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Wenn der Mensch so wird wie der Computer

Geschrieben am 30.01.2026 von

Nein, es gab nie einen Weltmarkt für nur fünf Computer. Schon vor neun Jahren sammelten wir im Blog erfundene Sprüche und irrige Voraussagen aus der Geschichte der Informatik. Heute gehen wir auf weitere Zitate ein, die Größen der Computerwelt zugeordnet wurden, die aber andere Urheber hatten. Zu den Opfern einer Falschzuschreibung zählte auch Konrad Zuse.

„Die Gefahr, dass der Computer so wird wie der Mensch, ist nicht so groß wie die Gefahr, dass der Mensch so wird wie der Computer.“ Diesen Spruch verbreitete das ZDF am 12. Mai 2025 zusammen mit einem Foto von Konrad Zuse; damit erinnerte es an die Vorführung seines Relaisrechners Z3 genau 84 Jahre zuvor in Berlin.

Bei den IT-Historikern löste die Info-Seite des ZDF Stirnrunzeln aus. Den Satz hatten sie nie gehört, und Konrad Zuse sagte 1985 dem SPIEGEL: „Ich habe mich nie von dieser Computer-Entwicklung in dem Sinne treiben lassen, daß ich selber zum Computer geworden bin. … Ich selbst brauche auch keinen Computer.“ Andrerseits fand sich das Zitat auf der Wikiquote-Seite im Netz; als Quelle wurde die Hersfelder Zeitung vom 12. September 2005 genannt. Das war allerdings knapp zehn Jahr nach Zuses Tod. Könnte der Spruch ein sogenanntes Falschzitat gewesen sein?

Hier und jetzt geben wir die Lösung des Rätsels bekannt. Der Spruch existierte wirklich, und er begann seine Karriere in etwas anderer Form in Amerika. Er steht auf Seite 75 des Buchs Risk, Survival and Power von 1970, das man nach Anmeldung im Internet Archive lesen kann. Sein Autor, der Chemiker und Unternehmensberater Robert Mueller, wurde 1913 in St. Louis geboren und starb 1999 in Acton nahe Boston. Die entscheidende Passage haben wir übersetzt und weitere Sätze angefügt:

„Die Gefahr des Computers ist nicht die Science-Fiction-Vorstellung, dass Maschinen wie Menschen denken werden, sondern die näher liegende Befürchtung, dass Menschen wie Maschinen denken könnten. Künstliche Intelligenz ist inhuman. Sie entwickelt sich nicht und hat keine Gefühle, sie geht nicht in die Tiefe. Während diese Defekte bei technischen Entscheidungen nur eine geringe Rolle spielen, sind sie umso wichtiger bei sozialen.“ Mit künstlicher Intelligenz meinte Mueller wahrscheinlich den Computer allgemein, nicht die KI von Schachmaschinen oder Chat-Programmen.

Der erste Satz verbreitete sich in verkürzter Form; er wurde dem Journalist Sydney Harris zugeschrieben, der von 1917 bis 1986 lebte. Irgendwann las Konrad Zuse die englische Fassung oder eine deutsche Version; im Gespräch mit dem Mathematiker Bernhard Korte – er gründete später das Bonner Arithmeum – meinte er 1994: „Jemand hat einmal gesagt, ‚die Gefahr, daß der Computer so wird wie der Mensch, ist nicht so groß wie umgekehrt die, daß der Mensch so wird wie der Computer‘. … Ich weiß nicht, wer es gesagt hat, aber das ist ein sehr wichtiges Wort.“

Alan Kay 2012 vor seinem berühmten Spruch (Foto Universität Paderborn, Mark Heinemann)

Die Stelle findet sich in Heft 2/1996 der Zeitschrift Kultur & Technik, siehe PDF-Seite 21. Vermutlich gelangte sie dann in die „Hersfelder Zeitung“, wobei Konrad Zuse zum Urheber avancierte. Zum Glück sind nicht alle Spruch-Geschichten so knifflig. Wir erzählten schon vom amerikanischen Informatiker Alan Kay und seiner Erkenntnis, dass der beste Weg, um die Zukunft vorherzusagen, ihre Erfindung wäre. Der Quote Investigator Gregory Sullivan wies aber in einer langen Analyse nach, dass das Bonmot auf den ungarisch-englischen Physiker und Nobelpreisträger Dennis Gábor zurückging.

Gábor legte die Idee 1963 im Buch „Inventing the Future“ nieder. Zwei Jahre später erschien dieses bei uns; die deutsche Ausgabe trug den Titel „Menschheit morgen“. Im elften Kapitel heißt es dort: „Die Zukunft kann nicht vorausgesagt werden, wohl kann man mögliche Zukunftsformen erfinden.“ Gábor dachte dabei sowohl an technische als auch an soziale und politische Innovationen wie zum Beispiel die Sommerzeit. Alan Kay änderte 1971 den ursprünglichen Wortlaut leicht ab.

Gregory Sullivan fahndete ebenso nach der Herkunft des Satzes „Gute Künstler kopieren, große Künstler stehlen“. Er wurde oft Steve Jobs zugeschrieben, der Apple-Gründer wies ihn Picasso zu. Wir können die Leser nur zu den Resultaten des Sprücheforschers lenken sowie zu Johann Wolfgang von Goethe. Der bemerkte am 4. Januar 1827 gegenüber seinem Freund Johann Peter Eckermann: „Sieht man einen großen Meister [Goethe sprach damals über Maler], so findet man immer, daß er das Gute seiner Vorgänger benutzte, und daß eben dieses ihn groß machte.“

Von Steve Jobs kommen wir zu Steve Wozniak und seiner Mahnung „Trau keinem Computer, den Du nicht aus dem Fenster werfen kannst“. Der Urheber war aber eher der Journalist Alan Stein: er schrieb am 12. Juli 1982 in der Zeitschrift InfoWorld, „that I would never again use a computer too large for me to throw out a window“. Das Zitat steht links oben auf der Seite. 1984 verkündete in einem Apple-Video ein Macintosh den Spruch „Never trust a computer you can’t lift“. Aus dem Fenstersturz und dem Hochheben dürfte der angebliche Ratschlag von Steve Wozniak entstanden sein.

Zum Schluss erinnern wir noch einmal an unsere erste Sprücheseite – die mit den fünf Computern – und kehren zu Konrad Zuse zurück. Die Homepage seines Sohnes Horst überliefert ganz am Ende einen Tipp, den sich alle KI-Experten merken sollten: „Wenn die Computer zu mächtig werden, dann zieht den Stecker aus der Steckdose.“

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