So kam das Web nach Deutschland

Geschrieben am 09.03.2018 von

Im ersten Halbjahr 1993 änderte sich das World Wide Web entscheidend. Am 23. Januar wurde in Chicago der grafische Browser Mosaic veröffentlicht. Am 30. April machte das Kernforschungszentrum CERN, der Geburtsort des Netzes, die WWW-Software gemeinfrei. Bereits im September 1992 hatte das Hamburger Großforschungsinstitut DESY eine Homepage erhalten. Sie war vermutlich die erste in Deutschland.

In Hamburger Stadtteil Bahrenfeld sitzt seit den frühen 1960er-Jahren das Deutsche Elektronen-Synchrotron, besser bekannt als DESY. Es ist ein Zentrum der Großforschung und betrieb zunächst Teilchenbeschleuniger. In ihnen wurden Elektronen, Protonen, Positronen und andere Bausteinchen der Materie aufeinander geschossen und die Folgeprodukte untersucht. Mittlerweile erforscht das DESY vor allem die Physik der Photonen mit dem Europäischen Röntgenlaser XFEL und dem Strahlungslabor HASYLAB.

Das DESY verfügt über eine eindrucksvolle Computerausstattung. Ab 1963 benutzte sein Rechenzentrum eine röhrenbestückte IBM 650 und die Transistormaschinen IBM 1401 und 7044. 1967 kam eine IBM 360/75 und 1970 eine IBM 360/65 ins Haus. Ein paar Jahre später wurden sie durch zwei IBM 370/168 ersetzt. 1975 stellte das Rechenzentrum die ersten vier Terminals auf. 1976 waren es 19 Stück, und langsam verschwanden die Lochkartenleser. Bei DESY-Experimenten kamen meist Rechner von Digital Equipment zum Einsatz.

Der Computerpark erweiterte sich dann stetig um kleinere und größere Systeme. In den 1980er-Jahren schaffte das DESY eine IBM 3084 mit vier CPUs an. Für die anfallenden physikalischen Daten standen damals 83 Plattenlaufwerke bereit; jedes fasste immerhin 317,5 Megabyte. Dazu kamen 24 Laufwerke für Magnetbänder. 1987 installierte man ein System für Kassetten. Schon 1985 wurde das DESY an das European Academic Research Network EARN angeschlossen, ein von der Firma IBM gefördertes Netzwerk. Auf diese Weise gelangten die Forscher auch ins Internet.

DESY-Ausweis von Thomas Finnern aus den 1980er- und frühen 1990er-Jahren

1990 entwickelte Tim Berners-Lee im Europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf das World Wide Web. Ab 1991 verschickte er die Software an Institute in anderen Ländern, die ebenfalls Server aufbauen konnten. Das DESY in Hamburg wartete mit der Installation bis zum nächsten Jahr. Im Juni 1991 erschien der erste „DESY Computing Newsletter“; bis 1996 folgten sieben Nummern. In den ersten beiden Ausgaben stand noch nichts zum weltweiten Web, Nr. 3 vom Mai 1992 brachte aber etwas – bitte zur pdf-Seite 23 vorgehen.

Hier beschrieben die DESY-Mitarbeiter Peter Dobberstein und Michael Behrens das neue Internet-Angebot des Forschungsinstituts. Im Zentrum stand das XFIND-System. Mit ihm ließen sich von Hamburg aus Dokumente finden, die auf Rechnern des CERN gespeichert waren. Bei der Online-Suche half der Browser, den Nicola Pellow, die Praktikantin von Tim Berners-Lee, geschrieben hatte. Er arbeitete im Zeilen-Modus: Dabei musste man jeweils eine Ziffer oder ein Wort in ein Feld eintragen und abschicken.

Der Aufsatz im Newsletter dürfte die erste deutsche Publikation zum WWW gewesen sein. Der damalige Netzknoten ist überliefert, jedoch sah die Seite wegen des Zeilen-Browsers anders aus. Ein Surfen war noch nicht möglich; der Knoten erlaubte nur den Abruf einer Datei über das FTP-Anschlussprotokoll. Im September 1992 fuhr der im DESY-Rechenzentrum tätige Informatik-Ingenieur Thomas Finnern zu einem Meeting im CERN. In Genf konnte er per Fernzugriff den Quellcode eines HTML-Servers auf ein Apollo-System des DESY transferieren und kompilieren. Hilfe leistete Tim Berners-Lee höchstpersönlich.

Damit war die wohl erste deutsche Website fertig: http://apollo3.desy.de. Die Firma Apollo fertigte in den 1980ern-Jahren Workstations im US-Bundesstaat Massachusetts. Sie wurde 1989 von Hewlett Packard übernommen und einige Zeit weitergeführt. Finnerns Link steht als experimenteller Unix-Server in der ältesten Serverliste des CERN von Ende 1992. Daneben finden wir das im DESY angesiedelte multinationale ZEUS-Projekt und – „very slow“ – das Centrum für Informations- und Sprachverarbeitung der Universität München.

Marc Andreessen zur Jahrtausendwende

Im September 1992 existierte bereits ein Browser, der mehr konnte als das Zeilen-Programm von Nicola Pellow. Der in Taiwan geborene Pai-Yian Wie entwickelte als Student in Kalifornien Viola. Er zeigte Texte in einem Rahmen an und enthielt Sprungsymbole, lief aber nur mit Unix oder Unix-ähnlichen Betriebssystemen. Den großen Fortschritt erbrachte der am 23. Januar 1993 gestartete Browser Mosaic. Seine Urheber Marc Andreessen und Eric Bina arbeiteten im Informatik-Forschungszentrum NSCA in der Nähe von Chicago.

Im Laufe des Jahres 1993 wurde die Urversion ständig verbessert; im November war der Browser für Windows-Betriebssysteme erhältlich. Im Dezember 1993 schrieb der „DESY Computing Newsletter“ Nr. 5, dass Mosaic der empfohlene Browser des Instituts wäre. Marc Andreessem gründete im April 1994 die Mosaic Communications Corporation, ab November Netscape Communications Corporation. Ihr Hauptprodukt war der Navigator, einige Jahre der populärste Browser der Welt. Der Mosaic-Browser führte später zum Internet Explorer.

Am 30. April 1993 gab das Europäische Kernforschungszentrum CERN die dort entwickelte Software des World Wide Web frei; zugleich lehnte es jegliche Haftung ab. Die Zwei-Seiten-Mitteilung lässt sich hier nachlesen. An jenem Tag umfasste das Netz rund 100 Homepages. Nun war es „public domain“. Im Dezember 1993 wurden bereits 623 Seiten gezählt. So endete die Frühgeschichte des Webs, die restliche geht sicher noch eine Weile weiter. Websites gibt es heute mehr als 1,3 Milliarden, mit steigender Tendenz.

1993 wurde auch die DESY-Homepage von http://apollo3.desy.de auf http://info.desy.de umgestellt, und das gilt mit Ausnahme des „info“ immer noch. Wir bedanken uns sehr herzlich bei Thomas Finnern für die Auskünfte und das Foto. Das Eingangsbild oben zeigt natürlich das Deutsche Elektronen-Synchroton (Foto DESY).

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