit Relais arbeitendes automatische Rechengerät. Nach Kriegsende lebte Bernard Weiner in Prag. Hier arbeitete er seine Erfindung weiter aus, er soll auch ein Modell gebaut haben. Am 8. November 1923 reichte er gleich zwei Patentanmeldungen für eine elektrische Rechen- und Schreibmaschine ein. Die tschechische trägt die Nr. 30.571, die sehr viel längere deutsche Anmeldung hat die Nr. 458.481.

Das tschechische Patent wurde am 15. Juni 1929 gewährt, das deutsche schon am 22. März 1928. Mit seinen 104 Patentansprüchen und 36 Zeichnungen umfasst es 128 Seiten, sicherlich Weiners Hauptwerk. Man findet es in der Datenbank des Patentamts durch Eintippen von „DE458481“ in die oberste Zeile der Suchmaske. In den Dokumenten heißt der Erfinder sowohl Bernhard als auch Bernard Weiner; wir benutzen hier die zweite Schreibweise ohne h.

Das Patent von 1923 dürfte eines der ersten für eine wissenschaftliche Rechenmaschine gewesen sein. Weiners Gerät beherrschte – die Realisierung vorausgesetzt – nicht nur die vier Grundrechenarten für positive und für negative Dezimalzahlen. Es zog ebenso Quadrat- und Kubikwurzeln und berechnete Potenzreihen. Damit konnte man es für Logarithmen und für trigonometrische Funktionen einsetzen, also für anspruchsvolle Mathematik.

Richtig mechanisch arbeitet in Weiners Rechenmaschine nur die Ein- und Ausgabeeinheit. Die Zeichnung unten zeigt ein Doppel-Relais.

Dies alles wollte Weiner mit einem Minimum an Mechanik erreichen. Die Operationen seiner Rechenmaschine spielten sich in einem Netzwerk von Kabeln und Relais ab. Das Patent spricht von aufeinander folgenden Rechnungsphasen, in den Zeichnungen sucht man jedoch vergeblich nach einer mechanischen Programmsteuerung. Das Eintippen einer Aufgabe setzt stattdessen Gruppen von Relais in Tätigkeit, die andere Relais aktivieren, bis endlich eine automatische Schreibmaschine das Resultat tippt.

Könnte die 1923 beschriebene Rechenmaschine tatsächlich funktionieren? Bernard Weiner arbeitete vor dem 2. Weltkrieg in den Eisenwerken von Vítkovice – der Ort liegt im Osten Tschechiens – an der Realisierung seiner Idee. Wie weit er kam, ist unbekannt. Überliefert sind noch Patente für Relais, für die Herstellung von Glas und für ein Rechenspielzeug. Eine englische Anmeldung vom Mai 1939 gab als Weiners Heimat das Protektorat Böhmen und Mähren an, das von den Deutschen kontrollierte tschechische Staatsgebilde.

Zu jener Zeit entstand in Amerika ein relaisbestückter Rechenautomat, der „Complex Number Calculator“ von George Stibitz. 1940 wurde er, wie im Blog geschildert, über eine große Distanz online bedient. Mit Relais addierten und multiplizierten ebenso Tabelliermaschinen für Lochkarten. Am 12. Mai 1941 führte Konrad Zuse in Berlin den ersten Relaiscomputer vor. Auf seine Z3 und Z4 folgten in den 1950er-Jahren die Z5 und die serienmäßige Z11. Auch der erste tschechische Computer SAPO rechnete 1957 elektromagnetisch.

Bernhard Weiner erlebte das nicht mehr. Er war Jude, am 4. September 1942 wurde er aus Prag ins fünfzig Kilometer entfernte Konzentrationslager Theresienstadt deportiert; vier Tage später begann die nächste Fahrt. Ziel war die Vernichtungsstätte Maly Trostinez im deutsch besetzten Weißrussland. Der Zug traf am 11. oder 12. September ein; Weiner wurde wohl gleich nach der Ankunft ermordet. Zusammen mit ihm starben seine Frau Malvina und sein jüngster Sohn Jiri. Sein Sohn Heřman und die Tochter Anna kamen später in Auschwitz und in Treblinka um.

Das Erinnerung an die tschechischen Opfer des Holocaust hält die Theresienstädter Initiative wach. In ihrer Datenbank gibt es auch eine Seite zu Bernard Weiner. Sie zeigt Unterlagen aus dem Nationalarchiv in Prag, darunter einen Brief seiner amerikanischen Patentanwälte. Unser Eingangsbild stammt aus Weiners großen Patentschrift, aus der leider keine lauffähige Rechenmaschine wurde. Das Foto unten ist aus den späten 1930er-Jahren. Wir bedanken uns beim Nationalarchiv der Tschechischen Republik und beim Institut Theresienstädter Initiative für die Unterstützung.

Foto Národní archiv, Policejní ředitelství Praha II – všeobecná spisovna 1931–1940, sign. V 1450/6, kart. 11 859. Das Foto wurde digitalisiert vom Institut Theresienstädter Initiative.

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