Liebe aus dem Computer

Geschrieben am 05.07.2018 von

Schon vor drei Jahren schrieben wir im Blog über Lieder zur Datenverarbeitung von Mozart bis Udo Jürgens. Heute möchten wir an die französische Sängerin France Gall erinnern. Vor fünfzig Jahren schwärmte sie vom „Computer Nr. 3“, der den Girls den richtigen Boy bringt. Beim Deutschen Schlager-Wettbewerb in Berlin kam ihr Beitrag auf den dritten Platz.

Die Damen trugen Mini oder schon Hosen, die Herren Anzug oder wenigstens Jackett. Über die Straßen rollten die Käfer aus Wolfsburg und die Kadetten aus Bochum, und nach der Krise von 1966 und 1967 florierte die Wirtschaft. Die Musik machten Beatles, Bee Gees und Rolling Stones, doch viele Fernsehzuschauer sahen am Abend des 4. Juli 1968 den Deutschen Schlager-Wettbewerb; das ZDF übertrug ihn aus der West-Berliner Philharmonie. Er bescherte uns den Computer Nr. 3.

Das fröhliche Liedchen trug die 1947 in Paris geborene France Gall vor. Sie hatte 1965 mit Poupée de cire, poupée de son den Grand Prix Eurovision gewonnen, ihre Platten verkauften sich in Frankreich recht gut. Ab 1966 arbeitete sie in der Bundesrepublik, wo sie deutsch sang. 1972 kehrte sie in ihre Heimat zurück; ihr letzter großer Hit war im Jahr 1987 Ella, elle l’a, eine Hommage an die große amerikanische Sängerin Ella Fitzgerald. France Gall starb Anfang 2018 im Pariser Vorort Neuilly.

France Gall im Jahr 1965

Ihr Computer blieb 1968 in Berlin leider erfolglos. Hinter dem Sieger „Harlekin“ der Schwedin Siw Malmkvist und dem Seufzer „Wärst du doch in Düsseldorf geblieben“ der Dänin Dorthe belegte France Gall Rang drei. In der westdeutschen Hitparade kam sie nur auf Platz 24. Komponist Christian Bruhn und Texter Georg Buschor konnten sich dennoch freuen, denn sie hatten auch das Düsseldorf-Lied erstellt. In der ewigen Bestenliste der IT-Songs schnitt wohl nur die Computerliebe von 1985 besser ab.

Technikhistorisch ist der „Computer Nr. 3“ auf jeden Fall ein Glanzlicht. Er beleuchtet eine kurze Zeitspanne in den 1960er-Jahren, in der viele die neuen Rechner mit einer einzigen Tätigkeit verbanden: Partnervermittlung. Es begann 1965 in den USA. Damals gründeten die Harvard-Studenten Jeffrey Tarr, David Crump und Douglas Ginsburg die Firma Compatibility Research. Sie führte mit Computerhilfe einsame junge Leute zusammen, vorausgesetzt, sie hatten einen ausgefüllten Fragebogen und drei Dollar Gebühr eingeschickt.

Auftritt im niederländischen Fernsehen Anfang 1968 (Foto wiki.beeldengeluid.nl CC BY-SA 3.0)

In der Bundesrepublik bot die Hamburger Altmann GmbH eine elektronische Eheanbahnung an. Das lässt sich einem Artikel des SPIEGEL vom 1. Dezember 1965 entnehmen. Richtig zur Sache ging im Mai 1967 die Zeitschrift „twen“. Sie organisierte das „Rendez-vous 67“ mit Unterstützung des Aachener Pädagogikprofessors Johannes Zielinski. 25.385 Interessenten nahmen teil; ihre eingesandten Daten wurden von einer IBM 360 in Frankfurt verarbeitet. Die Erfolgsquote ist nicht bekannt, doch wurde die Aktion im November 1967 wiederholt.

Mitte der 1960er-Jahre entstand ein aktionsreiches Theaterstück zu unserem Thema. Der Münchner Schriftsteller und Dramaturg Wolfgang Petzet (1896-1985) schrieb den Einakter „Der Computer“ für eine private Aufführung; 1970 wurde er auch im Stadttheater Ingolstadt gezeigt. Er spielt in einem kybernetischen Heiratsinstitut; der Leiter ist laut Regieanweisung ein Priester der Wissenschaft und nicht ohne Geschäftssinn. Ein aussagekräftiges Zitat der Heldin: „Wenn du nicht sofort rauskommst, schlage ich den Computer mit allen Elektronen zusammen.“

Echter „Computer Nr. 3“: IBM System/3 von 1969 (Foto Jonathunder CC BY-SA 3.0)

Was genau die Schöpfer des „Computer Nr. 3“ inspirierte, wissen wir nicht. Vielleicht erinnerten sie sich noch an den Computer No. 9, den 1966 der Österreicher Andy Fisher besungen hatte. Er hieß eigentlich Johann Fischer, war Kind jüdischer Eltern und kam 1939 nach Großbritannien. Dort lernte er ein akzentfreies Englisch, das er später in seinen Liedern nutzte. Der „love song by computer number nine“ hat einen Nonsens-Text; die Musik stammt aus dem Tanz der Stunden des italienischen Komponisten Amilcare Ponchielli.

Der Komponist des „Computer Nr. 3“ war natürlich Christian Bruhn. In unserem Video vom Schlager-Festival tritt er bei Minute 4:50 auf und gibt France Gall ein Küsschen. Die Szene lässt den etwas chaotischen Ablauf des Abends erkennen, der Conferencier Walter Giller verzweifeln ließ. Bruhn ist mittlerweile Professor, doch immer noch musikalisch aktiv. Das Foto unten zeigt ihn am 27. Mai 2018 im Karlstorkino Heidelberg (© Morticia Zschiesche).

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