Es begann mit einem KISS

Geschrieben am 17.09.2019 von

1976 kam der erste Apple, 1977 rollte in den USA die Welle der Mikrocomputer an. Im September 1979 erschien ein deutscher Kleinrechner in größerer Stückzahl. Auf der IT-Messe Systems zeigten Triumph-Adler und die Diehl Datensysteme GmbH den Alphatronic P1. Er basierte auf dem Acht-Bit-System KISS der Firma SKS; der Preis betrug 3.595 DM plus Mehrwertsteuer.

Der erste deutsche Mikrocomputer steht im Depot des HNF. Das ist der MCS-40, den Ulrich Klotz 1975 als Student der TU Berlin baute; im Inneren steckt ein Intel-Prozessor mit vier Bit. Mit acht Bit rechnete im April 1979 der kleine Siemens PC 100. Er war made in Germany, ging allerdings auf den amerikanischen Rockwell AIM 65 zurück. Im gleichen Jahr entstand auch ein einheimischer Serien-Mikro. In seinem Geburtstort Karlsruhe hieß er KISS, nach der alten Ingenieursweisheit Keep it simple, stupid.

Keine Angst vor Orange: Dipl.-Ing. Helmut Wiertalla leitete ab 1975 die Softwareentwicklung der SKS GmbH in Karlsruhe. (Foto Helmut Wiertalla)

Entwickelt wurde der KISS von der Steinmetz Krischke Systemtechnik GmbH, kurz SKS. Die Idee zum Bau hatte der Geschäftsführer der Firma, der Nachrichtentechniker Hans Joachim Steinmetz. Das Betriebssystem MOS oder Microcomputer Operating System stammte von Software-Chef Helmut Wiertalla und seinen Mitarbeitern. Als Prozessor diente ein Intel 8085A. Der Computer im leuchtend orangenem Kunststoffgehäuse wurde ab Sommer 1979 in kleiner Stückzahl verkauft.

Nicht in Schockfarben, sondern im edlen Weiß erstrahlte der Alphatronic P1. Unter dieser Bezeichnung wurde unser Mikrocomputer auch in Nürnberg gefertigt. Verantwortlich war die Diehl Datensysteme GmbH, Teil eines traditionsreichen Technikunternehmens. In den 1950er-Jahren baute Diehl Staffelwalzen-Rechenmaschinen aus der DDR nach; danach verkaufte man eine Eigenentwicklung, die Transmatic. Sie war eine frühe Vierspezies-Maschine mit Druckwerk. 1966 schuf Diehl die programmierbare Combitron.

Mikrocomputer Alphatronic P1 aus Nürnberg; typisch ist der aufgesetzte Bildschirm. (Foto Kaufhaus Konrad GmbH)

Mit ihr startete eine Familie elektronischer Tischrechner, die teils mit Transistoren und teils mit integrierten Schaltungen arbeiteten. 1973 brachte Diehl ein Gerät mit Mikroprozessor heraus: es trug den – im Original kleingeschriebenen – Namen Alphatronic. Für Programme und Daten hatte die Ur-Alphatronic 160 Register, die man auf 265 erweitern konnte. Zur umfangreichen Peripherie gehörten ein  Kassetten- und ein Diskettenlaufwerk. 1977 folgten der „Tischcomputer“ Diehl DS 200 und der DS 2000, ein ausgewachsener Minicomputer.

Schon 1975 übernahm Diehl den Mehrheitsanteil an der Computertechnik Müller GmbH in Konstanz. Die CTM war ein Spezialist für die mittlere Datentechnik. 1978 wurden die Diehl Datensysteme selbst übernommen. Sie landeten bei der ebenfalls in Nürnberg sitzenden Triumph-Adler-Gruppe. Diese produzierte vor allem Schreibmaschinen, hatte aber auch Computererfahrung. Ihre Acht-Bit-Anlage TA 1000 stand seit 1973 bei der Deutschen Bundesbahn und bei vielen Steuerberatern.

Ein Alphatronic P3 von 1982, entdeckt im März auf dem Retro Computer Festival des HNF.

Am 17. September 1979 öffnete die große Computerschau Systems auf dem Münchner Messegelände; das lag damals noch neben der Theresienwiese. In Halle 16 befanden sich die Stände von Triumph Adler und der Diehl Datensysteme GmbH. Hier gab es den neuen Alphatronic P1 zu sehen. Im Eingangsbild oben erkennen wir die Rechner und vor ihnen mit gestreifter Krawatte SKS-Ingenieur Wiertalla. Ihm verdanken wir das Foto und auch eine zeitgenössische Verkaufsbroschüre für das neue modulare Microcomputer-System.

Ihr ist zu entnehmen, dass der Rechner einen Arbeitsspeicher von sechzehn Kilobyte und ein Minidisketten-Laufwerk aufwies. Der Preis betrug 3.595 DM plus Mehrwertsteuer. Das Heft beschreibt auch den Alphatronic P2 mit 48 Kilobyte Speicherplatz und zwei Laufwerken. Er kostete vor Steuern 4.995 DM; den Monitor musste man jeweils extra hinzukaufen. Der in grün und beige gehaltene P2 kam 1980 auf den Markt. Die im Heft außerdem genannten Lerncomputer L1 und L2 wurden vermutlich nie gebaut.

Ein Triumph-Adler-Laptop „Walkstation“ aus den frühen Neunzigern.

1982 erschienen der Alphatronic P3 und P4, ein Jahr später der Alphatronic PC. Er wurde in Japan montiert und enthielt einen Z80-Chip von Zilog; der PC kostete nur 1.495 DM. Erhalten ist ein Werbefilm mit dem Moderator und Schauspieler Elmar Gunsch. In den 1990er-Jahren gehörte Triumph Adler zu Olivetti und produzierte unter anderem Laptops. Heute baut man keine Rechner mehr, die Firma existiert aber noch, und sie bietet eine Firmengeschichte an. Die Diehl Datensysteme GmbH wurde allerdings 1983 aufgelöst.

Eine Fundgrube für KISS- und Alphatronic-Fans ist die Internetseite von Helmut Wiertalla. Wir bedanken uns bei ihm für die technikhistorischen Auskünfte und die Erlaubnis, seine Bilder nutzen zu dürfen. Der gleiche Dank geht an Wolfgang Konrad von der Kaufhaus Konrad GmbH für die Freigabe des P1-Fotos. Schließen möchten wir aber mit dem Portrait des KISS K2, der im Computermuseum Kiel überlebte – dafür ein Dankeschön an Eduard Thomas. Solche Träume aus Plastik werden heute leider nicht mehr verkauft.

Foto Fachhochschule Kiel

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3 Kommentare auf “Es begann mit einem KISS”

  1. Ulrich Klotz sagt:

    Sehr erfreut. Jetzt muss das gute Stück nur noch den richtigen Platz im HNF erhalten …
    Gruß aus Frankfurt am Main
    Ulrich Klotz

  2. Meine KISS Maschine aus 1978 arbeitet immer noch nach kleinen Reparaturen (Netzteil). Ich würde gerne wissen – ob die gute KISS in der Fachhochschule Kiel auch betriebsbereit ist?
    Gruß aus Waltrop NRW
    Helmut Wiertalla

    1. HNF sagt:

      Am besten wenden Sie sich direkt an die FH Kiel. Kontaktdaten schicken wir gerne auf Anfrage an presse@hnf.de.

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