Vor 70 Jahren: ein elektronisches Gehirn in Kiel

Geschrieben am 12.01.2021 von

Im Januar 1951 lief in einer Kieler Brandversicherung das erste elektronische Rechengerät Deutschlands. Mit zweihundert Röhren multiplizierte es zwei Dezimalzahlen; es wurde an eine Lochkartenmaschine angeschlossen. Entwickler des Geräts war der 1909 in Breslau geborene und in Paderborn aufgewachsene Physiker Walter Sprick. Später arbeitete Sprick für IBM; darüber hinaus half er dem jungen Heinz Nixdorf.

Die Zeitung berichtete erst Anfang März mit der Schlagzeile „Kiel besitzt ein ‚künstliches Gehirn‘“. Sicher ist aber, dass schon im Januar 1951 in der Ostsee-Stadt das erste in Deutschland gebaute elektronische Rechengerät startete. Das „Gehirn“ war kein Computer; es konnte weder Programme noch Zahlen speichern und lief auch nicht im Dualsystem. Es multiplizierte zwei fünfstellige Dezimalzahlen mit Hilfe von zweihundert Elektronenröhren.

Das Gerät war 132 Zentimeter lang und 50 Zentimeter breit; Stromkabel verbanden es mit einer Powers-Lochkartenmaschine. In der Datenverarbeitung der frühen 1950er-Jahre gab es hierzulande nur zwei Hersteller, den Marktführer DEHOMAG – seit 1949 IBM Deutschland GmbH – und den kleineren Konkurrenten Remington Rand. Die amerikanische Mutterfirma hatte 1927 die Powers Accounting Machine Company erworben; ihr Name wurde noch lange für Produkte der Lochkartentechnik benutzt.

Die Powers-Tabelliermaschine in Kiel beherrschte Addition und Subtraktion. Sie stand in der Landesbrandkasse Schleswig-Holstein, einer großen Feuerversicherung, und tastete die Lochkarten der versicherten Gebäude ab. Die Zahl für den Gebäudewert gab sie an den angeschlossenen Rechner weiter. Der multiplizierte sie mit dem amtlichen Index für die Wertsteigerung, was eine Hundertstelsekunde dauerte. Danach schickte er das Resultat an den Drucker. Das alles geschah im gleichen Arbeitstakt des Lochkarten-Ensembles.

Walter Sprick in den 1960er-Jahren

Urheber des elektronischen Rechengeräts war ein Physiker, der an der Kieler Universität seinen Doktor machte. Walter Sprick wurde 1909 in Breslau als Sohn eines Buchhändlers geboren. Er wuchs in Paderborn auf und studierte nach dem Abitur Mathematik und Physik. 1934 brach er das Studium ab; nach einem halben Jahr  in einem Hüttenwerk ging er zum Nürnberger Radiohersteller TeKaDe. Bis 1938 war er dort in der Fernsehabteilung  tätig. Anschließend finden wir ihn in Berlin als Patentingenieur und nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in den Askania Werken.

Hier befasste sich Sprick wieder mit Fernsehtechnik. Sein Chef war Werner Rambauske, der wle Sprick aus Breslau stammte. Der Physiker arbeitete an einer Steuerung für geflügelte Gleitbomben, die sie mit Hilfe einer Fernsehkamera ins Ziel lenkte. Ab Juni 1944 leitete Rambauske ein Institut für physikalische Forschung in Bayreuth; Walter Sprick unterstand das Fernsehlabor. Das Institut war neben einer großen Baumwollspinnerei untergebracht und beschäftigte einige Dutzend Häftlinge aus dem Konzentrationslager Flossenbürg.

Über Forschungsergebnisse ist wenig bekannt. Von den KZ-Insassen kam niemand in Bayreuth zu Tode, elf Häftlinge starben aber später außerhalb des Instituts, vor allem bei der Auflösung des KZ Flossenbürg. Wie es scheint, hat sich Walter Sprick nichts zuschulden kommen lassen, er war auch kein Mitglied der NSDAP. Nach Kriegsende kehrte er nach Westfalen zurück und arbeitete als freier technischer Berater. 1947 erschien in Bielefeld sein 92 Seiten starkes „Austausch-Röhren-Lexikon“.

Im Herbst des Jahres trat Sprick eine Assistentenstelle an der Kieler Universität  an. Dort begann er mit der Entwicklung des Rechners für die Landesbrandkasse;  zusammen mit einem Physikstudenten stellte er ihn im Januar 1951 fertig. Vom Einsatzprinzip erinnert Spricks Maschine an den fünf Jahre älteren Elektronenmultiplizierer IBM 603, der ebenfalls Lochkarten-Hardware beim Rechnen half. 1952 bauten Schüler und Stundenten nach Spricks Schaltplänen in der Versicherung eine Zweitversion.

Heinz Nixdorfs Elektronensaldierer

Anfang 1951 erhielt Walter Sprick einen Vertrag von Remington Rand in Frankfurt; er sollte wieder einen Elektronenrechner entwickeln. Die Anstellung endete nach einem Jahr; Anfang 1952 wechselte Sprick nach Böblingen zu IBM Deutschland. In seiner kurzen Frankfurter Zeit beschäftigte er als Hilfskraft den jungen Physikstudenten Heinz Nixdorf. Im Dezember 1951 wurde Nixdorf von Remington Rand eingestellt, er verließ die Firma aber schon nach sechs Monaten und machte sich selbstständig.

Ab Juli 1952 saß Nixdorf in einer Kellerwerkstatt des RWE in Essen und baute sein erstes Rechengerät, den Elektronensaldierer. Dabei wurde er aus der Ferne von Walter Sprick unterstützt, zumeist durch Briefe mit vielen technischen Zeichnungen. 1953 fand Sprick seine Lebensstellung im neu gegründeten IBM-Entwicklungslabor. Er befasste sich unter anderem mit der Erkennung handgeschriebener Ziffern und Buchstaben. Nach 22 IBM-Jahren ging er 1974 in den Ruhestand. 1989 starb Walter Sprick in Sindelfingen.

Seine künstlichen Gehirne arbeiteten ein Jahrzehnt in der Kieler Brandkasse. In den frühen 1960er-Jahren mietete diese eine IBM 1401; den ersten Rechner von Walter Sprick schenkte die Versicherung dem Deutschen Museum in München. Seit 1988 steht er in der Informatik-Abteilung; er ist oben im Eingangsbild zu sehen. Den Nachbau von 1952 kaufte eine Kieler Heizungsfirma, die ihn – traurig aber wahr – einige Jahre später verschrottete.

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