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„Komm heute Nacht ins Internet“

Geschrieben am 27.02.2026 von

Spätestens seit dem „Computer Nr. 3“ von France Gall befasst sich die populäre Musik mit Daten und ihrer Verarbeitung. Vor dreißig Jahren, am 1. März 1996, sangen vier junge Damen abends im Fernsehen über das „Surfen Multimedia“. Das fröhliche Liedchen der Gruppe Euro Cats war der erste deutsche Schlager, der das World Wide Web behandelte.

Es ist Freitag, der 1. März 1996. Abends läuft im ersten Programm Ein bisschen Glück. In der aus Hamburg übertragenen TV-Sendung erscheinen siebzehn Sänger und Sängerinnen, die beim nächsten Eurovision Song Contest mitwirken möchten. Er findet am 18. Mai des Jahres in Oslo statt, die Hamburger Show soll den Teilnehmer oder die Formation auswählen, die Deutschland vertritt.

Gegen 21 Uhr rennen vier junge Damen auf die Bühne und legen los. Sie bilden die Gruppe Euro Cats. Ihre Röcke tragen die Landesfarben von Italien, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Ihr Lied hat den viel versprechenden Titel Surfen Multimedia. Wir zitieren den Refrain: „Surfen, Surfen, durch die Welt mit Multimedia, Surfen, Surfen, Tag und Nacht auf der Datenautobahn, Surfen, Surfen, durch die Welt mit Multimedia, Surfen, Surfen, Tag und Nacht auf der Datenautobahn.“

Worte und Weise stammen von Erich Offierowski aus Erftstadt bei Köln. 1973 gelangte das von ihm getextete Lied Junger Tag auf den achten Platz im Eurovision-Finale. 1996 steht ein ganz anderes Thema im Mittelpunkt, die Informationstechnik. Der Refrain deutet es an, die erste Strophe macht es klar: „Komm heute Nacht ins Internet, ich warte schon auf Dich. Mensch sei ein User, geh online, im E-Mail triffst Du mich.“ Mit der elektronischen Post hatte der Dichter seine Probleme, „per E-Mail“ würde vielleicht besser passen.

Die nächsten zwei Strophen dürfen wir als Namedropping bezeichnen. Wir haben sie zu einer Passage zusammengefasst: „Und fehl’n Dir ein paar Megabyte, Du findest sie bei mir. Ob Interface, ob Cyberspace, ich teile gern mit Dir. Mit Bits und Bytes, mit Maus und Klick, da gehen wir auf Tour. Im World Wide Web, da folgen wir heut‘ jeder heißen Spur.“ Bitte beachten: Das ist wahrscheinlich die früheste Nennung der Technik im deutschen Liedgut. Das WWW war damals wirklich Neuland, der SPIEGEL erwähnte es am 20. März 1994.

Am 1. März 1996 belegen die Eurokatzen nur den undankbaren sechsten Platz. Aufgrund des telefonischen Zuschauervotums nach dem TED-Prinzip gewinnt das Lied Planet of Blue. Sänger Leon wurde 1969 als Jürgen Göbel in der Gemeinde Hovestadt nördlich von Soest geboren. Sein Sieg bei „Ein bisschen Glück“ führte ihn dann doch nicht ins ESC-Finale. Dort war die Zahl der Musikstücke begrenzt, und der Veranstalter, die Europäische Rundfunkunion EBU, verweigerten dem blauen Planeten die Teilnahme.

Zum Leben der Euro Cats wissen wir wenig. Autogramme nennen die Namen Nina, Petra, Silke und Sabine, 1987 entstanden die Singles Made in Germany und Blonde Mädchen. Betreut wurde die Gruppe, die zu Beginn fünf Köpfe zählte, durch den Komponisten und Chorleiter Botho Lucas und seine junge Frau Karin. Später wandelte sich die Haarfarbe des Quartetts ins Brünette, es kam vielleicht auch zu Umbesetzungen. Die Eurocats – heute in einem Wort geschrieben – sind noch erreichbar; belegt ist ein Auftritt 2025 in Rösrath.

Die Show von 1996 erzeugte ein zwiespältiges Echo bei den Kritikern, die sich an den Aerobic-Sprüngen der Sängerinnen störten. Für die CD von „Surfen Multimedia“ verpasste der Musikverlag den Euro Cats schwere Laptops und ebensolche Brillen. Die Silberscheibe enthielt neben der Urfassung noch einen Remix und die Karaoke-Version. Von Platzierungen in den europäischen Hitparaden ist uns nichts bekannt, doch fand das Lied Freunde beim Chaos Computer Club.

Ein Blogtext zur Internetmusik wäre unvollständig ohne Surfing on the Web. Les Horribles Cernettes, die Hausgruppe des Forschungszentrums CERN, brachte das Lied schon 1993 heraus. Erinnern wollen wir aber auch an Valentina Monetta aus der Republik San Marino. Mit dem Social Network Song, komponiert von Schlagerveteran Ralph Siegel, trat sie 2012 beim Eurovision Song Contest in Baku an. Leider waren die ESC-Götter Signorina Monetta nicht gewogen; sie schied schon im ersten Halbfinale aus.

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