Nicht länger geheim

Geschrieben am 01.11.2019 von

Am 1. November 1919 legte die englische Regierung die Dechiffrierdienste der Armee und der Marine zusammen. So entstand die Government Code and Cipher School, kurz GC&CS. 1946 wurde sie in Government Communications Headquarters oder GCHQ umbenannt; der Sitz ist seit 1954 Cheltenham. Wie jeder Geheimdienst erlebte auch das GCHQ Verratsfälle. Wir haben die bekanntesten zusammengestellt.  

Als das GCHQ am 1. November 1919 in London entstand, hieß es Government Code and Cipher School, abgekürzt GC&CS. Die Staatliche Codier- und Chiffrierschule vereinte die Entschlüsselungsbüros von Armee und Marine; die Idee der Fusion hatte Außenminister Lord Curzon. Im Zweiten Weltkrieg knackte die Schule deutsche Codes in Bletchley Park; die ruhmreichen Jahre wirken bis heute nach. 1946 erhielt sie den jetzigen Namen Government Communications Headquarters, Hauptquartier der staatlichen Kommunikation.

Einige Jahren operierte das GCHQ in London, von 1952 bis 1954 erfolgte der Umzug ins 140 Kilometer entfernte Cheltenham. Dort gab es Büros aus der Kriegszeit mit Kabelverbindung zur Hauptstadt. Seit 2004 belegt der Dienst einen futuristischen Rundbau mit 180 Metern Durchmesser; er ist oben im Eingangsbild zu sehen (Foto Ministry of Defence OGL v1.0 ). Für das Gebäude stellte sich schnell der Spitzname Doughnut ein, zu Deutsch Krapfen. Die ringförmige Architektur übernahm Apple für seine neue Zentrale im Silicon Valley.

Das GCHQ befasst sich mit dem Chiffrieren und Dechiffrieren sowie dem Abhören von elektronischer Kommunikation. Dabei arbeitet der Dienst mit regulären Fernmeldetruppen zusammen. Im Kalten Krieges ließ das GCHQ auch auf deutschem Boden lauschen, vor allem im britischen Sektor von Berlin. Die Soldaten saßen auf dem RAF-Stützpunkt Gatow und auf dem Teufelsberg. Der bewaldete Schuttberg im Bezirk Charlottenburg wurde ebenso von amerikanischen Fernmeldeeinheiten genutzt.

Zwei ehemalige Lauschtürme des GCHQ auf dem Flugplatz Gatow. Der Pirelli-Turm fehlt; er wurde 2002 abgebaut. (Foto Clemens Vasters CC BY 2.0 seitlich beschnitten)

Wie andere Geheimdienste blieb das GCHQ vor Verrätern nicht verschont. Den ersten finden wir schon in Bletchley Park. Der 1913 geborene John Cairncross war ein hochintelligenter Staatsbeamter und heimlicher Kommunist. In Bletchley befasste er sich primär mit dem Funkverkehr der deutschen Luftwaffe. Den sowjetischen Geheimdienst versorgte er 1943 mit Informationen zur Ostfront. Sie trugen dazu bei, dass die Rote Armee in der Panzerschlacht bei Kursk die Oberhand behielt und anschließend zur Offensive übergehen konnte.

Cairncross wurde 1952 enttarnt, doch nie angeklagt. Er verließ den Staatsdienst und arbeitete in den USA und in Italien; den Ruhestand verbrachte er in Frankreich. 1995 kehrte er nach England zurück; im gleichen Jahr starb er. Mit dem nächsten Spion hatte das GCHQ indirekt zu tun. Corporal Brian Patchett, Jahrgang 1939, gehörte einer Abhör-Einheit der englischen Armee in Gatow an. 1963 geriet er in eine seelischen Krise und lief in die DDR über. Er wusste viel über westliche Funkspionage. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

Der schwerste Verratsfall des GCHQ war der von Geoffrey Prime. Er wurde 1938 geboren und diente in der Royal Air Force (RAF); hier lernte er Russisch. In den 1960er-Jahren hörte er in Gatow den sowjetischen Funkverkehr ab. Zugleich wuchs seine Sympathie für den Kommunismus; 1968 kontaktierte er in Berlin den Geheimdienst KGB. Der empfahl ihm, von der RAF zum GCHQ zu wechseln, was Prime auch tat. In den kommenden Jahren lieferte er gegen gute Bezahlung Geheimsachen an das KGB; er traf sich außerdem mit KGB-Offizieren im Ausland.

Der Teufelsberg um 1970; die hohe Antenne empfängt für das GCHQ. (Foto Phil Jern CC BY 2.0 seitlich beschnitten)

Primes erste Ehe endete in Scheidung. 1977 heiratete er erneut und kündigte beim GCHQ. Zuvor kopierte er dort viele Dokumente, die er nach und nach den Sowjets verkaufte. Den Lebensunterhalt verdiente er aber als Taxifahrer. 1981 begannen Ermittlungen gegen ihn wegen Sexualdelikten; 1982 erzählte seine Frau der Polizei von den Spionageaktivitäten. Es folgte ein Strafprozess. Am 10. November 1982 wurde Geoffrey Prime zu 38 Jahren Haft verurteilt. Er kam 2001 vorzeitig frei. Falls er noch lebt, tut er es an einem geheimen Ort.

Durch das Gerichtsverfahren wurde die Existenz des GCHQ endlich allgemein bekannt. Der Dienst stand schon 1976 in einer kleinen Zeitung, verstand es aber lange, sich dem Licht der Öffentlichkeit zu entziehen. Der erste Roman über das GCHQ, „The Whistle Blower“, erschien 1984; zwei Jahre später wurde er auch verfilmt. Die Außenaufnahmen fanden in Cheltenham statt; den Angehörigen des GCHQ wurde jedoch verboten, als Komparsen mitzuwirken. Der deutsche Filmtitel lautete „Kreuzfeuer der Agenten“.

Danach drang jahrelang nichts aus dem Inneren des Hauptquartiers nach außen. Am 2. März 2003 platzte aber die Bombe. Der Londoner Observer berichtete, dass der amerikanische Krypto-Geheimdienst NSA das GCHQ um Hilfe beim Schnüffeln bat. Die Zeitung brachte die Mail der NSA in voller Länge. Die Recherche zielte auf Delegierte von Mitgliedsstaaten des UN-Sicherheitsrats, die man unter Druck setzen wollte. Den Hintergrund bildete die Planung eines Angriffs auf den Irak; er sollte durch eine Resolution des Rates gestützt werden.

Vater Staat kam vorbei: „Guardian“-Computer nach dem Besuch des GCHQ.

Kurz darauf gestand die GCHQ-Übersetzerin Katharine Gun, die Mail der NSA geleakt zu haben. Sie wurde sofort entlassen und wegen Verletzung des Official Secrets Act angeklagt. Der Prozess fand am 25. Februar 2004 statt. Katharine Gun bekannte sich nicht schuldig; anschließend ließ die Anklage verlauten, dass sie keine Beweise hätte. Die Übersetzerin wurde sofort freigesprochen. Schon am 19. März 2003 begann ohne eine Resolution des UN-Sicherheitsrats der Irak-Krieg. Die Kampfhandlungen endeten am 1. Mai.

Erneut Schlagzeilen machte das GCHQ 2013. Der Whistleblower Edward Snowden enthüllte ein globales Programm des Geheimdienstes, um Sprache und Daten aus Kabelstrecken zu gewinnen. Die Erkenntnisse druckte der Guardian. Die Regierung zwang nun Redakteure des Blattes, Computer mit Snowden-Dokumenten auf der Festplatte zu zerstören. Zwei Techniker des GCHQ beaufsichtigten am 20. Juli 2013 die archaische Strafaktion. Im November wurde noch bekannt, dass das GCHQ auf dem Dach der englischen Botschaft in Berlin getarnte Lauschtechnik installiert hatte.

Geheimagenten haben es nicht leicht. Wir gratulieren dem GCHQ und seinem Direktor Jeremy Fleming zum runden Geburtstag und wünschen alles Gute fürs nächste Centennium. Zum Schluss möchten wir noch auf den GCHQ-Film Official Secrets hinweisen, der die Geschichte von Katharine Gun erzählt. Er startet am 21. November in deutschen Kinos.

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Ein Kommentar auf “Nicht länger geheim”

  1. Auch in der anderen Richtung gab es Verräter. Dazu zählt m.E. auch Ernst Constantin Fetterlein (1873 –1944), ein russischer Kryptologe, der später zu den Briten überlief. Fetterlein studierte in St. Petersburg osteuropäische Sprachen und graduierte 1894. Ende 1896 trat er ins russische Außenministerium ein. Er wurde schließlich Chefkryptologe des russischen Zaren und brach u.a. in deutsche, britische und österreichische Codes. Während der Oktoberrevolution floh Fetterlein nach Westeuropa und nahm Kontakt mit britischen und französischen Geheimdiensten auf. Er soll seine Dienste dem Bestzahlenden angeboten haben und wurde 1918 von den Briten für „Room 40“ verpflichtet. Dort arbeitete er an georgischen, österreichischen und bolschewistischen Codes.
    Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde er in die neugegründete „Government Code and Cypher School“ (GC&CS) übernommen und analysierte dort den sowjet-kommunistischen Nachrichtenverkehr. Er wurde von seinen Kollegen als brillanter Kryptanalytiker bezeichnet.
    (Quelle: Wikipedia)

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