Computergurus küsst man nicht

Geschrieben am 13.11.2015 von

Seit dem 12. November läuft in unseren Kinos der Film „Steve Jobs“ über den charismatischen Mitgründer und jahrelangen Chef der Firma Apple. Den Titelhelden spielt der deutsch-irische Darsteller Michael Fassbender und die weibliche Hauptfigur, Jobs‘ Kollegin Joanna Hoffman, die Engländerin Kate Winslet; der Kanadier Seth Rogen verkörpert Stephen Wozniak. Wir haben uns den Film angesehen.

„Steve Jobs“ ist der vierte Spielfilm über den IT-Unternehmer, womit er mit Alan Turing gleichzieht, dessen Nachleben in Kino und TV wir schon im Juli beschrieben haben. 1999 erzählte „Die Silicon Valley Story“, eine Produktion des Kabelkanals TNT, die Karriere des verstorbenen Apple-Chefs, und 2013 erschien der ähnlich gestrickte Kinofilm „Jobs“. Im gleichen Jahr kam auch das parodistische Video „iSteve“ heraus, das man – vielleicht das einzig Gute daran – gratis im Internet anschauen kann.

„Steve Jobs“ kommt vom amerikanischen Studio Legendary Pictures, und Regie führte der Engländer Danny Boyle. Die Titelfigur spielt der in Heidelberg geborene und in Irland aufgewachsene Michael Fassbender. Für ihn war es die zweite Rolle mit IT-Bezug, denn 2012 verkörperte er im SF-Streifen „Prometheus“ den Roboter David. Auch für Drehbuchautor Aaron Sorkin war „Steve Jobs“ der zweite Computerfilm: 2010 schrieb er das Skript der Facebook-Geschichte „The Social Network“.

Der Film startet mit einem kurzen historischen Video von 1974, dem einzigen im Streifen, wenn man von den wenige Sekunden langen Clips aus Fernsehnachrichten absieht, die später erscheinen. In jenem Video wirft der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke einen Blick in die Computerszene des Jahres 2001, wobei er schon eine Art Internet skizziert. Im Hintergrund sieht man ein Rechenzentrum alter Art mit kleiderschrankgroßen Mainframes und schlipstragenden Technikern.

Anschließend nimmt „Steve Jobs“ Fahrt auf und schildert in drei Kapiteln, was 1984, 1988 und 1998 vor den Präsentationen des kultigen Macintosh, des kubischen NeXT und des kugeligen iMac mit Jobs und um ihn herum passierte. Wir sehen ihn teils freundlich (mit Apple- und NeXT-Marketingleiterin Joanna Hoffmann), teils im Streit (mit Ex-Freundin Chrisann Brennan und Apple-Mitgründer Stephen Wozniak) und mal so mal so (mit Programmierer Andy Hertzfeld und Apple-Direktor John Sculley).

Rückblenden führen ins Jahr 1977, als Wozniak den Apple II schuf, und in das schicksalhafte Jahr 1985, in dem Jobs nach dem verlorenen Machtkampf mit Sculley Apple verließ und die Firma NeXT ins Leben rief. „Steve Jobs“ ist aber kein Industriefilm, sondern treibt die Handlung in superschnellen Dialogen voran, die an alte Screwball Comedies erinnern. Manchmal bleibt ihr Sinn allerdings dunkel, etwa bei Diskussionen über Skinheads im berühmten 1984-Werbespot oder über den Gipscomputer auf dem Cover von TIME.

Klar wird die alle Kapitel überspannende Beziehung zwischen Steve Jobs, seiner früheren Freundin Chrisann Brennan und ihrer Tochter Lisa, die Jobs zunächst nicht als sein Kind anerkennt. Nach und nach ändert sich seine Haltung, und der Film schließt mit einem zu Herzen gehenden Happy End, bei dem Jobs nicht nur seinen Frieden mit der 19-jährigen Lisa macht, sondern auch den iPod ankündigt. Zuvor erlebt der Zuschauer eine späte Liebeserklärung von Joanna an Steve, die aber mit ziemlicher Sicherheit unhistorisch ist, da Joanna Hoffman 1998 nicht mehr für Apple tätig war.

„Steve Jobs“ ist jedenfalls kein Historienfilm, sondern eine Gefühlsgeschichte mit viel Hollywood-Psychologie und exzellenten Schauspielern. Zu loben sind besonders Michael Fassbender – der wohl auf eine Oscar-Nominierung hoffen kann – und Kate Winslet in der Rolle der Joanna Hoffman. Katherine Waterston als Chrisann Brennan und Seth Rogen als Stephen Wozniak müssen leider zu oft die Querulanten geben, und Jeff Daniels als John Sculley wirkt eine Nuance zu dick.

Wer sich für die Realitäten interessiert, die direkt auf die Fiktionen folgten, findet hier die echte Produktvorstellung des Macintosh 1984 und hier die des iMac 1998; die Präsentation des NeXT von 1988 ist nicht online überliefert. Hinweisen wollen wir auch auf den neuen Dokumentarfilm „Steve Jobs – The Man in the Machine“ und auf die schönste aller Screwball Comedies, „Leoparden küsst man nicht“: hier ist das Original von 1938.

 

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