In memoriam Richard Montague (1930-1971)
Geschrieben am 06.03.2026 von HNF
Die gesammelten Werke von Richard Montague umfassen weniger als dreihundert Seiten. Sie leisten aber das Gleiche wie ChatGPT und ähnliche KI-Systeme, denn sie beschreiben genau das Funktionieren der natürlichen Sprache. Der Logiker und Philosoph wurde am 20. September 1930 im kalifornischen Stockton geboren; er starb am 7. März 1971 in Los Angeles eines gewaltsamen Todes.
Wer sich im Internet Archive anmeldet, findet dort den zweiten Band der „Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie“ von Wolfgang Stegmüller. Die erste Auflage erschien 1975. Auf Seite 35 beginnt das Kapitel über Richard Montague. Leider sind Stegmüllers Ausführungen kaum leichter zu verstehen als die Schriften von Montague selbst. Das ist schade, denn der vor 55 Jahren gestorbene Denker besitzt eine große Relevanz für die Künstliche Intelligenz.
Richard Montague wurde am 20. September 1930 in Stockton östlich von San Francisco geboren. Der Vater arbeitete für eine Telefongesellschaft. Richard lernte mit zwölf das Klavier- und Orgelspiel, mit sechzehn beendete er die High School. Von 1948 bis 1957 studierte er Mathematik und Philosophie in Berkeley und promovierte über ein Thema aus der mathematischen Logik. Sein Doktorvater Alfred Tarski zählte zu den Giganten des Faches.
Schon 1955 nahm Montague eine Lehrtätigkeit an der Universität von Kalifornien in Los Angeles auf; 1962 erhielt er eine volle Professur. Inhaltlich bewegte er sich im Rahmen der erwähnten Logik, die mit exakt definierten und für Laien abschreckenden Formeln operiert. 1964 erstellte er zusammen mit seinem Institutskollegen Donald Kalish sogar ein Lehrbuch dafür. Seine Sichtweise änderte sich jedoch im ersten Quartal des Jahres 1966, als er als Gastprofessor zwei Seminare an der Universität von Amsterdam abhielt.
Hier begann Richard Montague mit der Entwicklung einer Theorie, die völlig mit der Tradition brach. Wir möchten sie wie folgt zusammenfassen: Aussagesätze einer natürlichen Sprache wie Englisch oder Deutsch lassen sich als logische Formeln interpretieren, aus denen man innerhalb eines exakt definierten logischen Systems auch Schlüsse ziehen kann. Die Worte eines Satzes entsprechen also den Buchstaben, Ziffern und Symbolen, wie man sie aus der mathematischen Logik kennt.
Montagues Formulierung steht oben in unserem Eingangsbild, sie leitet seinen Aufsatz „Universal Grammar“ aus dem Jahr 1970 ein. Eine deutsche Version wäre: „Für mich gibt es keinen wesentlichen theoretischen Unterschied zwischen natürlichen Sprachen und den Kunstsprachen der Logiker; im Gegenteil, ich halte es für möglich, Syntax und Semantik beider Spracharten in einer einzigen sinnvollen und mathematisch präzisen Theorie zu erfassen.“ Das „natural“ am Schluss haben wir dabei mit „sinnvollen“ übersetzt.
Richard Montagues Theorie kann man wie Wolfgang Stegmüllers Hauptströmungen nach Anmelden im Internet Archive studieren. Wichtig sind der sechste, der siebte und der achte Beitrag des Bandes. Eine online lesbare Einführung in die Grundlage der Theorie verfasste 1979 der Münchner Philosophieprofessor Godehard Link. Neuere Arbeiten findet man wohl am schnellsten, wenn man nach „Montague Grammar“ und „Montague Semantics“ oder nach „Montague-Grammatik“ und „Montague-Semantik“ googelt.
Die zentralen Aufsätze des Logikers füllen gerade einmal 289 Seiten. Seine Lehre blieb letztlich unvollendet, denn er wurde nur vierzig Jahre alt. Montague war homosexuell und unterhielt jahrelang eine feste Beziehung. Später lud er öfter wildfremde Männer in seine Villa oberhalb von Los Angeles ein. Er hatte es durch Grundstücksgeschäfte zu Wohlstand gebracht und fuhr einen teuren englischen Wagen. Am frühen Morgen des 7. März 1971 fiel er in seinem Haus einem Gewaltverbrechen zum Opfer.
Die Polizei gab sich wenig Mühe und klärte den Mord nie auf. Montagues Nachlass liegt in der Bibliothek seiner Hochschule. 2021 installierte der italo-amerikanische Linguist Ivano Caponigro eine Gedenkseite mit Foto-, Audio- und Video-Dokumenten. Montagues Leben schreit nach einer Verfilmung, doch Hollywood und Netflix hielten sich zurück; vermutlich hat man Angst vor mathematischer Logik. Von 1994 bis 2008 wurden aber drei Romane durch sein Schicksal inspiriert. Eine wissenschaftliche Biografie steht noch aus.
Richard Montagues Sprachtheorie entstand zur gleichen Zeit wie ELIZA, die Chat-Software von Joseph Weizenbaum. Heute haben wir ChatGPT, und es bietet sich ein Vergleich an. ChatGPT arbeitet literarisch, Montagues System logisch, anders gesagt, es unterscheidet prinzipiell Wahr und Falsch, was ChatGPT nicht tut. Es würde sich auf alle Fälle lohnen, ein Montague-Dialogprogramm zu schreiben. Sein Werk macht deutlich, dass sich der Traum einer Allgemeinen Künstlichen Intelligenz anders erfüllen könnte als bislang gedacht.
