Warum Konrad Zuse nicht den Nobelpreis bekam

Geschrieben am 18.12.2015 von

Das HNF hat eine besondere Beziehung zu Konrad Zuse, dem vor 20 Jahren verstorbenen Erfinder des Computers. Nach der Eröffnung 1996 erhielt es Kopien und Mikrofilme seiner Schriften, die später online gestellt wurden. Seit 2006 erschließt das Deutsche Museum in München Zuses Nachlass. Material aus seinem Umfeld findet sich außerdem in einem Archiv in Hoyerswerda.

Konrad Zuse, das wissen wir nicht nur aus dem HNF, konstruierte 1941 den ersten funktionsfähigen programmgesteuerten Digitalrechner, die Z3; unser Eingangsbild – Foto Deutsches Museum – zeigt ihn in diesem mit einem Nachbau. 1949 gründete er mit der Zuse KG eine Firma, deren Produkte die Computerlandschaft der jungen Bundesrepublik prägten. Nach der Übernahme durch die Siemens AG im Jahr 1969 hatte er viel Zeit, grübelte über rechnende Räume und sich selbst reproduzierende Maschinen, malte, schrieb, hielt Vorträge und ordnete seine umfangreichen Papiere.

In den späten 1970er-Jahren kopierte die Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung GMD, die 2001 von der Fraunhofer-Gesellschaft geschluckt wurde, Tausende von Seiten aus Zuses Archiv, technische Berichte und Konzepte, Typoskripte aller Art, Gedrucktes und Ungedrucktes und den einen oder anderen Brief. Das Projekt geschah in enger Zusammenarbeit mit dem Computerpionier, der die betreffenden Schriften persönlich auswählte.

Konrad Zuse starb vor zwanzig Jahren, am 18. Dezember 1995, in seinem Wohnort Hünfeld. Seine Kontakte zu Heinz Nixdorf und die Beziehung zwischen der Zuse KG und Nixdorfs Firma beschreibt eine Mitteilung des HNF von 2005. Am Ende erwähnt sie auch eine Verknüpfung mit dem Museum, das am 24. Oktober 1996 seine Pforten öffnete: Die von der GMD erstellten Zuse-Kopien, teils Mikrofilme, teils A4-Blätter, kamen in den Neunzigern ins HNF-Archiv und liegen dort noch immer.

1999 startete eine weitere Kopieraktion, diesmal von Raúl Rojas, Informatikprofessor an der Freien Universität Berlin. Einer seiner Mitarbeiter scannte den Großteil des Paderborner Materials, und nach längerer Vorbereitung – manche Texte wurden noch einmal komplett abgeschrieben – gingen die Resultate als Konrad Zuse Internet-Archiv online. Sie umspannten die Zeit von 1935 bis 1981 und erlaubten einen chronologisch geordneten Einblick in seine Arbeit und sein Denken.

2006 erhielt das Deutsche Museum den gesamten wissenschaftlichen Nachlass von Konrad Zuse. Nach einer Ausstellung im Jahr 2010 erfolgte Ende August 2012 der Start des „Konrad Zuse Internet Archive“ – englisch geschrieben und ohne Bindestrich. Eine Weile waren beide Adressen parallel abrufbar, doch mittlerweile kam das alte Archiv im neuen unter, das primär für Originalpapiere aus dem Münchner Museum gedacht ist. Wer sich für die Scans aus dem HNF interessiert, muss den Cursor auf der Archive-Seite zu SAMMLUNGEN und danach auf PDFs ziehen.

Die Archiv(e)-Geschichte führte dazu, dass manche Dokumente doppelt abgespeichert wurden. So findet man Konrad Zuses Autobiographie „Die Uhr tickt“ als 52 Megabyte schweres pdf-Album und als 359 einzelne jpg-Dateien. Trotz aller Unbequemlichkeit kann der Zuse-Fan in der Münchner Online-Sammlung spannende Entdeckungen machen, etwa einen Wettercomputer, dessen Resultate auf die Innenseite eines riesigen Globus projiziert werden – ähnlich wie die Sterne in einem Planetarium – und dort gegen Eintrittsgeld betrachtet werden können.

Die Idee einer „Grosswetterrechenmaschine“ füllt drei Seiten und zählt zu den Computervisionen, die Konrad Zuse um das Jahr 1947 verfasste, als er mit seiner Familie und einem aus Berlin geretteten Relaisrechner, der späteren Z4, im Allgäu lebte. Jene Idee dürfte in der Technikgeschichte das erste Konzept für eine grafische Benutzeroberfläche sein, und vielleicht finden sich im Deutschen Museum auch einmal die im Text erwähnten Zeichnungen.

Ein Online-Archiv zu Konrad Zuse gibt es aber nicht nur in München bzw. Berlin, wo die Server stehen, sondern ebenso in Hoyerswerda, der Stadt, in der er seine Teenagerzeit verlebte und gerade ein neues Zuse-Museum eingerichtet wird. Das Konrad Zuse Archiv enthält viele Unterlagen aus dem Umfeld des Computerpioniers, und wir möchten ein Schreiben des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden betrachten, das die Pressestelle an den mit Zuse befreundeten Kurt Pauli schickte.

Jenes Schreiben enthält als Anlage einen dreiseitigen Brief, den Egon Hölder, der Präsident des Bundesamts, am 30. Juli 1986 konzipierte. Adressat war die Nobel-Stiftung in der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Hölder schlug in seinem Brief Konrad Zuse für den Physik-Nobelpreis vor. Zuse gewann den Preis leider nicht, wohl deshalb, weil Hölder nicht zu den Persönlichkeiten zählte, die alljährlich von der Nobel-Stiftung nach preiswürdigen Kandidaten gefragt werden.

Ein besserer Weg – das Gedankenspiel sei gestattet – wäre gewesen, einen der anderen deutschen Nobel-Laureaten um die Nominierung zu bitten, etwa Rudolf Mößbauer oder Klaus von Klitzing. Aber e ine Chance hätte Zuse nur gehabt, wenn ein weiterer Computerpionier in die engere Wahl gekommen wäre, wenn man also den Preis aufgeteilt hätte. 1986 gab es John Presper Eckert, der zusammen mit dem 1980 verstorbenen John Mauchly den ENIAC entwickelte, und John Atanasoff, der um 1940 den elektronischen Spezialrechner ABC schuf.

Am Ende holte Jack Kilby, Urvater des Mikrochips, des Taschenrechners und des Thermodruckers, im Jahr 2000 einen Physikpreis in Schweden ab. In einem früheren Blogbeitrag schilderten wir andere Nobel-Gewinner mit einem Bezug zur Informatik. Konrad Zuse ist aber der Nobelpreisträger der Herzen. Zum Schluss folgt die Beschreibung seines meteorologischen Computers (Konrad Zuse Internet Archive, CC BY-NC-SA 3.0).

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Ein Kommentar auf “Warum Konrad Zuse nicht den Nobelpreis bekam”

  1. Füßl, Wilhelm sagt:

    Ein Hinweis:
    Der Nachlass von Konrad Zuse im Archiv des Deutschen Museums ist komplett erschlossen und als Findbuch in „Kalliope“ online einsehbar. Natürlich stehen die Findbücher auch im Archiv des Deutschen Museums zur Verfügung.
    Und:
    Ich würde namentlich gezeichnet Artikel begrüßen.
    Dr. Wilhelm Füßl, Deutsches Museum, Leitung Archiv

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